Archive for the Category Kurzgeschichte

 
 

Fremdenführung

 

Wir hatten im Internet eine Annonce aufgegeben, dass wir unser Haus im Bremer Norden verkaufen wollten. Einfach zu groß, nachdem die Kinder ausgezogen waren, der Garten zu arbeitsintensiv, die vielen Treppen und das alte, enge Bad nicht altengerecht.
Es ist ein altes Haus, 1934 gebaut, sicher von einem Werftarbeiter, der beim Vulkan geschuftet hat. Alle Häuser in der Straße sehen ähnlich aus und es heißt, wenn der Vulkan eine Sirene hätte schalten können, um alle Teile zurückzupfeifen, die unerlaubterweise beim Schiffsbau über Jahrzehnte hinweg entwendet worden waren, würden in der ganzen Umgebung die Häuser in sich zusammenfallen.
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Der Schrank

 

»Komm, Schatz, wir müssen los!«
Die Mutter hat die Tür zum Kinderzimmer geöffnet, schaut verblüfft in die leere Spielecke, dann zum Bett, sieht die zusammengeknüllte Bettdecke, unter der sich die Umrisse eines kleinen Körpers abzeichnen.
»Was ist los, Svenja? Bist du müde? Du kannst gleich bei Oma schlafen.«
»Ich will nicht bei Oma schlafen?«
»Du willst nicht bei Oma schlafen? Warum das denn nicht? Du gehst doch sonst gern zu Oma.«
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Der Gasherd

 Manchmal, aber nur manchmal denke ich an meinen Gasherd. Diesen vermaledeiten Gasherd, der der Grund für unsere Scheidung war. Mein Mann hat die Situation einfach nicht mehr ausgehalten. War ja auch zum Verrücktwerden.
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Tiergestützte Vernehmung

 

Ich solle keine Angst haben, sagt der kleine Mann mit den grauen Haaren. Er schaut mich freundlich an und zeigt auf die Tür. »Deine Mama wartet hier auf dich.«
Ich halte mich an Mama fest. Nein, ich will nicht mit, auch nicht mit diesem netten Mann. Er ist so alt, und er hat viele Linien im Gesicht. Genau wie Onkel Karl.
»Nun geh schon«, sagt Mama und gibt mir einen kleinen Schubs. »Ich lauf nicht weg.«
Der Mann ist ein Professor, hat Mama gesagt und ich muss ihm alles sagen, was ich weiß. Und immer die Wahrheit. Aber Onkel Karl hat gesagt, ich dürfe uns nicht verraten. Die anderen Erwachsenen seien dumm. Die könnten nicht verstehen, dass wir uns so lieb haben.
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Paradiesisch

 

Die Hunde hören sie schon von weitem. Helles, fröhliches Gekläff. Die Fahrt von Madrid über die Meseta bis an die Antlantikküste war anstrengend. Der kleine Peugeot holpert seit einer halben Stunde über die ausgetrockneten Spurrinnen des sandigen Dünenweges. Das Gästehaus soll am Meer liegen, ganz einsam am Rande eines Naturschutzgebietes.
»Wo es Hunde sind, gibt es auch Menschen, Piet«, sagt Evi zu ihrem Mann. Nach der nächsten Kurve kommen drei kniehohe, braun-weiß gefleckte Hunde kläffend und jaulend auf den Wagen zugerannt.
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Das Foto

 

Unsere Tochter hat das Foto herausgesucht. Wir brauchten ein Bild für die Trauerfeier, um es in der Kapelle an den Sockel zu lehnen, auf dem die Urne steht. Ein schönes Bild von dir. Sie hat es vor vielen Jahren gemacht, bei unserem letzten gemeinsamen Urlaub.
Jung siehst du aus. Und fröhlich. Der Wind hat dir dein dichtes, dunkles Haar ins Gesicht geweht. Mit der rechten Hand versuchst du, die Strähnen zu bändigen. Die Augen sind zusammengekniffen, du schaust in die Sonne. Dein Mund lacht in die Welt.

