Torajaland

 

„Dein Wille geschehe wie im Himmel so… „, Christiane nimmt die Hände von der Tastatur ihres Rechners. Ihr Blick wandert in den sonnigen Pfarrgarten vor dem Fenster ihres Arbeitszimmers, verweilt einen Moment an den noch in voller Pracht stehenden Astern und Dahlien. Die Äste der großen Kastanie an der eisernen Eingangspforte schaukeln heftig im warmen Herbstwind, die Blätter sind an den Rändern bräunlich gefärbt und sehen ungesund und schlaff aus. Kastanienkrankheit?

Seit 25 Jahren betreut Christiane als Pastorin eine Gemeinde am nördlichen Rande des Ruhrgebiets. Mit Elan und Mut hat sie sich damals in die Jugendarbeit gestürzt, die Frauenhilfe neu belebt, die Integration der Gastarbeiter unterstützt. Aber nicht nur der industrielle und wirtschaftliche Niedergang der Ruhrgebietsstädte erschwert ihre Arbeit, auch der stete Rückgang der Gottesdienstbesucher frustriert sie mehr und mehr. Die Kirche ist nur noch an Heiligabend gefüllt. Sie ist die Eventfrau, die bei Hochzeiten und zu Weihnachten für feierliche Stimmung sorgt.

Doch es sind Beerdigungen, die ihr Leben als Pastorin bestimmen. Sie hat endlose Traueransprachen in ihrem Computer gespeichert. Trauer-Module, die sie beliebig zusammensetzen kann. „Liebe Trauergemeinde…“. Routine. Leider. Sie hat gelernt, sich zu distanzieren, ihre eigenen Gefühle in Schach zu halten.

Doch an diesem Spätnachmittag kommt sie nicht weiter mit ihrer Predigt für die Trauerfeier morgen früh. Die ritualisierten Worte des Glaubensbekenntnisses zerfallen ihr wie Staub. „Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches.“ Tut sie das?

Die 23jährige Tochter eines befreundeten Pfarrers, selbst Mutter einer kleinen Tochter, ist von einem Lastwagenfahrer überrollt worden, der am Steuer eingeschlafen war. Abgrundtiefe Verzweiflung bei dem jungen Ehemann, auch der Pfarrer und seine Frau sind in ihrer Trauer erstarrt. „Dein Wille geschehe“, das kann auch ein Pfarrer nicht beten. Nicht als Betroffener. Der Tod der jungen Frau als Gottes Wille? An diesen Worten würde sie ersticken.

Welchen Trost kann sie geben? Der Freund hat sie gebeten, den Trauergottesdienst zu halten. Sie fühlt sich der Aufgabe nicht gewachsen. Was ist, wenn sie morgen auf der Kanzel in Tränen ausbricht? Wenn ihr die Stimme versagt?

Christiane steht auf, geht, nimmt den Becher mit dem inzwischen kalt gewordenen Kaffee vom Schreibtisch, stellt sich ans Fenster. Weiße Cumulus-Wolken treiben über den Himmel. Der Wettermann verspricht auch für morgen einen sonnigen Tag, ohne Regen.

Sie schluckt, kämpft mit aufsteigenden Tränen, fixiert die weiße Wand, ihr starrer Blick bleibt hängen an der indonesischen Machete über dem hellen Ledersofa, die aufgehängt an einem bunten Gurt mit der Spitze nach unten baumelt. Sie nimmt das Schwert vom Haken, zieht es aus der hellbraunen Bambusscheide. Die breite Eisenklinge ist rostig, aber die Schneide ist immer noch verblüffend scharf. Die Bilder sind wieder da. Bunt und eindringlich, so lebendig als sei sie erst gestern auf der Totenfeier gewesen. In Sulawesi, bei den Torajas.

Inmitten Hunderter festlich gekleideter Menschen in farbenfrohen Saris sitzt die Theologie-Studentin Christiane als Gast bei einer Totenfeier, die zu Ehren eines verstorbenen Dorfbewohners stattfindet. Tee bietet man ihr an in hauchdünnen kleinen Tassen, Schalen mit Reis und Huhn und Gemüse. Ein Gamelan – Orchester spielt, die Menschen reden und lachen und essen, lauschen der Musik, rezitieren Gedichte, tanzen.

Dumpfe Trommelschläge lassen auf einmal alle Gespräche verstummen. Ein junger Mann führt einen weißen Wasserbüffel in die Arena. Seinen mächtigen Kopf mit den großen Hörnern schüttelnd, betrachtet das Tier gleichmütig die Menschen auf den Tribünen. Fern aller Panik lässt sich der Büffel im Kreis herumführen, gehegt und geliebt, nur für diesen Tag. Er ist gezüchtet worden, um seinen Besitzer ins „Puya“, ins Jenseits, zu begleiten.

Mit wasserblauen Augen blickt der Büffel auf den Mann, der ihm ruhig und liebevoll über die Stirn streicht. Er hält das Tier am Halfter, führt es noch ein paar Schritte zur Mitte des Platzes. Dann geht alles so blitzschnell, dass Christiane kaum folgen kann. Ein Trommelwirbel. Die Schneide einer Machete blitzt für den Bruchteil einer Sekunde auf, die Bewegung des Armes ist nur verwischt wahrnehmbar. Mensch und Tier stehen für einen kurzen Moment wie eingefroren. Dann stöhnt das Tier auf, ein Blutschwall schießt aus der durchtrennten Halsschlagader. Langsam knickt er mit den Vorderbeinen ein, versucht, noch einmal auf die Füße zu kommen. Ein letztes Heben des mächtigen Kopfes. Ein Junge kommt mit einem Bambusrohr, fängt den Blutschwall auf, bevor er auf den Boden spritzt.

Kein Blutrausch, sondern Ehrfurcht. Der weiße Büffel wird den Toten ins andere Leben führen.

Christiane schiebt die Machete zurück in die Scheide. Welche Gnade, an ein Leben nach dem Tod glauben zu können.


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