Archive for Juli 2023

 
 

Sterben

 

Der Besuch

Herzklopfen, das kenne ich, wenn ich aufgeregt bin oder irgendwie Angst habe. Auch heute pulsiert das Adrenalin in meinen Adern, ehe ich auf den Klingelknopf drücke. Lilge-Simon Stift. Hospiz.
Ursel lebt noch, so viel ist sicher. Sonst hätte man mich benachrichtigt. Aber was erwartet mich?
Der Türöffner brummt, die Glastür schiebt sich auseinander. Die Bänder der FFP2-Maske über die Ohren fummeln. Im Eingangsbereich den Impfpass vorzeigen: viermal geimpft.
»Zimmer 2« sagt die nette Schwester am Tresen. Gehen Sie nur rein. Frau Melchers schläft wahrscheinlich noch.
Ich drücke die Türklinke leise nach unten. Öffne die Tür einen Spalt und schiebe den Kopf ins Zimmer.
Die Schwester hat recht. Ursel liegt im Bett, das Gesicht eingefallen und grau, die Lider geschlossen. Der Mund steht auf, ein Loch mit dunklen Zahnstümpfen. Ich trete ein, schließe die Tür, schiebe einen Stuhl ans Bett, setze mich und betrachte die Sterbende vor mir. Ein Stöhnen aus ihrem Mund. Ich berühre sanft ihren Arm, streiche über die geschundene, blau angeschwollene Hand, die so viele Einstichstellen aufweist. Natürlich, man hat sie im Krankenhaus noch an den Tropf gelegt.
Akutes Nierenversagen, hatte vor einer Woche das Blutbild ergeben, das der Hausarzt am frühen Morgen gemacht hatte, nachdem ich ihn angerufen hatte. Er bestand darauf, den Krankenwagen zu rufen. Redete von Dialyse.
»Doch nicht wirklich«, sagte ich fassungslos. »Ursel will nicht ins Krankenhaus. Sie will keine Behandlung.«
»Das ist unterlassenen Hilfeleistung«, sagte der Arzt. »Wir können sie nicht einfach sterben lassen.«
»Warum nicht?«, fragte ich. »Frau Melchers ist 91, sie hat ihr Leben gelebt. Sie will nicht mehr.«
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht verantworten. Wer sind Sie überhaupt, wenn ich fragen darf. Eine Verwandte?«
»Nein, nur die Nachbarin!«
»Dann könen Sie gar nichts entscheiden. Gibt es Angehörige?«
»Ja. Eine Tochter in Australien. Einen Sohn, der zurzeit in Slowenien in Urlaub ist. Ich habe seine Handynummer.«
Ich wählte seine Nummer.
»Ich bleibe bei ihr, Lars«, sagte ich, als ich ihn erreicht und ihm die Situation geschildert hatte. »Sie will nicht ins Krankenhaus.«
»Gib sie mir«, sagte der Sohn. Ich hörte, wie er auf sie einredete.
»Es ist besser für dich und auch für mich«, hörte ich Lars sagen. »Du musst den Krankenwagen rufen.«
»Das tue ich nicht, Lars. Das kann ich nicht verantworten, diese Quälerei im Krankenhaus. Da kommt sie nie mehr raus, das ist dir doch wohl klar.«
»Dann rufe ich an«, sagte er.
Der Krankenwagen brauchte nur 10 Minuten. Ich machte einem resoluten dicken Pfleger auf, gefolgt von einem jungen Kollegen.
»Frau Melchers möchte nicht ins Krankenhaus«, sagte ich. »Es gibt eine Patientenverfügung.«
Der Pfleger ächzte die steilen Stufen hoch, Poltertee ins Schlafzimmer, herrscht die Kranke an.
»Was habe ich gehört? Sie wollen nicht ins Krankenhaus?«
Ursel schüttelt den Kopf. »Kein Krankenhaus und keine Behandlun«, Flüstertee sie.
»So geht das nicht«, sagt der Pfleger. »Ihre Niere ist dabei zu versagen. Sie werden eien schrecklichen, schmerzhaften Tod erleiden.«
Die Patientin guckte mich verunsichert an.«Stimmt das?«
Ich zuckte hilflos mit den Schultern. »Was hat Lars gesagt?«
»Er ist fürs Krankenhaus.«
Resigniert schlosst Ursel die Augen. Weder sie noch ich wussten zu diesem Zeitpunkt, dass das mit dem qualvollen Sterben eine Lüge war. Nierenversagen scheint eher ein gnädiger Tod zu sein.
Das Telefon. Wieder Lars. »Ich sitze im Auto. Ich fahre über Nacht. Bin morgen früh in Bremen.«
»Wo ist die Versicherungskarte?«, fragte der Pfleger. »Die brauchen wir.«
Ich hatte keine Ahnung, ging aber ins Wohnzimmer, um in ihren Akten zu stöbern. Der jüngere Pfleger folgte mir.
»Setzen Sie sich durch. Das ist Wahnsinn, was hier passiert.«
Ich schüttelte den Kopf. »Sie haben es gehört. Ich habe keinerlei Befugnisse, ich bin keine Verwandte. «
Ein Schrei der Patietin oben. Eine männliche Stimme. »So eine Sauerei!«
Ich renne nach oben. Usel schreit vor Schmerzen. Der Pfleger hat ihr offensichtlich grob die Infusion aus dem Unterarm gerissen. Die Haut ist mit abgerissen.
»Jetzt brauchen wir nur noch ein Krankenhaus. In Bremen-Nord ist alles voll«, hörte ich den Pfleger sagen. »Wir brauchen eins mit Dialyse-Möglichkeiten.«
Ich strich Ursel noch über den Kopf, murmelte noch was von »Keine Angst! Alles in Ordnung« und hasste mich für meine Lüge.

