Der Schrank

 

»Komm, Schatz, wir müssen los!«
Die Mutter hat die Tür zum Kinderzimmer geöffnet, schaut verblüfft in die leere Spielecke, dann zum Bett, sieht die zusammengeknüllte Bettdecke, unter der sich die Umrisse eines kleinen Körpers abzeichnen.
»Was ist los, Svenja? Bist du müde? Du kannst gleich bei Oma schlafen.«
»Ich will nicht bei Oma schlafen?«
»Du willst nicht bei Oma schlafen? Warum das denn nicht? Du gehst doch sonst gern zu Oma.«
Keine Antwort. Die Mutter tritt an das Bett der Tochter, lüftet die Decke, sieht einen zerwühlten Haarschopf und verweinte Augen.
»Schatz, hör mal. Ich habe doch für heute Abend Theaterkarten. Das habe ich dir doch gesagt. »
»Mit Papa?«
»Svenja, nicht wieder von vorne. Papa und Mama haben sich getrennt. Das habe ich dir doch erklärt. Aber Papa hat dich weiter lieb. Und am nächsten Wochenende darfst du zu ihm.«
»Ich will nicht zu Papa. Ich hasse das doofe Baby! Das schreit immer.«
«Schätzchen, das besprechen wir später. Du musst nicht zu Papa, wenn du nicht willst. Aber bitte, bitte, wir müssen zur Oma. Verdirb mir nicht den Abend, bitte!
»Ich habe Bauchschmerzen«, jammert die Tochter.
»Das vergeht schon. Oma hat sicher was Leckeres für dich gekocht! Und ich sage ihr, dass du eine Stunde Fernsehen gucken darfst. Das ist doch ein Angebot, aber?«
Tränen rollen. »Ich will, dass Papa wiederkommt. Papa soll kommen! Papa!«
Ich habe dir das doch erklärt, Svenja. Papa kommt nicht wieder zu uns. Er hat jetzt eine andere Familie. Und nun zieh dich an.«
»Ich will nicht!«
»Jetzt reicht es aber!« Die Mutter nimmt das Mädchen fest an die Hand. Zieht es aus dem Zimmer.
»Nächstes Jahr kommst du in die Schule und du verhältst dich wie ein Kleinkind.«
»Ich muss mal!«
In Windeseile ist Svenja im Bad verschwunden, knallt die Badezimmertür hinter sich zu. Die Mutter hört, wie sich der Schlüssel im Schloss dreht.
»Nun ist aber Schluss mit dem Theater!« Die Mutter hämmert mit der Faust gegen die Tür. »Mach sofort auf!«
»Nein. Ich mache nicht auf! Ich bleibe hier!« Lautes Weinen.
Die Mutter hebt den Telefonhörer von der Station.
»Ja, hallo Mami. Ich habe ein Problem. Svenja will heute Nacht nicht bei dir schlafen. Vielleicht kannst du ja ausnahmsweise herkommen. Bitte!«
Sie lauscht in den Hörer.
»Mami, ich habe keine Ahnung, was das Kind hat. Jetzt hat es sich auch noch im Badezimmer eingeschlossen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich muss weg.«
Wieder horcht sie auf die Stimme am anderen Ende der Leitung.
»Danke, Mami. Ja, versuch es, vielleicht kannst du sie ja noch überreden. Wenn nicht, ich komme nach der Vorstellung sofort nach Hause.«
»Svenja, du kannst rauskommen. Oma kommt her. Du hast es mal wieder geschafft, deinen Willen durchzusetzen.« Sie verlässt die Wohnung, rennt zum Auto.

Als sie nach drei Stunden zurückkommt und den Kopf ins Wohnzimmer steckt, hält ihre Mutter einen Finger vor die Lippen und lächelt. Sie zeigt auf ein friedlich schlafendes Kind, das zugedeckt unter der bunten Sternchendecke auf dem Sofa liegt. Das Kuscheltuch hat es an seine Wange geschmiegt, das Stoffkaninchen liegt auf dem Kissen. Ein »Mensch ärger dich nicht« steht auf dem Couchtisch, Kinderbücher liegen auf dem Teppich verstreut.
»Alle in Ordnung, Mama?«
Ihre Mutter nickt.
»Was war denn los? Warum wollte Svenja nicht bei dir übernachten?«
»Wegen dem Bauernschrank?«
»Was für einen Bauernschrank?«
Du weißt doch, den wuchtigen Eichenschrank, den dein Vater damals gebaut hat. Auch die Tierköpfe an der oberen Leiste hat er selbst geschnitzt. Deshalb wollte ich ihn nicht entsorgen, als ich in die kleine Wohnung zog. Zu viele Erinnerungen hängen dran.«
»Aber den kennt Svenja doch nun seit ihrer Geburt.«
»Aber sie weiß nicht, was drin ist.«
»Wieso, was ist denn da drin?«
»Na, was ist so in einem Schlafzimmerschrank drin: Bettwäsche, Handtücher, abgelegte Kleider, Hüte, Mützen, auch ein paar Fotoalben von früher. Krimskrams eben.«
»Und was ist daran so gruselig, dass Svenja nicht mehr bei dir schlafen will?«
»Tja, meine Liebe. Da musst du wohl ein ernstes Wörtchen mit deinem Ex-Mann reden. Du weißt, er war ja nie so mein Fall. Aber du hast ja nicht hören wollen.«
»Mutter, nicht das wieder!«
»Nun gut, er konnte mich ja auch nicht besonders gut leiden. Das ist aber immer noch kein Grund, zu seiner Neuen zu sagen, seine Ex-Schwiegermutter hätte auch einige Leichen im Schrank.«
»Und das hat Svenja mit gekriegt? Skeletons in your closet? Na, dann ist ja klar, warum sie nicht mehr bei dir übernachten will. Arme Kleine!«
Sie streicht ihrer Mutter über den Arm. »Soll ich dich jetzt nach Hause fahren oder machen wir nach der ganzen Aufregung eine Flasche Wein auf? Du kannst hier übernachten, wenn du willst.«
Vorsichtig nimmt sie Svenja auf den Arm und trägt sie ins Kinderzimmer.
Als sie zurückkommt, funkelt der Rotwein schon in den Kristallgläsern.


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