Morgenspaziergang

An der HammeMorgenspaziergang

Ich bin aber auch ein Idiot. Da habe ich mir schon das Knie verrenkt, gehe an Krücken und lasse mich doch breitschlagen zu diesem Morgenspaziergang. Morgenspaziergang! Es ist mitten in der Nacht. Fast noch dunkel. Um 6 Uhr aufstehen. Ich glaube, ich spinne. Noch nicht mal zu Schulzeiten habe ich das gebracht. Höchstens mal, um einen Flieger zu kriegen. Oder einen Zug, um in Urlaub zu fahren.
Ich hätte so eine schöne Entschuldigung gehabt und nun stehe ich um halb sieben im Teufelsmoor und hüpfe den Feldweg entlang zur Hammebrücke.
Nicht »Malen in der Natur«, sondern »Schreiben im Freien«. Meine Gefühle soll ich rauslassen, meint meine Schreiblehrerin. Scheiße, das tue ich jetzt. Müde bin ich, kalt ist mir, ich will zurück ins Bett.
Gruppenzwang. Meine Mitstreiterinnen sind offensichtlich guten Mutes. Wenn es nicht verboten wäre, zu reden, um die Stille zu genießen und in sich hineinzuhorchen, dann würden sie wahrscheinlich auch noch singen. So was wie »Im Frühtau zu Berge« oder so.
»Der frühe Vogel Kann mich mal.« Aber die singen und zwitschern ja wirklich. Von wegen Stille. Und dann diese hässlich krächzenden Geräusche. Möwen? Kann nicht sein hier im Teufelsmoor. Wahrscheinlich diese  schwarzen Krähen. Jetzt habe ich mir bei Aldi schon ein Bestimmungsbuch für Pflanzen gekauft. Brauche ich sowas auch für Vögel?  Ich will ja beobachten lernen, nur nicht am frühen Morgen.
Von den Wolkenformationen am Himmel, den verblüffenden Spiegelungen in der Hamme werden schon die andern schreiben. Die können das besser.
Von wegen Hamme. Die Hamme soll ganz sauberes Wasser führen. Das wäre doch jetzt stark. Ich ziehe mich splitternackt aus und springe ins Wasser. Das ist das einzige, wozu ich frühmorgens Lust habe. Da springe ich auch in jeden Gebirgssee. Mein Mann kriegt dann immer die Krise. Aber das traue ich mich hier nicht. Dann denken die andern, ich sei völlig durchgeknallt.
Und Radfahrer gibt es hier auch. Die knallharten Sportler und die armen Würstchen, die zur Arbeit müssen. Die gucken auch schon ganz baff, als sie unsere Gruppe ältlicher Damen – mit Papier und Stift bewaffnet – zur Hammebrücke pilgern sehen. Zum Glück haben wir keine Hüte auf. Die Malweiber hatten das ja immer. Strohhüte. Und dann saßen sie auf ihren mitgebrachten Stühlen, die Staffelei aufgestellt und malten. Aber ich glaube, nicht so frühmorgens. Das machen höchstens Männer in ihrer senilen Bettflucht.
Also schreiten wir Schreibweiber – ohne Hüte, aber die Köpfe in Tücher gehüllt, was uns auch nicht gerade fotogener macht -die stählerne Hamme-Brücke hoch. Von wegen Stille. Mal rumpelt ein Radfahrer an uns vorbei. Es fehlt noch, dass er uns zur Seite klingelt, dann muht eine Kuh im Nebel. Sieht richtig unheimlich aus, ihre verschwommenen Gestalten verwischt im Dunst. »Oh schaurig ist’s, übers Moor zu gehen.« Wie viele haben sich da schon im Nebel verirrt. Ich weiß, das Moor ist inzwischen trockengelegt. Größtenteils jedenfalls. Also, verlaufen kann man sich auch nicht. Und «wie Phantome« drehen sich die Lüfte auch nicht, es ist total windstill.
Flapp, flapp,flapp. Was ist das? Ein Hubschrauber? Nein drei große weiße Vögel – Reiher, Enten, Schwäne – ich brauche dringend das Vogelbestimmungsbuch. Das interessiert mich jetzt. Genauso wie die Kraniche, die jeden Herbst kommen. Zum Glück bei Anbruch der Dämmerung. Nicht morgens.
Ich weiß, ich sollte den Sonnenaufgang beschreiben. Den rötlich gefärbten Himmel. Sieht wirklich schön aus. Keine Frage.
Vielleicht sollte ich einmal allein hierher kommen. Ohne Auftrag. Ohne Gruppenfeeling. Oder noch besser. Wenn im nächsten Winter die Hamme wieder zufriert, werde ich in Melchers Hütte einen Glühwein trinken und bis Neuhelgoland über das leise singende Eis laufen.
Da sag mal einer, ich hätte keine Naturgefühle.


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One Response to “Morgenspaziergang”

  1. Gravatar of Peniuk Peniuk
    2. Dezember 2012 at 14:51

    So früh aufstehen ist deprimierend, man fühlt es geradezu. Die Geschichte ist dabei wunderbar ambivalent und gar nicht deprimierend. Man kriegt mit der Autorin das Bedürfnis mal „allein hierher“ zu kommen.

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