Ist das alles, was du zu sagen hast?

Cindy Sherman Collection – Weserburg
Bremen 19.5.18 – 24.2.19

Ein Mann läuft durch einen parkähnlichen Garten. Herbstlaub, braune Blätter auf abgeknickten grünen Sträuchern. Die schwarze Erde aufgerissen. Eine Gestalt auf dem Boden – halb Frau, halb Puppe. Der Mann bleibt abrupt stehen, starrt auf die Figur zu seinen Füßen.

Er: Großer Gott, Frau, bist du jetzt völlig übergeschnappt? Was treibst du da? Wenn dich einer so sehen würde.

Sie: Ist das deine größte Sorge? Dass mich jemand sehen könnte? Einer unserer spießigen Nachbarn?

Er: Hast du Drogen genommen oder was? Was soll das? Und dann dieser abartige Plastikarsch!

Er hebt das überdimensionale Hinterteil hoch. Die Beine schlackern nach unten. Angeekelt wirft er das Teil wieder auf den Boden.

Sie: Ist das alles, was du zu sagen hast?

Er: (äfft sie nach ) Ist das alles, was du zu sagen hast? Du bist ja krank. Geistesgestört, weißt du das? Was soll diese makabre Inszenierung? Spielst du Leiche oder was?

Sie: Ich spiele nicht Leiche. Ich bin eine Leiche.

Er: Steh sofort auf und wasch dich. Oder soll ich doch wieder einliefern lassen?

Er hockt sich neben sie, darauf bedacht, seine helle Hose nicht zu beschmutzen.

Er: Die Perücke steht dir nicht.

Er reißt ihr die blonden Locken vom Kopf. Darunter der Schädel glatt rasiert, vereinzelte schwarze Flusen.

Er: Bist du von Sinnen? Du weißt, wie ich deine schwarzen, langen Haare liebe.

Sie: Eben

Er: Zu viele Krimis gesehen oder was? Bereitest du jetzt deine Karriere als Schauspielerin vor? Ich warne dich. So was wollen die Leute nicht sehen.

Sie: Wollen sie doch!

Er: Was wollen sie doch?

Sie: Brutalität, Horror, genüsslich in der Zeitung von Kindesmissbrauch lesen. Bei einer Tasse Kaffee. Sich freuen, dass sie so anständige Leute sind.

Er: Nur du bist anders. Ich weiß. Du bist so herzensgut. Ich bin übrigens auch ein anständiger Mann, das weißt du.

Sie: Ja, ein herzensguter Mann. Ein überaus sensibler Mann, nicht wahr? Du vergewaltigst keine Kinder. Höchstens deine Frau.

Er: Jetzt übertreibst du. Schmusekeks-Sex war noch nie deine Sache..

Sie: Ich habe Pornoseiten auf deinem Computer gefunden. Videofilme von Sex mit Kindern.

Er: Du schnüffelst in meinem Rechner rum?

Sie: Soll das eine Antwort sein?

Er ( knöpft seine Hose auf): Los, du willst doch auch! Tu nicht so. Aber nicht mit dem Plastikarsch. Ich bin eher fürs Original!

Sie: Man hat letzte Woche eine tote Frau im Wald gefunden. Was sage ich, Frau, es war ein Mädchen, 12 oder 13 Jahre alt.

Er: Und was willst du damit sagen? Dass ich das war? Bloß weil ich mir Kinderpornos runtergeladen habe? Spielst du jetzt Kommissarin oder was?

Sie: Du oder ein anderes Schwein. Ich wollte nur wissen, wie sich so eine fühlt, die im Dreck liegt. Nur noch Hintern, die Möse aufgerissen, der Mann pumpt wie verrückt …

Er: Jetzt geht deine schmutzige Phantasie mit dir durch. Du bist doch keinen Deut besser. Du dreckige, hasserfüllte Schlampe. Du gehörst eingesperrt. Für immer.

Sie legt den Kopf wieder auf die Erde, zieht einen abgebrochenen Zweig über sich, starrt ins Nichts. In der Ferne Polizeisirenen, die lauter werden. Quietschende Reifen, die vor dem Gartentor zum Stillstand kommen.


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