Das hat Hektor noch nie gemacht!

Sie hatten den Hund schon auf dem Hinweg gesehen. Den muskelbepackten, weißen Pitbull mit dem quadratischen Kopf und dem halboffenen Maul, aus dem lang und dick die Zunge hing wie ein dunkelrosa Fleischlappen. Der kleine, glatzköpfige Mann, der ihn an der Leine hielt, brüllte den Hund an, riss ihn immer wieder zurück, schlug ihm das Ende der Leine übers Kreuz.«Verdammt, Hektor! Bei Fuß, Hektor!«
Gottseidank war er an der Leine, dachte die ältere Frau, die mit ihrem Ehemann auf der Bank saß und ihr Gesicht in die herbstliche Sonne hielt. Der Pitbull knurrte den sitzenden Mann an, hob die Lefzen, zeigte seine spitzen Zähne. Er riecht seine Angst, dachte die Frau, er riecht, dass Edgar Angst vor ihm hat. Zum Glück herrscht hier im Naturschutzgebiet Leinenzwang. Auch Maulkorbpflicht?
»Mal wieder typisch«, sagte ihr Mann, als der schwer tätowierte Hundehalter sich mit dem geifernden Hund ein Stück entfernt hatte. »Nichts in der Birne und zu klein geraten. Der braucht einen Killer-Hund.«
»Edgar«, sagte die Frau. »Das ist nicht nett! Der Hund hat gemerkt, dass du Angst hast.«
»Zu Recht«, sagte der Mann. »Zu Recht habe ich Angst. Weisst du noch, wie kurz nach der Wende in Weimar einer dieser Skins seinen Kampfhund immer wieder über seinen Kopf riss und dann auf den Boden donnerte. Der wurde scharf gemacht und sollte trotzdem wissen, wer das Sagen hat.«
»Und keiner der Spaziergänger hat sich damals getraut einzugreifen. Wir auch nicht.« Sie schüttelte sich. »Lass uns weitergehen.«
Die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres ließen die Blätter der Birken und Weiden golden funkeln, Lichtkreise spielten auf dem träge dahinfließenden Flüsschen. Kraniche flogen in streng geordneter Formation über das Moor, ließen sich auf einer sumpfigen Wiese nieder, erhoben sich kreischend in die Luft, als von Ferne eine Motorsäge aufbrüllte. Der Mann fotografierte, die Frau sah immer wieder durchs Fernglas, machte ihn auf den Bussard aufmerksam, der in der Luft rüttelte und plötzlich hinabstieß auf seine Beute. Vor lauter Schauen vergaßen sie die Zeit. Die Sonne – ein blassroter Ball – stand tief, die Schatten wurden länger, Wind kam auf.
»Wir sollten zurückgehen, Edgar, es wird kalt«, sagte die Frau. Hand in Hand gingen sie den Sandweg zurück, auf dem sie gekommen waren.
Die Sonne verschwand hinter den Wolken, sie beschleunigten ihre Schritte. An der nächsten Wegkreuzung sahen sie Herrn und Hund wieder, über den Wiesenpfad kommend und im Begriff, auf den Hauptweg einzubiegen. Der Hund war in Führung, zog heftig an der Leine, eine Fahne von Schaum vor dem Maul. Mein armer Edgar, dachte die Frau, die die Hundephobie ihres Mannes kannte. Doch sie hatten keine Chance auszuweichen. Wieder fixierte der Hund den Mann mit hellen, leicht hervorstehenden Augen, roch dessen Furcht, fing hysterisch an zu bellen, wurde angeschrien.
»Ruhig, Hektor! Sitz, Hektor! Verdammt noch mal, sitz!«
Der Hund war nicht beherrschbar. Mit einem großen Satz sprang er auf Edgar los, dessen Panik ihn kopflos machte. Wider besseres Wissen fing er an zu schreien. Der Hund wurde fuchsteufelswild, riss die Leine aus den Händen seines Herrn, knurrte und schnappte, sprang an dem Mann hoch mit der ganzen Wucht seines bulligen Körpers. Eine Kampfmaschine, seit Jahrhunderten trainiert und gezüchtet, um gegen Bullen und Bären anzutreten, sich in deren Nasen zu verbeißen.
Edgar brüllte, versuchte sein Gesicht, seine Kehle mit den Armen zu schützen. Erst als die Frau mit erhobenem Wanderstock auf den Hund losprügelte, nach ihm trat, ließ der Pitbull von dem Mann ab und attackierte die Angreiferin. Biss immer wieder zu, riss Stofffetzen aus ihrer Daunenjacke. Der Besitzer fasste den Hund am Halsband, riss ihn zurück, stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den rasenden Hund. Die Frau blutete heftig an den Armen, an den Händen und im Gesicht, wurde plötzlich kalkweiß, setzte sich auf den Boden.
Der Hund bellte weiter, mit hochgezogenen Lefzen.
»Das hat Hektor noch nie gemacht. Noch nie hat er das gemacht. Ihr Stock ist schuld!« Der Glatzkopf drehte sich um, lief weg, den Hund hinter sich herzerrend.
»He«, rief der Mann. »He Sie, Sie können nicht einfach weglaufen. Meine Frau blutet.«
»Ich hole Hilfe«, schrie der Mann zurück und verschwand hinter der nächsten Biegung. Edgar hockte sich neben seine Frau, zückte das Smartphone. Kein Empfang hier draußen, natürlich nicht. Ein Gruppe Jugendlicher kam aus der Gegenrichtung auf sie zu geradelt, hielt an. Eine junge Frau kniete sich neben die um Luft ringende Frau, sah das Blut aus ihrem Ärmel pulsieren.
»Ich bin Krankenschwester«, sagte sie und zog den Gürtel aus der Jeans, band den Arm ab. Einer ihrer Freunde drehte um, preschte zurück zur Kneipe am Eingang des Naturschutzgebietes, um nach einer Ambulanz zu telefonieren. Die Krankenschwester deckte die Frau mit Jacken zu, die die jungen Leute bereitwillig auszogen. »Sie darf nicht auskühlen. Ihr Puls ist niedrig.« Jemand hatte eine Flasche Wasser dabei. Die Frau trank, versuchte zu lächeln. »Alles in Ordnung!«
»Nichts ist in Ordnung«, sagte Edgar und streichelte besorgt ihre Wange. »Du bist so blass! Du hättest dich nicht einmischen dürfen.«
Es dauerte eine Weile, bis der Krankenwagen kam. Die jungen Leute standen betroffen um das Paar herum.
»Meine Frau hat Herzprobleme«, sagte der Mann. »Ich habe Angst, dass …«
Endlich Blaulicht. Im Krankenhaus wurden die Bisswunden versorgt, ein Mittel gegen Tetanus gespritzt. Der Kreislauf stabilisiert.
Die Polizei leitete die Fahndung ein. Solange der Hund nicht gefunden wurde, konnte auch Tollwut nicht ausgeschlossen werden. Natürlich hatte der Hundehalter keine Hilfe geholt, war am Ausflugslokal vorbeigegangen und in seinen Wagen gesprungen. Ein dunkler BMW, wie ein Zeuge aussagte, der sich über den großen schwarzen SUV gewundert hatte, in dem der kleine Mann mit seinem laut bellenden Kampfhund verschwunden war. Mit durchdrehenden Reifen war er davongerast.
Ein Vorurteil wurde bestätigt. Leider. Der Mann betrieb mit seinem Bruder einen Schrottplatz in der nahen Kleinstadt. Wegen ruhestörenden Lärms hatte es schon wiederholte Beschwerden von Anwohnern gegeben. Die Polizei fand im Hof drei Zwinger mit halbverhungerten, hoch aggressiven Pitbull-Terriern. Von den Besitzern keine Spur. Sie hatten sich offensichtlich davongemacht. Das Unternehmen hatte vor kurzem beim Amtsgericht Insolvenz angemeldet. Die Fahndung läuft europaweit. Bisher ohne Erfolg.


