Die Diagnose
Tilda war es manchmal, aber manchmal doch ein wenig peinlich, wenn sie in einer Arztpraxis anrief und sagte, dass sie Privatpatientin sei und um einen schnellen Untersuchungstermin bat, den sie fast immer zügig bekam, während andere Patienten oft wochenlang warten mussten. Doch an diesem Morgen ging es ihr wirklich schlecht. Nachdem sie morgens gut ausgeschlafen aus dem Bett gestiegen war, ein bisschen Gymnastik gemacht und dann die Treppe hinunter Richtung Toilette genommen hatte, schoss plötzlich ein heftiger Schmerz durch ihre rechte obere Gesäßhälfte, sodass sie zusammenzuckte, aufschrie und sich krampfhaft ans Geländer klammerte. Schritt für Schritt quälte sie sich die Stufen hinunter. Auf der untersten Stufe setzte sie sich und zog beide Beine an den Bauch. Sie versuchte, langsam und gleichmäßig ein- und auszuatmen.
Nach und nach ließ der Schmerz nach. Sie zog sich am Handlauf hoch, drückte mit der rechten Hand gegen die obere Pobacke und fragte sich, was geschehen war. Sollte das der berühmt-berüchtigte Hexenschuss sein, von dem sie schon gehört hatte, den sie selbst aber bisher trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch nie erleiden musste. Langsam humpelte sie ins Bad, stellte sich unter die warme Dusche, trocknete sich ab und zog sich langsam und vorsichtig an, jede abrupte Bewegung vermeidend. Anschließend begann sie, den Frühstückstisch zu decken, Kaffee zu kochen, Joghurt in die Müslischale zu rühren und Obst kleinzuschneiden. Die zweite Attacke ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Vom langen Stehen verkrampfte sich ihr unterer Rücken wieder und sie versuchte, dagegen anzukämpfen, indem sie anfing, vorsichtig das rechte Bein zu heben, es nach vorn und hinten zu schaukeln, das Knie zu kreisen, die Hüften zaghaft rotieren zu lassen.
Als der Krampf nachließ, humpelte sie langsam zum Computer auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer und gab bei „Google“ den Begriff „Hexenschuss“ ein, mit Fragezeichen natürlich.
Sie bekam die Information, dass die Ursache eines entzündeten Ischiasnervs ein eingeklemmter Ischiasnerv sei, der vom Piriformis-Muskel eingeengt würde. Wärme, leichte Bewegungen und Dehnungsübungen sollten helfen. Auch wenn sie als medizinisch ungebildete Laie von einem Piriformis noch nie etwas gehört hatte, schien ihr die Erklärung nicht unlogisch. Wärme und Dehnübungen würden helfen, las sie. Das wird sie sofort ausprobieren.
Die Gymnastikmatte stand aufgerollt in der Ecke. Sie rief ihr Lieblingsgymnastikprogramm auf und übt mit der sympathischen Gymnastiklehrerin Gabi zwanzig Minuten, auf der Matte, ihren Rücken zu dehnen. Das half, die Schmerzen verschwanden nach und nach. Sie konnte sich ohne Schmerzen aufrichten und ein paar Schritte gehen. Eine Wunderheilung? Unwahrscheinlich. Aber erst einmal konnte sie schmerzfrei zum Einkaufen fahren. Als sich die Verkrampfung zwei Stunden später wieder einstellt, reagiert Tilda nicht panisch, breitet die Matte aus und machte konzentriert die empfohlenen Dehnübungen. Anschließend rief sie in einer orthopädischen Praxis an und bat um einen schnellen Termin, den sie auch für den späten Nachmittag bekam, denn schließlich war sie ja Privatpatientin. Die halbe Stunde Wartezeit nahm sie stoisch hin, froh, überhaupt am selben Tag noch einen Termin bekommen zu haben.
Der Arzt, ein attraktiver Mann mittleren Alters offerierte ihr einen Stuhl und fragte sie freundlich nach dem Grund ihres Kommens. Als sie erklärte, sie habe Schmerzen im unteren Rücken und vermute einen eingeklemmten Ischiasnerv, verfinsterte sich seine Miene zusehends. Sie sagte ganz stolz, sie habe im Internet recherchiert, welche Ursachen ihre Schmerzen haben könnten.
„Das sind alles Spekulationen“, sagte er. „Wir machen erst einmal eine Röntgenaufnahme.“
Ich sehe ja ein, dachte Tilda, dass man aus einer Privatpatientin so viel Geld wie möglich herausholen will. Eine Röntgenaufnahme musste also sein. Sie sagte nichts, ging folgsam mit der Arzthelferin zum Röntgen und wunderte sich, warum der Arzt nicht mit einem Wort auf ihre Vermutung, es könne ein eingeklemmter Ischiasnerv sein, eingegangen war.