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Junge Frau vor dem Badezimmerspiegel

Man sieht nichts. Definitiv gar nichts. Mein Bauch ist flach wie ein Brett. Dabei bin ich schon vier Wochen überfällig. Glück gehabt? Pech gehabt?
Du bist schön, hat er gesagt und mich auf die Wange geküsst. Schön wie eine Lilie im Morgentau. Schönschwätzer! Auch sein Atem roch fahl. Seine fetten Finger suchten den Weg in meinen Slip.


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Pechvogel

Mäxchen war ein nettes Baby, freundlich und still und – zur Freude seiner Mutter – unheimlich verfressen. Das Kerlchen blühte und gedieh.
»Nein, was sieht das Jungchen gesund aus«, sagte die Omi. »So ein nettes dralles Baby!«
Er lächelte alle an, schlief von Anfang an durch und machte nie Probleme, bis, ja bis seine Mutter ihn in der Kita anmeldete. Dort wurde er zum Liebling aller weichherzigen Erzieherinnen, so ein unproblematisches Kind gab es selten, so anhänglich und lieb, aber dann wurde immer deutlicher, dass die Sprachentwicklung hinter der gleichaltriger Jungen zurückblieb. Von den Mädchen ganz zu schweigen, die waren ihm Welten überlegen. Auch motorisch lief er nicht gerade zur Höchstform auf. Männchen malen, die Lieblingsaufgabe der freundlichen Kindergärtnerinnen, bei deren Interpretation sie ihre psychologischen Fähigkeiten schulen wollten, war für den Kleinen eine Tortur. Den Männchen fehlten entweder Arme oder Beine, der Kopf geriet viel zu groß oder zu klein. Und basteln wollte er auch nicht.
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Werkstattgespräch

 

Der Geruch nach Öl und Benzin ist überwältigend und mischt sich mit den warmen Luftschwaden, die durch die offene Tür eindringen. Drei alte Autos mit hochgeklappter Motorhaube stehen in der kleinen, dunklen Werkstatt.
»Que calor«, stöhnt der junge, dickbäuchige Mechaniker, der sich über die geöffnete Kühlerhaube des großen Renault beugt und seine kräftigen, stark tätowierten Oberarme im Motorraum verschwinden lässt. Die schmutzige Hose rutscht ihm halb über den Hintern.
»Hmm«, sagt er, «hmm« , hebt sein mit schwarzen Bartstoppeln zugewachsenes Gesicht. Er wischt mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn und winkt seinen Lehrling heran, der ebenfalls mit gerunzelter Stirn auf die Kabel und Schläuche starrt. Auch der kleine Bengel, der die ganze Zeit still mit einem großen Schraubenzieher an einer Radkappe herumgeschraubt hat, legt sein Werkzeug beiseite, schiebt eine Kiste heran, auf die er klettert, um mit demselben sorgenvollen Blick in den Motor zu schauen. Mit dem öligen Tuch wischt der Mechaniker sich die Hände ab, zieht mit einer energischen Bewegung die Hose über Bauch und Po.
»Feio, muy feio!«
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Nachlese

 

Die »Freundin« gibt es bei dem kleinen Kiosk am Rand der Promenade. Ich greife sofort zu und bin freudig überrascht, dass es meine Lieblingszeitschrift auch in Spanien zu kaufen gibt.
»Viele Deutsche hier«, sagt der alte Besitzer und lächelt mich unter seiner Fischermütze verschmitzt an. »Viele einsame Frauen.«
Ich kriege sofort einen roten Kopf. Stammele in Spanisch: » No soy soltera. Mi marido va venir la proxima semana. El tiene negocios en Alemana.«
Er nickt. Ob er mir glaubt, dass ich verheiratet bin und mein Mann nachkommt?
»La senora habla muy bien espanol, muy bien«, sagt er.
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