Flugangst

Seit ihrer Kindheit hasste Susanne Fahrstühle. Sie wusste noch genau, wie sie sich fühlte, wenn der schlecht gewartete Lift in dem Hochhaus, in dem sie damals wohnten, irgendwo zwischen der 12. und 13. Etage steckenblieb und das Licht ausging. Der kleine Bruder fing sofort an zu schreien, Mutter nahm ihn auf den Arm, versuchte die Stimme ruhig zu halten und sagte: »Wir drücken einfach den Notknopf. Keine Angst. Da kommt schon jemand.« In der Tat, es kam immer jemand. Nach einer Weile – manchmal erst nach einer Viertelstunde, nie später – ging das Licht wieder an und der Lift setzte sich in Bewegung. »Siehst du«, sagte die Mutter und strich der Tochter übers Haar, »nicht so schlimm. Da kann nichts passieren.«
Susanne glaubte ihr nicht. Je älter sie wurde, desto mehr fürchtete sie Tunnel, vollgerammelte Stadien, Massenaufläufe. Auch das Fliegen wurde mehr und mehr zum Problem. Eigentlich lachhaft, denn ausgerechnet der kleine Bruder war Pilot geworden und erklärte ihr immer wieder, wie gering die Gefahr eines Flugzeugabsturzes war, dass das Risiko eher in der Fahrt zum Flughafen lag. Das wusste sie. Über den Kopf.
»Wir müssen da therapeutisch eingreifen«, sagte die Psychologin, die sie um Rat fragte. «Verhaltenstherapie gegen Platzangst. Nichts Psychoanalytisches. Einfache Verhaltenstherapie.«
Zur Übung ging Susanne – inzwischen hatte sie ihren Freund Hendrik geheiratet und selbst zwei Kinder – in den Zirkus, später mit Mann und den Söhnen ins Fußballstadium, obwohl sie Fußball wirklich nicht interessierte.
»Das tut Ihnen gut«, sagte die Therapeutin. «Weiter so.«
Fliegen allerdings, das wollte sie immer noch nicht. Keine Diskussion. Lufthansa bot Trainingskurse gegen Flugangst an. Dabei hatte sie keine Angst abzustürzen, bildete sich sogar ein, das sei eine schnelle und humane Todesart, auf jeden Fall besser als Krebs. Aber musste man überhaupt fliegen? Fernflüge? Umweltschädlich. Bloß um ein paar Tempel zu sehen? Um unter Palmen am weißen Strand zu baden? Europa bot so viel, da konnte man überall mit dem Auto hinkommen.

