Der Strand von Trafalgar

 

Der Silberstreif der Sonne läuft direkt auf den Leuchtturm zu, wiegt sich auf dem grün-blau changierenden Wasser, überschlägt sich mit den winzigen weiß schäumenden Wellen, kriecht als helles Band über den Sand hoch hinauf auf die Düne und lässt den weißen Turm mit der Glaskuppel im spätnachmittäglichen Licht aufglühen.
Ich lasse mich auf dem silbernen Strahl bäuchlings Richtung Strand treiben, bleibe im Flachen liegen, lasse die Wellen über mich hinwegrollen, genieße die Massage auf dem Rücken. Wasser wie kühle Seide, wo habe ich das gelesen?
Der Leuchtturm von Trafalgar erhebt sich auf einer Düne, die als Zunge ins Meer ragt, bewachsen von hellgrünem Strandgras und dunkelgrünem, nadeligem Kieferngestrüpp und fleischigen Sukkulenten, die wohl seit Jahrhunderten verhindern, dass der Sand wegfliegt.
Die Schlacht von Trafalgar: Bilder tauchen vor mir auf, zwei Reihen von parallel segelnden Kriegsschiffen, die sich gegenseitig unter Beschuss nehmen. Die Segel sind vom Wind gebläht. Geschützdonner, hohe Schreie, das Geräusch splitternden Holzes.
»England expects everybody to do his duty!«, Admiral Nelsons berühmter Satz, bisher nur eine Grammatikübung im Englischunterricht, um den Schülern eine elegante sprachliche Konstruktion zu demonstrieren, nimmt hier gruselige Gestalt an. Tausende von Toten, unter ihnen Nelson, auch der französische Vize-Admiral Villeneuve wurde gefangen genommen. Ich schließe die Augen.
Das Wasser zieht mich zurück ins Meer. Es ist Ebbe, der Strand wird breiter, auf dem nassen, freigelegten Rand ist der Boden hart genug für die ersten Jogger. Muscheln, Algen, Steine und Reste angespülter Fischernetze markieren die Grenze, bis wohin das Meer bei der letzten Flut gestiegen ist. Ich paddele ein Stück zurück ins Wasser, lasse mich mitziehen mit den zurücklaufenden Wellen, bis ich nur noch mit den Füßen den Boden berühre, ändere die Richtung und probiere aus, wie stark die Strömung zieht. Am Strand flattert die grüne Fahne, zwei life guards hocken auf dem hölzernen Turm, ein Schlauchboot mit starkem Motor ist zum Einsatz bereit. In dieser Bucht soll es starke Strömungen geben, nicht zu weit hinausschwimmen, hat mich der Wirt der Kneipe gewarnt. Hinter den Dünen sieht die Ansammlung von kleinen Gebäuden und Hütten aus wie ein afrikanisches Dorf. Doch sollen die andalusischen Schäfer in genau solchen Hütten gewohnt haben. Hier sind die Dächer nicht aus Stroh oder trockenem Gras, sondern mit Bambus abgedeckt, auf den eine Schicht Sand gestreut wurde. Konservierende gelbe Farbe hält die Konstruktion zusammen. Wie die Rundhäuser der Schlümpfe, wenn sie blau wären, kommt mir in den Sinn.
Auf der rechten Seite der weiten Bucht sieht man das mit dichten Schirm-Pinien bewachsene hohe Sandsteinkliff der Canos de Mecca, unten am Strand die kleinen, mit weißer Kalkfarbe gestrichenen Häuser und Hotels, keins größer als eine Palme, so wie der Architekt und Künstler César Manrique das für Lanzarote durchgesetzt hat. Oben auf der Klippe der steinerne Rundturm, von dem aus man die von See her anrückenden Angreifer rechtzeitig erspähen konnte, heute ein Aussichtspunkt für Touristen, die angesichts des hellen Strandes und des blauen Wassers reflexartig ihre Smartphones zücken.
Der Strand von Trafalgar scheint immer noch ein Geheimtipp zu sein, schaue ich auf die überschaubare Zahl der Sonnenanbeter am Strand. Ein paar Familien mit kleinen Kindern lagern unter blauen und roten Sonnenschirmen, Pärchen liegen auf geblümten Decken. Jugendliche versuchen, mit Bodyboards die kleinen Wellen zu reiten, geben bald frustriert auf. Zwei Männer mit Labrador-Hündinnen werfen unermüdlich einen weichen Ball ins Wasser, um die Hunde zu bewegen, sich ins kalte Nass zu stürzen. Und doch müssen sie immer wieder die Bälle selbst zurückholen, weil die Tiere am Rand vor dem weißen Schaum zurückschrecken und in Panik geraten, sobald sie keinen Grund mehr unter den Füßen haben. Doch die Männer sind hartnäckig. auf. Immer wieder schwimmen sie hinaus, während die Hunde aufgeregt kläffend auf den Ball warten und an ihren Herrchen hochspringen, sobald diese den Strand betreten.

Der Wind hat aufgefrischt. Ich packe packen Strandtuch und Badetasche und schlendereüber den Strand zurück zur Kneipe, um geschützt vom Wind unter dem afrikanischen Hüttendach noch ein Eis zu essen, einen café con leche zu trinken. Oder ist es schon Zeit für einen Weißwein?


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One Response to “Der Strand von Trafalgar”

  1. Gravatar of Helga Helga
    29. April 2019 at 08:31

    Was suchen wir im Urlaub? Der Text „Der Strand von Trafalgar“ fordert heraus, unsere Rolle als Touristen zu überdenken: Auf der Gewinn-Seite steht für die Ich-Erzählerin, wie bei vielen von uns, das Gefühl von gesteigerter Lebensfreude. In einem gut gewählten Zeitausschnitt eines Urlaubstages schildert die Autorin mit Hilfe vieler Sinneseindrücke, wie gut man es sich in Wasser, Sonne, Landschaft – und auch nach dem Schwimmen bei Kaffee oder Wein gehen lassen kann. Auch der von uns oft lang entbehrte Kontext zur Natur, der der Seele gut tut, stellt sich hier am Strand intensiv ein. Aber die Autorin kreiert in ihrem Text keine oberflächliche Wellness-Urlauberin. Der berühmte Name des Schauplatzes veranlasst die Ich-Erzählerin zu einer einen Absatz in Anspruch nehmenden Reflexion über die opferreichen Kriegsereignisse von Trafalgar … pflichtschuldigst? Als Leserin überlege ich zum wiederholten Mal, ob meine „Vor-Ort-Bemühungen“, als Urlauberin die historischen und kulturellen Implikationen meines temporären Aufenthalts zu suchen oder mindestens wahrzunehmen, nur Makulatur sind und über manche Schattenseiten des heutigen Tourismus hinwegtäuschen. Wie steht es mit den durch uns verursachten Umweltschäden oder der wie selbstverständlichen Inanspruchnahme und strukturellen Umwandlung nach und nach immer entlegenerer Orte und Landschaften? Der Text thematisiert die letztgenannten Aspekte nicht direkt. Aber durch die paradiesisch anmutende Charakterisierung des Ambientes scheinen die Fragen „Wie lange noch?“ und „Verhalte ich mich richtig?“ grell am Urlaubshimmel über den Hütten des Strandes von Trafalgar auf.

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