Archive for September 2013

 
 

Junge, komm nie wieder …

ring»Käpt‘n, backen und banken!«, Greta hängt sich über die kunstvoll gedrehten Tampen, die die Terrasse begrenzen, schaut hinunter auf die 27-Fuß Westerly, die am hauseigenen Steg sanft in den braunen Wellen der Schlei schaukelt, und winkt hektisch mit den Armen. Backen und banken, lächerlich. Das Essen ist fertig, basta.

Ein großer, bärtiger Typ im Overall, Elbsegler auf dem kahlen Kopf, eine brennende Pfeife schief im Mund, kniet auf dem Vordeck. Neben ihm steht eine Dose mit Klarlack und er pinselt sorgfältig Planke für Planke des Stabdecks ein. Der Mann hebt nicht einmal den Kopf, abgeschirmt hinter einer Wand von Seemannsliedern, die aus dem voll aufgedrehten CD-Player im Cockpit dröhnen. Resigniert lässt Greta die Arme sinken. Freddy Quinn singt »Junge, komm bald wieder«. Schiff und Mann sind in einen schalldichten Kokon gehüllt, da kommt ihre Stimme nicht durch.
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Maikäfer flieg

 

 

Die Lokomotive pfeift, der Schall

durchsticht eisblaue Luft.

Ratatata. schlagen die Räder.

Das schwarze Band der Schienen

zerreißt die Schneewüste bis zum Horizont

Wartet. Wartet auf mich.

 

 

Ein heiserer Schrei aus aufgerissenem Mund

Wasser und Blut, das Kind rutscht heraus.

Sie durchbeißt die Nabelschnur wie ein Tier

Unter dem Mantel

der Sohn zwischen ihren Brüsten geborgen.

Auf dem Weg von dort nach hier

von hier nach dort.

 

 

Müde ist sie, todmüde.

Sie wiegt das Kind in den Schlaf

»Maikäfer flieg»

Kein Stall, keine Krippe, keine dampfenden Tiermäuler

wärmen ihren Erstgeborenen.

 

„Dein Vater ist im Krieg“.

Scharfäugige Tiefflieger auf Beute lauernd

im leeren Himmel.

 

Soldaten finden die perverse Ikone

erfroren im Schnee.

Nehmen die Mütze vom Kopf.

Ein Fiepen aus dem Mund des Säuglings

Das Kind lebt. Das Kind schreit.

Ein Wunder. Heilige Mutter Gottes. Ein Wunder.

„Maikäferkäfer flieg“.

Wohin?

Nach Hause.

 

 

 

 

Torajaland

 

„Dein Wille geschehe wie im Himmel so… „, Christiane nimmt die Hände von der Tastatur ihres Rechners. Ihr Blick wandert in den sonnigen Pfarrgarten vor dem Fenster ihres Arbeitszimmers, verweilt einen Moment an den noch in voller Pracht stehenden Astern und Dahlien. Die Äste der großen Kastanie an der eisernen Eingangspforte schaukeln heftig im warmen Herbstwind, die Blätter sind an den Rändern bräunlich gefärbt und sehen ungesund und schlaff aus. Kastanienkrankheit?
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Bird Watching

image008«Wann kommen sie endlich?», der kleine Junge zerrt an der Hand der Mutter. «Mir ist kalt.»

Die Mutter zieht dem Kind die Mütze tiefer in die Stirn, knöpft ihm den Mantel zu, wickelt den Wollschal fester um den Hals.

«Es dauert nicht mehr lange, bestimmt nicht. Guck mal, die Sonne ist gleich hinter den Bäumen verschwunden.»

«Warum kommen sie, wenn es dunkel wird? Dann sehen sie doch nichts mehr.»

«Nicht wenn es ganz dunkel ist», sagt die Mutter und kramt den Fotoapparat aus der Tasche. «Wenn es dämmrig wird. Sie brauchen einen Platz zum Übernachten.»
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