Wer nicht alt werden will,

muss früh sterben

das wussten die Alten und Uralten schon immer. Ich wollte nie früh sterben Und nun bin ich alt, richtig alt. Über 80.

Sie fragen, ob ich immer in diesem Kaff an der ostfriesischen Küste gelebt habe? Klar! Selbstverständlich! Wo sollte ich denn hin?

Ob ich nie wegwollte? Etwas anderes sehen? Die Welt erleben?

Als ich jung war, natürlich. Natürlich wollte ich weg. Weg von diesem stinkenden Kutter, auf dem ich mit meinem Vater hinausfahren musste, sobald ich die Hauptschule verlassen hatte. Tagsüber, nachts, im Sommer und im Winter, bei Sonne, Wind, Herbststürmen, manchmal bei Schneetreiben. Ich habe die Kälte gehasst, den Wind, der ununterbrochen da draußen an dir zerrt, die feuchte Kleidung, die kaputten, schwieligen Hände, den Geruch nach Fisch und Modder und Verwesung.

Was ich werden wollte?

Zur Schule wollte ich gehen. Lernen, wie man Motoren repariert, Autos, meinetwegen Schiffsmotoren.

Und warum ich nicht gegangen bin?

Das ging doch nicht. Ich war der einzige Sohn. Vadder und ich mussten die Familie ernähren. Mutter hatte es auf der Lunge, die Schwestern waren klein. Ich wollte immer weg, aber ich habe es nicht übers Herz gebracht zu gehen. Vadder konnte es nicht allein schaffen.

Sie fragen nach Frauen in meinem Leben?  Hatte ich. Anfangs, als junger Kerl. War ein flotter Typ, groß, blond, blaue Augen. Die Mädchen tanzten gern mit mir im Dorfkrug.

Doch Meta wurde schwanger, ausgerechnet die, dachte ich damals. Ein one-night-stand, so sagt man doch heute. Sie sehen, ein bisschen Englisch habe ich auch mit den Kindern gelernt. Ja, und dann saß ich in der Falle. Konnte und wollte mich nicht drücken. Aber Meta war eine gute Frau, arbeitsam und sparsam und immer gut gelaunt.  Als die Kinder größer wurden, hat sie den Fisch-imbiss aufgemacht, schließlich den kleinen Laden. Es ging wirtschaftlich bergauf. Die Touristen kamen. Wir bauten das Haus aus.  Zwei Ferienwohnungen. Als die Kinder größer waren, sind Meta und ich auch ab und zu mal eine Woche in die Berge gefahren. Ins Sauerland oder in den Harz. Ich mag die Berge.

Ob ich glücklich bin, wollen Sie wissen. Sie werden es kaum glauben. Ja, ich bin alt und glücklich. Old and happy, wie im Lied von Cat Stevens.Wirklich, Meta und ich hatten es gut miteinander.

Und die Kinder?

Die Kinder, nun, die sollten es besser haben. Die sollten zur Schule gehen. Den Beruf wählen, der ihnen Spaß machte.

Heiner ist zur Hochschule gegangen, ist Ingenieur geworden, lebt in München. Frauke ist Lehrerin in Aurich,  Beate Hebamme in Wilhelmshaven. Wir haben fünf nette Enkelkinder, ein nettes Häuschen mit Garten, ein bisschen Geld auf der Bank. Meinen Kutter wollte keiner. Der war zu klein für heutige Verhältnisse. Das lohnte sich nicht. Die großen Trawler fischen uns eh alles weg. Deswegen sind die Ozeane auch so überfischt. In der Fischerei gibt es keine Zukunft für kleine, handwerkliche Betriebe.

Meta und ich, wir genießen unser Alter. Wir hoffen, dass der liebe Gott uns noch einige Jahre schenkt. Um mehr bitten wir gar nicht.


Tags:

 
 
 

Schreibe einen Kommentar