Sturm auf dem Iisselmeer

Ein dumpfer Schlag, noch einer. Knirschend bohrt sich der Rumpf der Jacht in den sandigen Untergrund. Eine Serie von drei kurzen, schäumenden Brechern kracht gegen die Bordwand, überflutet das Deck, zieht sich zurück. Das Boot richtet sich auf, wartet auf den nächsten Angriff.
Eine Untiefe, auf der Karte verzeichnet. Wer hat nicht aufgepasst? Das Ufer ist nur einen Steinwurf weit entfernt. Das schäumende Wasser hüfttief, sodass man zur Strandwiese hinüberwaten könnte, falls die Strömung nicht zu stark ist. Aber das Schiff aufgeben? Auf keinen Fall. Es würde dem Angriff der Wellen nicht lange standhalten. Würde sich querstellen, zerbrechen. Keine Menschenseele auf dem Deich. Möwen im Sturzflug, krächzend und schreiend, nutzen den immer heftiger werdenden Wind, lassen sich hinauftragen in das Grau des Himmels, um dann wieder hinabzustürzen im Taumel der Geschwindigkeit.

Mann und Frau arbeiten fieberhaft. Fock und Großsegel rauschen nach unten, werden in Windeseile geborgen. Motorgeräusch setzt ein. Gott sei Dank, der Diesel springt an. Die Yacht versucht freizukommen. Hilfloses Schlagen der Schraube im Wasser. Bloß nicht noch tiefer festfahren. Wieder ein Aufjaulen der Maschine. Das Dröhnen erstirbt, fängt wieder an, zittert, bleibt konstant. Mit der nächsten vom Ufer zurückrollenden Welle wird das Boot angehoben, ruckt sich frei. Der Skipper drückt den Gashebel nach unten, nimmt Kurs auf die offene See, kämpft gegen die herantobenden Wassermassen. Bloß nicht querschlagen. Nur fort von der Küste, weg aus der Brandung. Langsam kommen sie frei, heraus aus der Abdeckung. Die Wellen werden höher. Mindestens 7 Windstärken. Katzenköpfe auf dem Wasser so weit das Auge reicht. Das Schiff reitet die Welle hinauf, oben auf dem Kamm senkt es den Bug, taucht ab in den brodelnden Schlund. Rauf und runter wie auf einem bockenden Pferd. In der Kabine das Poltern von herausschießendem Geschirr, das auf dem Boden zerbirst. »Hast du wieder die Schapps nicht ordentlich verriegelt?« Die Frau antwortet nicht, zuckt die Schultern, das Gesicht weiß und angespannt. Von Nordwest jagen Wolkenberge über den Himmel. Erst ein paar Tropfen, dann fängt es an zu schütten wie aus Kübeln. Der Horizont verschwindet, die Sicht ist gleich null. Der Regen legt sich wie ein Vorhang über das Schiff. Hat sie das Lukenfenster gut zugeschraubt? Der Skipper hat sich angeleint, starrt auf den Kompass, den Südwester tief in die Stirn gezogen. Immer wieder wischt er sich das heranpeitschende Wasser aus den Augen. Die Frau hockt im Cockpit, kämpft gegen das Würgen in ihrer Kehle. Noch vier Seemeilen, dann können sie nach Osten abdrehen und Schutz suchen in der Flussmündung.

Wie ruhig das Meer auf einmal ist. Wie friedlich die Boote im kleinen Hafen auf den grau-braunen Wellen schaukeln. Die Frau klettert den Niedergang hinunter, tritt auf die Scherben der blauweißen Tassen und Teller am Boden, zerrt den Koffer unter den Kojen hervor, wirft ein paar Dinge hinein.
»Das war`s dann wohl«, sagt sie zu dem Mann, der über die Reling gebeugt die Fender überprüft. »Mit mir nicht noch mal!«
Ohne eine Reaktion abzuwarten, klettert sie auf den Bug und springt an Land. Am Steg eine Spendendose der holländischen Seenotrettungsgesellschaft. Wortlos zieht sie ihre Geldbörse, stopft zusammengeknüllte Scheine in den Schlitz, zerrt den Rollkoffer in Richtung Bahnhof. Wirft keinen Blick zurück.


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