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One Response to “Das hat Hektor noch nie gemacht!”

  1. Gravatar of Heike Achner Heike Achner
    25. Februar 2018 at 18:05

    Sicher eine Geschichte, die so stattgefunden haben kann. Als Hundehalterin möchte ich aber doch noch meinen Senf dazugeben. Dass es Tollwut seit mehr als 10 Jahren in Deutschland nicht mehr gibt, okay, hat sich vielleicht tatsächlich noch nicht zu jedem Arzt rumgesprochen ;-). Aber dieser Mythos, dass Hunde Angst riechen und dann u.U. aggressiv reagieren, der hält sich und hält sich. Inzwischen gibt es dazu etliche Untersuchungen. Klar kann ein Hund Angst beim Menschen riechen, aber das verunsichert ihn höchstens, in der Regel ist es ihm schnurzegal. Er reagiert eher auf Fluchtreaktionen und Körpersprache. Das könnte bei einem aggressiven oder unsicheren Hund sicher unangemessene Reaktionen auslösen. Und auch, wenn es schon hundertmal gesagt wurde – Pit Bulls sind sehr nette Hunde, die gut für Familien geeignet sind. Der bescheuerte und gewissenlose Mensch macht aus ihnen Kampfmaschinen. Ach ja, wenn wir schon beim Klischee sind – solche Hunde heißen dann „Tyson“ ;-).

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