Der Mann im Mond

Mondlandung: 20. Juli 1969

»Hab`n Sie schon mal den Mann im Mond geseh‘n … « trällere ich gedankenverloren vor mich hin, den dreijähigen Conny an der Hand. Die schwarze Mischlingshündin Chilly ist vorgelaufen und schnüffelt ausgiebig an einem Baum. Da werde ich wohl die Plastiktüte brauchen, um ihr Häufchen aufzulesen. Finde ich immer noch ein eklig.
Ein heller warmer Sommerabend. Ein blasser Vollmond hängt am langsam dunkler werdenden Himmel. August, bayrische Sommerferien, zwei vergnügliche und anstrengende Wochen im Babysitter-Modus. Lasse geht schon ins vierte Schuljahr, ist mit seinem Freund Maxi vorgerannt. Nachkömmling Conny ist ein wenig ängstlich, umklammert in der aufkommenden Dämmerung meine Hand.
Unbekümmert trällere ich das Liedchen weiter, versuche, Gus Backus amerikanischen Akzent, den jugendlichen Schmelz seiner Stimme nachzuahmen. Der Kleine schaut mich prüfend an.
»Hast du schon mal den Mann im Mond geseh`n?«, verändere ich den Text und beuge mich zu dem kleinen Jungen. Conny schüttelt den Kopf.
»Nein! Du, Oma?«
Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet. »Ich auch nicht!«
»Wohnt denn da einer?« Conny zeigt auf den blassen Mond.
»Quatsch«, sagt Lasse, der plötzlich neben uns steht und auch in den Himmel schaut.
»Doch«, sagt Conny. »Da wohnt ein Mann im Mond, hat Oma gesagt. Ich will ihn besuchen.«
»Wenn, dann heißt der Mann Neil Armstrong«, sagt Maxi wissend. »Haben wir in der Schule gelernt. Neil Armstrong ist der erste Astronaut, der die Mondoberfläche betreten hat.«
»Was ist ein Anaut«, fragt Conny.
»Eben einer, den auf den Mond fliegt«, sagt der große Bruder.
»Und wohnt der jetzt da?« Conny schaut wieder hoch zu der fahlen gelben Scheibe.
»Quatsch, der ist längst wieder unten auf der Erde.«, sagt Lasse. »Ein großer Schritt für die Menschheit.«.
»Ich mach auch große Schritte«, sagt Conny, wedelt mit den Armen, versucht, ein Bein weit vor das andere zu setzen, verliert das Gleichgewicht und fällt um.
Der große Bruder fasst ihn am Kragen, stellt ihn wieder auf die Füße.
»Nee, für Neil Armstrong war es nur ein kleiner Schritt von der Leiter der Mondfähre zur Mondoberfläche. Aber er sagte auch, das sei ein großer Schritt für die Menschheit. Aber das verstehst du nicht.«
»Mein Papa hat gesagt, das war wegen dem Wettrüsten«, sagt Maxi. »Die Russen haben die Sputnik-Rakete ins Weltall geschickt. Sogar mit einer Hündin.
»Woher weißt du das?«, frage ich erstaunt. »Laika ist gestorben«, sagt Maxi und streichelt Cilly, die sich erwartungsvoll vor ihn gesetzt hat und wartet, dass er ein Stöckchen wirft.
»Laika konnte die Beschleunigung und die Hitze nicht ab. Ist schon kurz nach dem Start gestorben.«
»Die Russen waren gemein«, sagt Lasse. »Aber heutzutage fliegen keine Hunde mehr mit. Die Amis schicken Menschen, richtige Astronauten, die können wenigstens entscheiden, ob sie fliegen wollen oder nicht.. Der Lehrer sagt, es hat 34 Milliarden Dollar gekostet, den Armstrong auf den Mond zu schicken.«
»Was hätte man mit dem Geld alles machen können«, mische ich mich ein. Halt die Klappe, denke ich, nicht Oberlehrerin spielen.
»Mein Lehrer hat gesagt, es sei wichtiger, dafür zu sorgen, dass kein Kind auf der Welt hungert als zum Mond zu fliegen«, sagt Lasse.
»Haben die Astronauten Schwerter?«, fragt Conny.
»Nein, glaub ich nicht«, sage ich.
»Dann will ich auch nicht Astronaut werden«, sagt Conny. «Dann werde ich lieber Wikinger. Und fahre mit König Blauzahn nach Haithabu. Und kriege ein richtiges Schwert.«

 


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