Initiationsrituale – Praia de Meco

 

Der Wind blies ihr ins Gesicht, als sie aus dem Haus trabte. Weißliche Atemwolken vor ihrem Mund. Jeannette zog die Kapuze hoch, das Wolltuch vors Gesicht. Bleich und rund hing der Mond über dem Meer, immer wieder verdeckt von jagenden Wolkenfetzen. Nur wenige Grade über null. Keine gute Idee, das warme Bett zu verlassen, um in den Dünen zu joggen, auch wenn die Stirnlampe einen schwachen Schein warf, der die Konturen des Pfades vor ihren Füßen ein wenig trittsicherer machte. Sie hatte nicht einschlafen können. Gerhard hatte an diesem Wochenende keinen Bereitschaftsdienst. Sie solle doch mal ausspannen, hatte er gesagt, ihr angeboten, sich um die beiden Jungs zu kümmern. Der FC Porto spielte gegen Benefica Lissabon. Eine gute Gelegenheit.

Jeannette zog das Tempo an. Die kalte Luft schmerzte in den Lungenflügeln, sie atmete in den warmen Schal, kämpfte sich vorwärts. Ihr Körper lehnte sich schräg gegen die Böen, sie leckte über die salzigen Lippen. Jeannette zog die Ärmel ihrer Windjacke nach unten. Sie hätte Handschuhe anziehen müssen.
Plötzlich bemerkte sie vor sich sieben schwarze Figuren, die im Gänsemarsch über die Dünen schwankten. Dunkle Mäntel flatterten im Wind, Kapuzen über den Köpfen. An der Spitze der Prozession ging eine hohe Gestalt, die mit einer Peitsche knallend die Luft zerschnitt. Die Truppe ließ sich auf dem Strandgras nieder, bis auf den Anführer zogen alle ihre Socken und Schuhe aus, ketteten Steine oder Kugeln an die Knöchel. Was für eine seltsame Zeremonie, dachte Jeannette, bei dieser Kälte, die kriegen eine Lungenentzündung. Ein paar gebrüllte Worte, dann krabbelte die Gruppe auf allen Vieren hintereinander die paar hundert Meter bis zur Brandung. Wie ein großes, schwarzes Insekt. Jeannette hatte sich hinter eine Krüppelkiefer geduckt, verfolgte das Schauspiel mit aufgerissenen Augen. Die Capes wiesen die Gestalten eindeutig als Studenten aus, wohl Studenten aus einer der zahlreichen Universitäten Lissabons. Männer oder Frauen? Nicht zu erkennen. Was taten sie hier am Strand der Costa Caparica? Hatten sie sich – genau wie sie – mitten im Dezember eins der leer stehenden Ferienhäuser gemietet, um ein paar Tage auszuspannen? Wollten sie gemeinsam für eine Klausur lernen? Eine bestandene Prüfung feiern?
Die jungen Leute waren am Wasser angekommen. Sie stellten sich in einer Reihe auf, mit dem Rücken zum Meer. Jeannette pustete in ihre kalten Hände, rieb sie an ihrer Jogginghose warm, beugte sich vor. Der Wind hatte zugelegt, die Wellen waren höher geworden. Im Tosen des Wassers konnte sie nicht verstehen, was der Mann mit der Peitsche rief. Eine Gestalt nach der anderen ging ein paar Schritte rückwärts, kniete sich in das eiskalte Wasser, hob die Arme zum Himmel. Nach kurzer Zeit waren alle auf den Knien. Die Gischt der anrollenden Brecher umschäumte ihre Beine. War sie Zeugin der berühmt-berüchtigten »praxes«, der Initiationsriten, die erduldet werden mussten, um an einer portugiesischen Universität aufgenommen zu werden, um wirklich dazuzugehören. In Coimbra hatte es vor einigen Jahren  sogar einen Todesfall gegeben, der nie ganz aufgeklärt worden war. Aber hier in Lissabon?
»Mais para atrás!«, hörte sie jetzt den Duxbrüllen, »atrás!« Und ein Gruppenmitglied nach dem andern kroch rückwärts.
Jeannette ließ den Blick über den dunklen Atlantik gleiten, über die im fahlen Licht sich überschlagenden Schaumkronen. Und dann sah sie sie, die Monsterwelle, die sich am Horizont aufgebaut hatte. »Cuidado«, wollte sie schreien, aufspringen, winken. »Achtung! Lauft!« Kein Wort kam aus ihrem Mund, die Kehle war zu, ihre Füße klebten am Boden. Wie in ihren schlimmsten Träumen, wenn die Gedanken sich überschlugen, aber der Körper nicht mehr gehorchte. Die riesige Welle raste auf den Strand zu, wurde höher und höher. Jetzt schien auch der Anführer die Gefahr zu bemerken, schrie unverständliche Worte, fuchtelte mit den Armen. Dann drehte er sich um und jagte den Strand hinauf. Für die anderen war es zu spät. Die Welle riss die Studenten von den Füßen. Gruselige Purzelbäume in meterhohen Brechern. Schwimmen zwecklos. Das auflaufende Wasser nahm seine Opfer mit in Richtung Strand. Keuchende, brüllende, nach Luft schnappende Menschenleiber. Todesschreie, vom Sturm zerfetzt. Niemand hatte eine Chance, die zurückrasenden Wassermassen nahmen alle mit ins Meer. Die schweren Gewänder, die Steine zogen sie nach unten.
Jeanette stand am Dünenrand. Sie sah den Anführer wegrennen, riss sich mühsam aus ihrer Erstarrung, zückte das Handy, wählte den Notruf mit zitternden Fingern.
Die Wasserpolizei kam aus Setubal, zwanzig Minuten später. Die Rettungsschwimmer konnten nichts mehr tun. Jeannette versuchte eine Personenbeschreibung des Mannes, eine dunkle Gestalt in ein schwarzes Cape gehüllt. Er stellte sich am nächsten Morgen. Seitdem wird er von höchster Stelle ermittelt, liest Jeannette im Diário de Notícias und fragt sich, wer den Rektor der Universität zur Rechenschaft zieht, der die mörderischen Rituale verteidigt.


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