Ein kurzer Flug nach Mallorca, schlug Hendrik vor. Das halte sie durch, nur zweieinhalb Stunden. Lächerlich. Sie willigte ein und stand schon zwei Wochen später in der Abflughalle mit Hunderten von reiselustigen Touristen, die redeten und lachten und mit den Füßen ihr Gepäck weiterschubsten. Ist ja gar nicht so schlimm, versuchte sie sich einzureden. Die Halle war groß und hell, die Leute gut gelaunt, niemand drängelte, noch nicht einmal, als sie in der Schlange darauf warteten, dass das Boarding begann. Den kurzen Weg übers Flugfeld zum Flieger überwand sie mit leichten, schnellen Schritten, stieg energisch die Treppen zum Eingang hoch. Zwei nette Stewardessen grüßten freundlich, ließen sich die Boardingcard zeigen und wiesen den Weg zu ihren Sitzen. Dann das Gefühl, Hilfe, ist es hier eng, eine geschlossene Metallröhre, ein blecherner Sarg. Sie ließ sich in den Sitz fallen, Fensterplatz, und blickte angestrengt aufs Flugfeld. Ruhig atmen, befahl sie sich. Ganz ruhig atmen, das hatte sie trainiert. Ein und aus. Der Flieger rollte zur Startbahn, die Motoren wurden laut, lauter, das Flugzeug zog an, die Menschen wurden in ihre Sitze gepresst. Jedes Gespräch verstummte. Hendrik tastete nach ihrer Hand, sie versuchte zu lächeln, krampfte sich an seinem Arm fest. Der Flieger beschleunigte, unter ihnen raste das graue Betonband vorbei. Sie hoben ab, gewannen langsam an Höhe. Ein erleichtertes Aufatmen im Flieger. Sieh mal an, dachte sie, die anderen Menschen waren wohl auch angespannt. Nun redeten sie wieder, lachten, standen auf, öffneten die Klappen über den Sitzen, versorgten sich mit Zeitschriften und Getränken. Der Urlaub hatte begonnen. Auch Susanne nahm das eBook, das ihr Mann ihr fürsorglich reichte, versuchte, sich in den Mallorca-Krimi zu vertiefen, was erstaunlicherweise gelang. Sie entspannte sich, schloss sogar zwischendurch die Augen, riskierte ein Nickerchen. Nein, danke, Kaffee brauchte sie nicht, auch kein Glas Wein. Sie schaffte es auch so. Warum hatte sie nur so ein Theater gemacht? Ihr Mann lächelte sie an, strich ihr mit dem Handrücken über die Wange.
»Alles klar?«
Ja, es war alles klar und sie war erstaunt, nach so kurzer Zeit die Stimme des Kapitäns zu hören, der den Landeanflug über Palma de Mallorca ankündigte. Die Anschnall-Lichter blinkten auf, die Leute legten die Gurte an. Einige schoben noch schnell einen Kaugummi in den Mund. Druckausgleich. Sie lehnte sich zurück, spähte aus dem Fenster, sah den Flughafen näher und näher kommen, die Landebahn.
Doch kurz vor dem Aufsetzen, sie wartete schon auf das erlösende rumpelnde Geräusch, heulten die Motoren auf und die Maschine wurde nach oben gezogen. Susanne erstarrte. Im Flugzeug wurde es gespenstisch still. Die Stimme des Copiloten kam übers Mikrofon, es gebe keinen Grund zur Beunruhigung, sie hätten ein kleines Problem mit dem Fahrwerk. Es schien zu klemmen. Sie würden in ein paar Minuten den Landeanflug noch einmal probieren.
Warum gerade, wenn ich an Bord bin, dachte Susanne, warum bei meinem ersten Flug? Hinter ihnen fing eine Frau an, haltlos zu schluchzen. Eine Männerstimme sprach beruhigend auf sie ein. Hinten schrie ein Kind. Susanne merkte, wie ihre Hände schweißnass wurden. Nein, sie würde nicht schreien. Und wenn sie erstickte. Der nächste Anflug würde gelingen. Das Flugzeug gewann an Höhe, flog eine große Schleife um den Flughafen, ging in den Sinkflug.
»Gleich haben wir`s«, sagte Hendrik. »Kein Problem. Das kann mal passieren.«
Susanne antwortete nicht, konzentrierte sich auf ihre Atmung. Und wenn wir abstürzen, dachte sie. Und wenn wir jetzt abstürzen? Wäre es wirklich so schlimm? Ich hatte ein schönes Leben, einen fürsorglichen Mann, wohlgeratene Kinder …
»Es wird gutgehen«, flüsterte ihr Mann und sie merkte, dass er Angst hatte. Er war ganz bleich. Komischerweise fühlte sie sich stark in diesem Moment. Sie drückte seine Hand.
»Wir hatten ein schönes Leben«, sagte sie.«Wir hatten uns!«
Er nickte und legte den Arm um sie. Und es geschah das Unfassbare, das Flugzeug startete zum zweiten Mal durch und zog mit einer steilen Kurve nach oben.
»Hier spricht der Kapitän. Bleiben Sie ganz ruhig. Es besteht kein Grund zur Panik. Das Fahrwerk klemmt noch immer, aber am Boden stehen Löschfahrzeuge bereit, die einen Schaumteppich auf die Landebahn legen, so dass der Flieger auch ohne Fahrwerk landen kann. Sie brauchen keine Angst zu haben.«
So ein Quatsch, dachte Susanne. Alle haben hier Angst. Natürlich haben alle Angst. Bilder von abgestürzten und ausgebrannten Flugzeugen drängten sich ihr auf. Herumliegende Wrackteile von der Germanwings-Maschine, die vor zweieinhalb Jahren dieser Psychopath von Co-Pilot in den französischen Alpen gegen einen Berg gesteuert hatte, während der Kapitän verzweifelt an der verschlossenen Cockpit-Tür getrommelt hatte. Ein Flugzeug voller Kinder und Jugendlicher. Nein, versuchte sie sich einzureden, ich kann mich nicht beklagen, mein Leben war schön. Privilegiert. Im richtigen Land zur richtigen Zeit in der richtigen Familie geboren. Ohne Krankheiten, ohne materielle Sorgen. Das Schluchzen der Frau hinter ihnen hatte sich zum Schreien gesteigert. Hier und da Weinen, Flüche, Gebete. Tatsächlich, vor ihnen betete eine Frau das Vaterunser. Nie in die Kirche gehen, aber jetzt beten, dachte Susanne. Sie fühlte sich stark und ruhig, ruhig genug, um zu ihrem Mann zu sagen:
»Keine Angst, das klappt schon. Die Piloten haben solche Landungen trainiert.«
»Am Simulator«, sagte er. »Das ist was anderes.« Er entspannte sich aber.
Von oben sah man, wie sich große, graue Fahrzeuge auf die Landebahn zubewegten.
»Die sprühen gleich Schaum«, sagte Susanne und schaute interessiert aus dem Fenster. »Guck mal, Hendrik!«
Er beugte sich über sie. Und dann ein Rumpeln und Kreischen.
»Das Fahrwerk ist raus«, sagte er und fing an zu lachen. Hysterisch zu lachen.
»Das Fahrwerk ist raus«, schrie eine Männerstimme von hinten.
»Gott sei Dank«, sagte die Frau vor ihnen und hörte auf zu beten.
»Das Fahrwerk ist raus«, sagte auch der Co-Pilot. Seine Stimme klang erleichtert.
Der Junge hat auch Angst gehabt, dachte Susanne. Trotz Training im Simulator.