Zurück im Untersuchungszimmer heftete der Arzt die Röntgenaufnahmen an die Pinnwand und betrachtete sie ausgiebig. Schließlich nickte er mit dem Kopf. „Genau, was ich vermutet habe“, sagte er befriedigt. „Schauen Sie mal genau hin. Man kann deutlich sehen, dass Ihre linke Hüfte geschädigt ist. Da müsste dringend etwas passieren! Lassen Sie sich einen OP-Termin geben für eine neue Hüfte!“
Tilda traute sich nicht zu sagen, dass sie eigentlich nichts Auffälliges an ihrem Hüftknochen feststellen konnte, aber ihr war klar, dass ihre Beobachtungsgabe nicht besonders ausgeprägt war, also nickte sie nur und schloss resigniert die Augen.
„Und schauen Sie sich bitte ihr Rückgrat an“, fuhr der Orthopäde begeistert fort. „Sehen Sie, wie geschädigt die Knorpel sind?“ Er wies mit dem Zeigefinger auf eine Stelle, die Tilda gar nicht genau identifizieren konnte. „Hier ist ein alter Bruch. Sind Sie mal gefallen?“
Tilda nickt. „Ja, vor einigen Jahren. Ich bin auf der Treppe gestolpert und rückwärts die Stufen hinuntergerutscht. Aber auch das ist lange her. Die Beschwerden haben sich auch schnell gelegt. Ich mache viel Sport, gehe fast jeden Tag schwimmen und mache viele Radtouren.“
Der Arzt schüttelte den Kopf über so viel Unverstand. „Meine Liebe, da irren Sie sich gewaltig. Schauen Sie sich die Aufnahmen genau an. Da muss dringend etwas passieren. Ich schicke Sie jetzt erst einmal zum MRT. Sehen Sie zu, dass Sie schnell einen Termin bekommen.“ Er setzte sich an den Schreibtisch und füllte eine Überweisung aus, die er Tilda in die Hand drückte. Übrigens, das Radfahren und Schwimmen lassen Sie jetzt erst einmal ganz sein.
„Warum das?“ fragte Tilda konsterniert.
„Weil ich es sage!“, konterte der Arzt.
Tilda war völlig verunsichert. Sie war doch als gesunder Mensch – na ja, mit Rückenschmerzen -in die Praxis gekommen, und nun war sie zum Krüppel mutiert, der dringend medizinischer Hilfe bedurfte. Konnte das sein?
Zum Glück bekam sie schon am nächsten Morgen einen Krankenhaustermin fürs MRT. Mit dem Bild in der Hand ging sie zum zuständigen Radiologen.
„Bei Ihnen ist doch alles in Ordnung“, sagt dieser freundlich. „Warum sollten Sie ein MRT machen?“
Tilda glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.
„Ihr Kollege in der Praxis sagte, meine Hüfte sei kaputt und müsse operiert werden. Auch die Rückenknorpel sähen nicht gut aus. Ich solle zurzeit auch überhaupt keinen Sport machen, weder schwimmen gehen noch radeln.“
Der Radiologe schüttelt den Kopf: „Wer rastet, der rostet“, sagte er. „Bei Ihnen ist alles in Ordnung. Natürlich ist die Hüfte nicht mehr taufrisch und ihr Rückgrat zeigt auch Verschleißerscheinungen. Aber – er warft einen Blick auf den oberen Rand des MRTs – Sie werden im nächsten Jahr achtzig, da ist kein Teil mehr nagelneu. Machen Sie sich aber keine Sorgen, Sie sind noch gut in Form. Für Ihr Alter, meine ich.“
Der Arzt überlegt eine Weile. „Wie aber kommt der Kollege zu seiner Diagnose, frage ich mich. Oder haben Sie ihm die Diagnose aus der Hand genommen und sie selbst gestellt? Das kann kein Arzt leiden. Und meistens sind es Frauen, besonders Lehrerinnen, die das Internet zurate ziehen und versuchen, selbst herauszufinden, welchen Grund es für ihre Beschwerden gibt. Davon ist kein Arzt begeistert, der Kollege hätte allerdings souveräner reagieren müssen.“
Und in dem Moment wurde Tilda einiges klar. Wie bescheuert war sie eigentlich, dem Orthopäden eine Diagnose zu liefern, ehe der sie überhaupt untersucht hatte.
Sie wurde rot. „Wie, Sie meinen, der Orthopäde hat sich sozusagen gerächt, weil ich seiner Meinung nach übergriffig war? Er hat sich wohl in seiner Kompetenz angegriffen gefühlt, und das zu allem Überfluss von einer dieser eingebildeten Lehrerinnen, die ohnehin alles besser wissen? Habe ich recht?“
Der Radiologe lachte. „Nun seien Sie froh, dass Sie gesund sind. Der Kollege hat sich nicht korrekt verhalten, ich will ihn auch nicht verteidigen. Aber auch Mediziner sind Menschen mit Empfindlichkeiten, besonders gegenüber Lehrerinnen. Auch ich habe da so meine Erfahrungen gemacht. Auf jeden Fall radeln Sie und schwimmen Sie, so oft Sie können. Fit halten, heißt die Devise. Besonders im Alter!“
Sie hätte den Doktor am liebsten umarmt!
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