Praia de Meco 3

Eine schwarze Monsterwelle kam auf den Strand zugerast, wurde größer und größer. Das brausende Wasser überrollte Menschen, Liegen, Sonnenschirme, jagte donnernd in Richtung Strandpromenade. Riss alles mit, was ihr in den Weg kam, auch die Schreie der Menschen.
Stöhnend fuhr er hoch. Er starrte in die Dunkelheit. »Querido, was hast du?«, eine besorgte Stimme, die kühle Hand seiner Frau. »Hast du schlecht geträumt?«
Der Jugendstaatssekretär Emidio Guerreiro wälzte sich aus dem Bett. Erst hatte er stundenlang wachgelegen, sich von einer Seite auf die andere gedreht. Dann kamen die Abträume. Er murmelte Unverständliches, nahm die nass geschwitzte Bettdecke und das zerknüllte Kopfkissen unter den Arm und schlich nach nebenan ins Gästezimmer.

Kaum machte er die Augen zu, sah er den übergroßen Mund des Rektors vor sich, die farblosen Lippen zu einem Strich gedehnt, die vom Rauchen angegilbten Zähne, klein und spitz wie bei einem Frettchen.
»Ich bin gegen jede Form von Zensur. Jeden Tag sterben Leute auf der Straße, aber deshalb werden wir niemandem verbieten, auf die Straße zu gehen.«
Wie bitte, hatte er gefragt, die Opfer sind schuld, nicht die Täter? Der Rektor hatte gar nicht verstanden, was er meinte. Der Staatsanwalt hatte eingegriffen. »Bei allem Respekt,  Exzellenz«, hatte er gesagt, »hier geht es in erster Linie um die Organisatoren der Rituale, nicht um die Erstsemester, die sich ihnen unterwerfen müssen.«
Wo er denn studiert habe, der Herr Kollege. Ach ja, in Coimbra, Jurisprudenz. Und ob er nicht selbst an diesen harmlosen Begrüßungsritualen teilgenommen habe. Natürlich hatte er. Sehen Sie, hatte der Rektor gesagt, ich auch. Und – hat es uns geschadet? Lächerlich.
Zugegeben, dieses Mal sei die Sache etwas aus dem Ruder gelaufen, aber die Opfer seien ja gerade keine Studienanfänger gewesen, sondern Teil des Organisationskomitees für die Begrüßungsrituale. Die hätten doch freiwillig mitgemacht. Um im Bild zu bleiben, sie seien doch freiwillig auf die verkehrsreiche Straße gegangen.
Der Staatsanwalt schwieg, zündete sich eine Zigarette an. Der Jugendstaatssekertär suchte nach Worten. »Sie wollen doch wohl nicht sagen…«
»Sie haben ja keine Ahnung«, war der Rektor ihm ins Wort gefallen, »Sie mit Ihrer Sozialpädagogik und Ihrem Gutmenschentum. Im Übrigen hat es solche Rituale an Ihrer Fachhochschule sicher gar nicht gegeben.« Das saß. Sozialpädagogik, ein Schmalspurstudium.
Der Staatsanwalt hob beschwichtigend die Hände. »Meine Herren, meine Herren. Lassen Sie uns vernünftig bleiben. Wir müssen eine Lösung finden. Die Presse wartet draußen. Die Eltern der Opfer auch.«
Es gehe ihm um den Ruf seiner Universität, sagte der Rektor.Die Investorengruppe Lusófona habe die Universität gegründet, um an einer privaten Uni auch den Jugendlichen ein akademisches Studium zu bieten, die…«
»für eine normale Uni zu schwache Leistungen bringen«, warf der Staatsanwalt ein und erntete einen vernichtenden Blick des Rektors. “ Die Universidade de Lusofana gebe Stipendien an die jungen Leute aus den früheren Kolonien, um dort den allgemeinen akademischen Bildungsgrad zu heben.“

Natürlich taten sie das, zähneknirschend allerdings. Alle wussten um die Stipendien und auch, warum sie vergeben wurden. So konnten Gelder aus staatlichen Bildungsprogrammen abgeschöpft werden.
Nein, nein, hatte der Rektor das Gespräch zusammengefasst und sich eine Zigarre aus dem silberbeschlagenen Etui genommen, die Uni treffe keine Schuld. Sie müssten nur auf die Aussagen des einzigen Überlebenden warten.
Der im Haus seiner Eltern seit Wochen versteckt und mit Genehmigung der Staatsanwaltschaft abgeschirmt werde, hatte der Staatssekretär gesagt. Schließlich sei sein Vater ein nicht ganz unbekannter Unternehmer.
Der Rektor ignorierte den Einwurf, sah den Staatsanwalt an.«Wir sitzen alle im selben Boot und sollten uns nicht gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben.«
Er nicht, er sitze nicht im selben Boot, hatte der Jugendstaatssekretär gesagt, aber die andern beiden Herren hatten mitleidig gelächelt. Natürlich nicht, weder vom familiären Hintergrund noch von den akademischen Würden her konnte er ihnen das Wasser reichen.

Emidio Guerreiro wusste, an Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Er ging ins Wohnzimmer, machte die Stehlampe an und goss sich ein Glas Periquita ein. Morgen früh würde er den Chefredakteur vom »Diario« anrufen. Oder hatte der auch in Coimbra studiert?


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