Natascha hieß sie

Er war glückselig, wenn am Heiligen Abend der Weihnachtsmann klingelte. Die Kinder in der Schule verlachten ihn und sagten, einen Weihnachtsmann gebe es gar nicht. Wahrscheinlich habe sich nur sein Papa verkleidet oder sein Onkel. Er schluckte und sagte nicht, dass er keinen Papa und keinen Onkel hatte und allein mit seiner Mama in einer kleinen Zwei-Zimmerwohnung lebte. Aber sein Berufsziel stand fest, er wollte Weihnachtsmann werden und mit einem großen Sack von Tür zu Tür ziehen, um den Kindern Geschenke zu bringen.
Fast vier Jahrzehnte später – er war inzwischen Informatiker in einem großen Konzern und verdiente gutes Geld – konnte er sich seinen Traum erfüllen. Er ließ sich seine Überstunden nicht auszahlen, sondern legte ein Zeitkonto an, um in den Sommermonaten im finnischen Riovaniemi als Father Christmas im Weihnachtsmuseum zu arbeiten. Er war noch immer single, hatte keinerlei familiäre Verpflichtungen und saß bei sommerlichen Temperaturen im gekühlten Museum zwischen Rentieren und weiß gepuderten Tannenbäumen und sortierte die Wunschzettel, die ihm Kinder aus aller Welt zuschickten. Er strich aufgeregten Jungen und Mädchen über den Kopf, wenn sie ihn im Weihnachtsland besuchten und stotternd vor Aufregung ihre Gedichte aufsagten oder »Jingle Bells« sangen. Mütter setzten ihm Babys und Kleinkinder auf den Schoß, Väter fotografierten. Er hatte sich inzwischen eine schöne Wampe zugelegt, sodass er in seinem roten Mantel und der hohen Mütze den Bildern vom heiligen Nikolaus immer ähnlicher sah. Nach ein paar Enttäuschungen hielt er sich von Frauen fern. Vor drei Jahren war seine letzte Beziehung in die Brüche gegangen. Seitdem wohnte er wieder bei seiner Mutter.
Eines Tages stand ein blonder Engel neben ihm. Natascha hieß sie, und sie sollte das Weihnachtsfeeling der Touristen steigern. Große, blaue Augen hatte sie und ein berückendes Lächeln. Sie komme aus Riga, sei Krankenschwester, sagte sie, aber sie verdiene in den paar Sommerwochen in Finnland als Weihnachtsengel mehr Geld als in einem ganzen Jahr in Estland.
Der Weihnachtsmann war hin und weg. Nun war er wirklich im Himmel. Schwebte auf Wolken. Er machte seinem Engel den Hof, lud ihn ein, machte ihm Geschenke und war so glücklich wie noch nie in seinem Leben. Die erste Nacht in dem kleinen Hotelzimmer weckte in ihm den Wunsch, sich nie mehr von Natascha zu trennen. Er bat sie, mit ihm nach Deutschland zu kommen. Sie lächelte ihn an, fuhr mit dem Zeigefinger über seine Lippen, küsste ihn. Dann weinte sie. Vor Glück, dachte er.
Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Er war fassungslos. Wartete und hoffte. Von der Verwaltung besorgte er sich ihre Heimatadresse, flog nach Riga. Der breitschultrige Mann, der in den Hausflur kam, als er an der Wohnungstür klingelte und nach Natascha fragte, drohte ihm Prügel an, wenn er nicht sofort verschwände. Drinnen hörte man Kindergeschrei.


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