Als das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzte, gab es frenetischen Beifall. Beim Rausgehen sagte ein älterer Mann hinter ihnen:
»So was muss ja passieren, wenn die Fluggesellschaften sich totsparen und die Flieger nicht anständig gewartet werden.«
»Ach, halten Sie doch den Mund!«, sagte Susanne.
Sie verlebten einen wunderschönen Urlaub auf Mallorca. Allerdings bestand Hendrik am letzten Urlaubstag darauf, den Rückflug verfallen zu lassen und lieber die Fähre nach Barcelona zu nehmen.
»Wir fahren mit dem Zug zurück«, sagte er. »Das macht viel mehr Spaß.«
Susanne lächelte in sich hinein.


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2 Responses to “Flugangst”

  1. Gravatar of Christa Burmeister Christa Burmeister
    10. Mai 2017 at 21:52

    Eine sehr nette, spannende Geschichte mit einem Plädoyer für das starke „schwache Geschlecht“.

  2. Gravatar of Schlicht, Ina Schlicht, Ina
    21. Mai 2017 at 17:46

    Die Geschichte gefällt mir sehr gut – sehr glaubhaft! Durch die gelungene Einleitung wirkt der Hauptteil sehr überzeugend. Ich hatte das Gefühl, mit im Flieger zu sitzen. Was will man mehr! Am besten aber ist der Schluss. Das erlösende Grinsen, das der Schluss provoziert, ist das Tüpfelchen auf dem I.
    Ergo: eine rundum stimmige Geschichte, auch sprachlich gut gelungen.

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