Archive for the Category Erzählungen

 
 

Der Clown

Warum dieses Skelett auf dem Motorrad sitzt, wollen Sie wissen. Neben meinem grün-weißen Zirkuswagen? Und warum ich so traurig aussehe. Das wollen Sie auch wissen? Weil Clowns fröhlich zu sein haben, unbeschwerte Spaßmacher, die die Leute zum Lachen bringen, nicht wahr? Und ich hätte in meinem weißgeschmickten Gesicht schon Trauerfurchen, die die Schminke sprengen würden, sagen Sie. Und meine Mundwinkel seien auch künstlich nach oben geschminkt. Alles Maske, denn meine Augen würden mich verraten. Die blickten so traurig. Ob ich depressiv sei, wollen Sie wissen? Ich weiß nicht. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen meine Geschichte. Aber nur, wenn Sie Zeit und Lust haben. Ich will mich nicht aufdrängen.
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It is Bear Country

 

10. April 2017
Gestern bin ich mit meinem Professor nach Oslo geflogen. Von Bremen aus mit Ryanair. Logo, auch die Uni muss sparen. Aber das Angebot des Alfred-Wegener-Instituts, gemeinsam auf Spitzbergen zu forschen, konnte mein Prof sich nicht entgehen lassen. Und ich habe Luftsprünge gemacht, als er mich fragte, ob ich nicht mitkommen wolle zu der internationalen Forschungsstation nach Ny-Alesund. Wäre sicher gut für meine Master-Arbeit. Und wer weiß, vielleicht springt noch eine Promotion dabei heraus. Atmosphärische Forschung, das genau ist es, wofür ich mich als Biologin interessiere. Ein Forscherteam soll die riesigen Algenteppiche im Nordmeer untersuchen und die Auswirkung des Klimawandels auf die Pflanzen: Chlorophyllgehalt, Pigmente, Antioxydantien. Die Gletscher schmelzen und das ist der Grund, dass das Wasser im Nordmeer immer weniger salzhaltig ist. Die Konsequenzen für Flora und Fauna sind unübersehbar.
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Termessos – Stadt der toten Helden

Der zottelige Hirtenhund kommt auf uns zugesprungen, als wir aus dem Auto steigen. Jung scheint er zu sein und übermütig. Er versucht, an mir hochzuspringen und ich wehre ihn ab und streichele sein struppiges Fell. Hat ihn ein Besucher hier ausgesetzt? Oder hat er die Ziegenherde zurückgelassen oben in den Ruinen von Termessos, um in die Welt der Lebenden zurückzukehren?
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Engel mit gebrochenen Flügeln

Sie hatte sich lange gescheut, davon zu erzählen, hatte sich zu sehr geschämt. Sie, Beate, eine gestandene Frau Anfang 40, Anästhesistin, zwei pubertierende Töchter, allein erziehend. Sie kam ja auch gut klar, war praktisch und kontaktfreudig, hatte einen großen Bekannten- und Freundeskreis. Wenn nur diese nagende Sehnsucht nicht gewesen wäre, diese Hoffnung, es könnte doch noch klappen mit einer harmonischen Partnerschaft, vielleicht sogar mit einer leidenschaftlichen Liebesaffäre.
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Teachers` Outing

She was hopeless at reading maps. Utterly hopeless. Maybe that was one of the reasons why her husband divorced her. He just couldn’t stand her looking at a map upside down figuring out where they were. He started to yell, she started to cry. Same procedure every year.
But she was not completely stupid. As a matter of fact she was pretty good at organizing things. For example, the yearly outing of her colleagues at school. The other teachers liked her ideas. And when she proposed at the end of the summer term to hire a fishing boat to take them to the seals banks in the North Sea, they enthusiastically accepted. The school being only an
hour’s drive away from Fedderwardersiel, a small fishing village where the boat would set off at 10 o‘ clock in the morning.
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Reisefieber

Von hier oben ist der Blick auf Madrid grandios. Doch die Luft ist stickig, auch wenn die schräge Dachluke einen Spalt geöffnet ist. Weiter kann man sie nicht aufmachen, sonst fliegen die Tauben herein, und in Windeseile ist der Dachboden vollgeschmiert mit einer ekligen Schicht weißlicher Taubenscheiße. Nicht dass es hier wertvolle Dinge gibt: eine ausrangierte Truhe mit angeschlagenem Geschirr, Pappkartons mit muffig riechenden Mänteln und Jacken. Ein alter Kinderwagen steht in der Ecke, mit geflochtenen elfenbeinfarbenen Seitenwänden und winzig kleinen Rädern. Von einem grünen Kaufmannsladen blättert die Farbe ab und die Türen klemmen. Unter der Schräge gammeln auf einem primitiv zusammengezimmerten Regal diverse  Plastiktüten mit abgetragenen Schuhen und Stapel von sorgfältig gebündelten Zeitungen vor sich hin. Zwischen all diesen ausrangierten Dingen, den Zeugen besserer Zeiten, hat man auch mich vergessen.
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All-Inclusive

“Geh noch zur Toilette, Alexander“, höre ich in der Flughafenhalle eine ältere Frau zu ihrem Mann sagen. “Sonst musst du wieder im Flugzeug.”
“Du behandelst mich wie ein kleines Kind”, knurrt der Gatte, macht sich aber brav auf den Weg.
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Geistwesen

Harold wollte nicht mitkommen. Kann ich ja verstehen. Er hasst Zusammenkünfte mit vielen Menschen. Fühle sich eingeengt, sagt er. Kriege keine Luft zum Atmen. Früher war er ganz anders. Harold konnte nicht genug kriegen vom Feiern und Tanzen. Trank auch gern mal ein Gläschen zu viel, war lustig und gesellig. Manchmal war ich ganz neidisch, wie beliebt er war bei Freunden und Kollegen. Aber seitdem mit Per Ole passiert ist, was passiert ist, ist er in ein Schneckenhaus gekrochen.
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Urlaubsplanung

Es ist dunkel draußen. Oliver und Marita sitzen im Wohnzimmer. Sie sind Mitte 40, seit fast zwanzig Jahren verheiratet. Sie haben keine Kinder, finanziell geht es ihnen gut. Oliver ist Informatiker, Marita arbeitet in einer staatlichen Kita. Beide sind müde von der Arbeit. Oliver macht den Fernseher an. Marita blättert in einem Stoß bunter Prospekte.

Sie:    Was machen wir in den Herbstferien?
Er:     Wieso Herbstferien?
Sie:    Du hast gesagt, du würdest dir im Oktober zwei Wochen frei nehmen.
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Schulalltag

Eine Berufsschulklasse in einer deutschen Großstadt: 22 Schüler und Schülerinnen, die meisten von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Alle wollen ihren Hauptschulabschluss nachmachen.
Die Englischlehrerin – Ende 20, klein und grazil, blonde, halblange Haare– betritt die Klasse.

Lehrerin:     Good morning, ladies and gentlemen!
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