Und nun sitze ich an Ursels Bett im Hospiz. Ursels langjähriger Hausarzt war einen Tag später aus seinem Urlaub zurückgekommen, mischte sich ein und sorgte dafür, dass alle Behandlungen abgebrochen wurden. Dank seiner Intervention gelang es sogar, einen Hospizplatz zu bekommen.
»Wir wollen doch alle, dass Ihre Mutter ruhig und würdig sterben kann, ohne Schmerzen«, sagte er zu Lars.
Im Hospiz hatte Lars noch versucht, die Leiterin zu überreden, seine Mutter an den Tropf zu hängen. Auch die weigerte sich. »Wir machen hier keine sinnlosen, lebensverlängernden Maßnahmen«, sagte sie entschieden.
Und nun liegt Ursel seit drei Tagen im Hospiz, hat ein Einzelzimmer, wird von nicht gestressten Krankenschwestern gehegt und gepflegt. Auch Renate ist aus Australien gekommen und Ursel hat sich verblüffend erholt, ist wach, klar im Kopf, redet wieder, lächelt.
Lars hat wieder Hoffnung geschöpft. »Wir sollten vielleicht doch versuchen …«
»Nein, sagt seine Schwester rigoros. »Wir versuchen nichts mehr. Wir lassen sie friedlich gehen. Keine Quälereien mehr.«
Und nun sitze ich an ihrem Bett. Seit gestern hat sich ihr Zustand dramatisch verschlechtert. Sie schläft nur noch, ihr Atem geht schwer, sie stöhnt. Ab und zu fährt sie hoch, schaut mit angstvoll aufgerissenen Augen um sich. Ich streichele ihren Arm. »Ich bin es, Anne«, sage ich. »Renate kommt gleich. Keine Angst. Wir bleiben bei dir.«
Sie nickt, ein kurzes Flattern der Augenlider. Sie sinkt zurück in die Kissen.
Was bleibt noch? Wir warten. Warten auf einen gnädigen Tod. Ein Hinübergleiten ohne Schmerzen.
Sterben lernen, das tut man hier. Ruhig bleiben und abwarten, leise mit der Patientin spreche, sie beruhigen: »Du bist nicht allein!«
So möchte ich auch sterben, wenn es keine Hoffnung mehr gibt. Nicht in die gnadenlose Maschinerie eines Krankenhauses geraten. Es klopft leise. Renate kommt, um mich abzulösen. Lars wird heute Nacht auf der Isomatte im Zimmer seiner Mutter schlafen. Mehr gibt es nicht zu tun. Und es ist gut so.

 

 

 

 

Warum Frauen schlecht einparken können

Warum Frauen schlecht einparken können.

 

Verdammt, ich schaffte es einfach nicht, rückwärts in diese enge Parklücke zu rangieren. Hoffnungslos. Hinter mir hupt schon ein Idiot! Natürlich ein Mann!

Ich steige wütend aus, klopfe an die Scheibe und werfe ihm die Autoschlüssel in den Schoß. Zu meinem Erstaunen schwingt sich der Mann gelenkig aus dem Wagen, setzt sich ans Steuer und parkt meinen Fiat 500 mit einem eleganten Schwung zwischen zwei Monsterautos.

Verlegen stottere ich: „Darf ich Sie zum Kaffee einladen?“

„Gerne“, sagt der Mann und lächelt. mich an.

Will er mit mir flirten, denke ich verwirrt.  Er sieht sympathisch aus, hat graue, sehr dichte Haare. Meine Haare sind blond gefärbt, denn ich versuche krampfhaft, die grauen Stellen zu überdecken. Mit über60 sind wir beide aus dem Flirt – Alter doch wohl raus.

Es wurde eine nette Plauderstunde im Café, an deren Ende er mir erzählte, er würde am nächsten Tag ein paar Tage Urlaub an der Ostsee machen. Ehe ich mich stoppen konnte, brachen die Worte aus mir heraus „Kann ich nicht mitkommen?“
Ich schlug mir auf den Mund und wäre am liebsten vor Scham unter den Tisch gekrochen. Er wü rde mich bestimmt für verückt halten.

„Natürlich“, sagte der Mann und lachte etwas verblüfft. „Ich würde mich freuen.“

Und das war der Beginn einer langen Verbindung mit damals bereits acht erwachsenen Kindern aus zwei Ehen. Mein Mann ist mittlerweile tot, aber unsere Großfamilie trifft sich immer noch einmal im Jahr zu einem gemeinsamen Wochenende.

Nur gut, dass ich nicht einparken konnte.