Freundinnen

 Sabrina schlürft den Schaum von ihrem Milchkaffee. Es ist schon die zweite Tasse. Ungeduldig schaut sie durch die schlierige Glasscheibe auf die nahe Bushaltestelle. Typisch Ellen, immer zu spät. Wenn sie auch diese Tasse ausgetrunken hat, wird sie gehen. Dieses Mal wirklich. Eine Unverschämtheit, sie immer warten zu lassen. Nein, sie muss bei der Wahrheit bleiben. Ellen lässt nicht nur sie warten, Ellen lässt alle warten. Sie kann nicht anders. Sie kommt immer zu spät. Oder in der letzten Minute angehetzt.  Sabrina weigert sich mittlerweile, mit ihr zusammen zum Theater oder zu einem Konzert zu fahren. Diese Hetzerei, dieses schweißtreibende Generve, wenn sie im Sturmschritt beim dritten Klingeln in den Saal rasen, unter bösen Blicken der anderen Leute, die im letzten Moment noch aufstehen müssen, obwohl sie es sich schon bequem in ihre Sitze gekuschelt haben. Möglichst den Mantel noch über dem Arm, weil keine Zeit mehr für die Garderobe geblieben ist. Sabrina trinkt einen großen Schluck. Gut, sie hat gelernt. Sie treffen sich erst vor Ort. Wenn Ellen angestürmt kommt mit wilden Haaren, Christian hinter sich herzerrend, haben Sabrina und Thomas schon gemütlich im Programmheft geblättert und wissen Bescheid.

Man kann niemanden ändern, nur sich selbst, hat ein kluger Mensch gesagt. Recht hat er.

Aber im Café muss man ja nicht pünktlich sein. Da wartet ja nur die Freundin. Ellen wird kommen, dass weiß sie, aber eben verspätet. Und sie wird sich fröhlich entschuldigen, Du kennst mich ja, sagen und charmant lächeln. Ich hoffe, du hast nicht zu lange gewartet, ich musste noch
schnell …
Sabrina wird auch lächeln, wenn auch ein wenig verkrampft. Sie werden sich rechts und links auf die Wangen küssen. Ich werd mich bessern, versprochen!, wird Ellen flüstern und Sabrina wird resigniert sagen: In diesem Leben nicht mehr. Und Ellen wird lachen.

Bei Verabredungen mit Ellen bringt Sabrina immer ein Buch mit, diesmal einen Ostfriesenkrimi. Sie hofft, er ist spannend genug, dass die Zeit vergeht. Aber sie kann sich nicht konzentrieren. Am Nebentisch sitzt eine Gruppe von älteren, nein, sehr alten Damen, die offensichtlich schwerhörig sind und sich im Stimmvolumen übertreffen.

Früher wurde Split auf den Schnee geschüttet, schreit die dünne Grauhaarige, da ist keiner ausgerutscht.

Ja, ja, früher da haben die Hausbesitzer und Mieter sich ja auch selbst um die Reinigung der Bürgersteige gekümmert, donnert die weißgelockte Nachbarin, die das zweite Stück Sahnetorte in sich hineinschiebt. Die Reinigungsfirmen kümmert es ja nicht, wenn einer hinfällt. Die sind versichert. Mein Herrmann sagt immer, die Welt ist schlecht geworden.

 Wir alten Leute können ruhig auf dem Matsch ausrutschen und uns den Oberschenkel brechen, das stört keinen, übertönt die kleine Dicke mit dem grünen Filzhütchen alle anderen.

Dann sind sie uns endlich los, bestätigt die vierte alte Dame und nickt. Wir kosten doch nur!

Resigniert schließt Sabrina ihr Buch. Bei dieser Geräuschkulisse kann sie sich nicht konzentrieren. Die alten Damen können ja auch nichts dafür, dass sie schwerhörig sind. Vielleicht haben sie ja auch keinen, der sie beim Kauf eines Hörgeräts berät.

Vor dem Fenster hält ein Bus. Endlich. Ellen springt heraus, rutscht aus auf dem Schneematsch, fängt sich wieder und kommt ins Café gestürmt.

Hallo meine Süße, sagt sie, beugt sich hinunter und presst ihre kalte rechte Wange an Sabrinas linke Gesichtshälfte. Hast du lange gewartet? Du hast ja clevererweise ein Buch mitgebracht.

