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Maikäfer flieg

 

 

Die Lokomotive pfeift, der Schall

durchsticht eisblaue Luft.

Ratatata. schlagen die Räder.

Das schwarze Band der Schienen

zerreißt die Schneewüste bis zum Horizont

Wartet. Wartet auf mich.


 

Ein heiserer Schrei aus aufgerissenem Mund

Wasser und Blut, das Kind rutscht heraus.

Sie durchbeißt die Nabelschnur wie ein Tier

Unter dem Mantel

der Sohn zwischen ihren Brüsten geborgen.

Auf dem Weg von dort nach hier

von hier nach dort.


 

Müde ist sie, todmüde.

Sie wiegt das Kind in den Schlaf

»Maikäfer flieg»

Kein Stall, keine Krippe, keine dampfenden Tiermäuler

wärmen ihren Erstgeborenen.

 

„Dein Vater ist im Krieg“.

Scharfäugige Tiefflieger auf Beute lauernd

im leeren Himmel.


Soldaten finden die perverse Ikone

erfroren im Schnee.

Nehmen die Mütze vom Kopf.

Ein Fiepen aus dem Mund des Säuglings

Das Kind lebt. Das Kind schreit.

Ein Wunder. Heilige Mutter Gottes. Ein Wunder.

„Maikäferkäfer flieg“.

Wohin?

Nach Hause.

 

 

 

 

Torfkahn

Auf der Wiese ein verlassener Torfkahn.
Schwarz gestrichen, ohne Segel,
auf Vierkanthölzern aufgebockt,
nutzlos.
Der graue Kranich bewegungslos auf der Klampe,
letzter Überlebender der Arche.
Der Knall eines Auspuffs zerreißt die Stille.
Flatterndes Schlagen der langen Flügel,
den Schnabel geöffnet zum heiseren Schrei.
Flucht über das Wasser.
Grau grüne Schlieren
Entengrütze und abgestorbenes Holz.
Hier und da schwarze Löcher
bodenlos
Eckeneckepens Töchter tanzen auf dem Grund
mit grinsenden Schädeln.
Zeugen einer vergangenen Zeit,
unterlegen im Kampf ums Wasser.
Verwesung, Fäulnis und Tod.
Nirgendwo ein Regenbogen.