Sabrina zieht es vor, nicht zu antworten. Ellen winkt dem Ober.

Auch so einen Milchkaffee. Bitte mit Kakao-Pulver. A propos Buch: Du kennst bestimmt den neuen Roman von Ralph Rothmann …
Von wem, fragt Sabrina.

Wie –  kennst du nicht? Musst du kennen!

Wieso muss ich den kennen?

Den kennt doch jeder!

Ich nicht. Wie heißt das Buch überhaupt?

Ja, Mensch, das kennst du bestimmt. Das heißt, heißt …

Siehst du, du weißt noch nicht mal den Titel.

Warte mal. Hab ich gleich! Ellen zieht ihr iPhone aus der Tasche.
Kennst du bestimmt »Der Gott jenes Sommers«. Hier steht es.

Warum sollte ich das Buch kennen?

Den Rothmann muss man kennen. Rothmann ist einer der ganz Großen. Sagt auch Scobel.

Welcher Scobel?

Na, d e r Scobel. Der von Buchzeit! Sag nicht, den kennst du auch nicht.

Hör auf mit »kennst du, kennst du nicht«, gleich frage ich Filmtitel ab.

Welche Filmtitel

Ist das hier `ne Quizz-Sendung?

Du hast angefangen. Also, hast du den Richter-Film gesehen?

Welchen Richter Film?

Na, d e n Richter-Film. Kennt doch jeder. Von Florian Hencke von Donnersmarck

Ich nicht.

Eben!

Wieso eben?

Mensch, Sabrina, sei doch nicht so empfindlich. Was hast du heute?

Was ich habe? Mir geht dein name-dropping auf die Nerven, Frau Oberstudienrätin!

OK! Frieden! sagt Ellen.

Aber wehe, du fragst noch einmal: Kennst du nicht? Mit dieser Empörung in der Stimme. Als sei ich die ungebildeteste Kuh von der Welt.

Frieden, habe ich gesagt. Anderes Thema.

Manchmal denke ich, für dich gibt es nichts anderes als sich Buchtitel an den Kopf zu werfen. Was willst du eigentlich beweisen?

Ellen schweigt.

Pause. Beide schlürfen ihren Kaffee.

 

Wie geht es Christian? Immer noch grippig?, fragt Sabrina

Nein, es geht ihm besser. Nun läuft mir die Nase.

Um Gottes willen, steck mich bloß nicht an. Wir wollen morgen in den Harz. Es muss dort ordentlich geschneit haben. Zum Wochenende ist Sonne angesagt.
Traumhaft. Ich beneide euch,
sagt Ellen.

Kommt doch einfach mit. Ich ruf im Hotel an, ob die noch ein Doppelzimmer haben. Diesmal zückt Sabrina ihr Phone.

Ich weiß nicht, ob Christian Lust hat, sagt Ellen. Er will keinen Langlauf mehr  machen. Der Sturz vor zwei Jahren. Er sagt, das Knie tue ihm immer noch weh.

Come on! Dann geht ihr halt spazieren. Sonne und Schnee, was willst du mehr, sagt Sabrina.

Ich hätte schon Lust, aber erst rede ich mit Tommy.

Mach das. Wär doch toll, wir vier! Endlich mal wieder ein gemeinsamer Urlaub.

Wir dürfen die Doppelkopf-Karten nicht vergessen. Doppelkopf! Drei Abende Doppelkopf!, sagt Ellen.

Weißt du noch, wir beiden damals im Ötztal? Unser erster gemeinsamer Urlaub?

Wie lange ist das her?

35, nein 40 Jahre!

Und in der Hütte jeden Abend Doppelkopf,  sagt Ellen.

Mit den beiden Typen. Hatten die uns doch beigebracht.  Die beiden
österreichischen Skilehrer. Fesche Kerle. Du warst richtig verknallt …

Du auch ..

Was wohl aus denen geworden ist?, fragt Sabrina.

Hätten wir die lieber heiraten sollen?, lacht Ellen.

Hä? Sabrina hebt den Arm, winkt der Bedienung: Zahlen, bitte! Ist ja fürchterlich, wie die am Nebentisch schreien. Man versteht ja kaum sein eigenes Wort.

 

 

 

 


Tags:

 
 
 

Schreibe einen Kommentar