Das Mädchen rennt

 

Wie hübsch sie ist, diese kleine weiße Stadt auf dem Hügel direkt an der Küste, auf deren grau-schwarz gepflasterten Gassen wir uns mühsam bis zum maurischen Kastell hochkämpfen. Immer wieder verirren wir uns in den schmalen Sträßchen, in die nur Einheimische vorsichtig ihre Autos lenken, bleiben stehen vor lichtüberfluteten Gartenflecken, deren frühlingshafte Blumenpracht uns staunen lässt. Von oben dann der grandiose Blick auf die blauen Weiten des Mittelmeers, auf die hin- und herwogenden Schaumkronen und die funkelnden Lichtspiele der Sonne. Im Hintergrund ragen die weißen Gipfel der Sierra Nevada auf, deren mit gelbem Ginster und knorrigen Olivenbäumen gesäumte Sträßchen wir heute Morgen hinuntergefahren sind, gemeinsam mit den Motorradfahrern, die unseren kleinen Renault in den engen Kurven halsbrecherisch schnitten. Unter der Burg dann eine kleine Kneipe, auf deren verschatteter Terrasse noch einer der vier Tische frei ist. »Cerveceria Martin«, sagt das Schild über dem Eingang. Martin? Ein deutscher Name? Nein, der freundliche runde Besitzer ist eindeutig Spanier. Den heiligen Martin kenne man auch hier gut, sagt er.
»Duas cervezas. Muy frio, por favor!«
Die Kehle ist trocken, das T-Shirt durchgeschwitzt. Es tut gut, die Beine durchzustrecken, tief durchzuatmen.
»Quieren almorzar? Er weist auf das Schild.: Plato de Dia: 9.50 Euros.
»No, gracias! Mas tarde!«

Am Nachbartisch sitzt eine vierköpfige Familie, die meine Neugier erregt. Sie sprechen Deutsch, es hätte aber genauso gut Englisch sein können oder Norwegisch. In Andalusien wimmelt es im Frühjahr von sonnenhungrigen Touristen aus den nördlichen Ländern, die sich nach der Sonne sehnen. Es ist nicht ihre Nationalität, die meine Aufmerksamkeit weckt, eher die Kombination der Personen. Das ist nicht Vater, Mutter, Kind und Großmutter, die heilige Familie auf Urlaub, nein, irgendetwas passt nicht, die Atmosphäre ist bleiern, angestrengt, nur wenige Worte gehen hin und her. Die Speisekarten liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, der Kellner bringt Weißwein und Wasser, stellt Gläser und eine Karaffe auf die Tischdecke aus blütenweißem Papier. Auf der einen Seite – mit den Gesichtern zu uns – sitzt ein gutaussehender, dunkelhaariger Mann, schlank, Mitte bis Ende Vierzig, schätze ich, mit grauen Schläfen und ernst blickenden braunen Augen. Er raucht. Zu seiner linken Seite eine attraktive ältere Dame mit dichtem weißen Haar, zu der er sich immer wieder beugt, ihr Wasser nachschenkt und leise ein paar Worte sagt. Mutter und Sohn? Vielleicht. Ihnen gegenüber, mit dem Rücken zu uns sitzt eine elegante Enddreißigerin im geblümten Sommerkleid, neben ihr ein etwa zehnjähriges Mädchen. Mutter und Tochter, da bin ich mir sicher. Das gleiche rötlich-blonde Haar, bei der Mutter mit einer goldenen Spange hochgesteckt, bei der Tochter fließt die Pracht bis auf die Hüften. Die Frau hat ihre linke Hand auf den rechten Arm des kleinen Mädchens gelegt, streichelt ihn sanft, zupft immer wieder an den langen Haaren des Kindes, rollt einzelne Strähnen über die Finger, drückt hin und wieder einen Kuss auf seinen Kopf. Patchworkfamilie, spekuliere ich. Der erste gemeinsame Urlaub. Wird alles gutgehen?
Die Frau greift über den Tisch zur Zigarettenschachtel, ohne das Kind loszulassen, der Mann streckt den Arm aus, ein silbernes Feuerzeug blitzt auf.
»Iih!«, sagt das Mädchen und wedelt mit der Hand den Rauch weg. »Du hast versprochen … «
»Schätzchen, was möchtest du essen?«, unterbricht die Mutter, hält die Zigarette am langen Arm von sich weg und bläst den Rauch in Richtung Gasse.
»Ich habe keinen Hunger«, sagt das Mädchen.
»Du musst etwas essen, Kleines!«, sagt die Mutter.
»Ich habe aber keinen Hunger«, beharrt die Tochter, schüttelt den Arm der Mutter ab wie ein Insekt, springt auf.
»Ich will zum Brunnen!« Sie zeigt auf die gegenüberliegende Hauswand, von der ein bemooster Steinfisch Wasser in eine Schale speit.
»Pass auf die Autos auf«, sagt die Mutter und steht ebenfalls auf.
»Lass sie, hier ist kein Verkehr«, sagt der Mann, greift über den Tisch und legt seine Hand auf die der Frau. Sie zieht sie sofort zurück. »Nicht vor dem Kind!«
Der Mann zuckt die Schultern, schaut zu der älteren Frau. Die sagt nichts, schaut dem kleinen Mädchen nach, das ihre Hand unter das sprudelnde Wasser hält und nach kurzer Zeit zurückkommt.
»Mir ist langweilig!«
Die Mutter nimmt sofort ihre Hand.
»Nun such dir doch was aus, Liebling! Was möchtest du essen?«
»Nichts!«
»Charlottchen«, schaltet sich der Mann ein.«Du hast seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Und da auch nur ein halbes Croissant. Nun iss doch wenigstens eine Suppe!«
»Du hast mir nichts zu sagen«, sagt das Mädchen. »Du bist nicht mein Papa.«
»Nein, das bin ich nicht«, sagt der Mann. »Entschuldige!«
»Charlotte-Marie«, sagt die Mutter und nimmt die nächste Zigarette. »Wir hatten eine Vereinbarung. Du kommst mit uns in Urlaub und wir versuchen, gute Freunde zu werden.«
»Er ist dein Freund, nicht meiner«, sagt Charlotte.
»Aber ich möchte auch dein Freund werden, Charlottchen«, sagt der Mann freundlich.
»Aber ich nicht deine Freundin«, sagt das Mädchen.
»Wir sollten vielleicht gehen und später im Hotel essen«, sagt die alte Dame leise.
»Ich muss erst auf die Toilette«, sagt Charlotte.
Sofort steht die Mutter auf, nimmt die Tochter an die Hand.
»Ich zeige dir den Weg.«
Sie verschwindet mit dem Kind im Inneren des Lokals.
»Meine Güte«, sagt der Mann. »Charlotte ist zehn. Die kann doch wohl allein zur Toilette gehen!«
»Gib ihr Zeit«, sagt seine Mutter. »Mit Ungeduld kommst du nicht weiter. Das Kind ist eifersüchtig. Kämpft um Aufmerksamkeit.«
Der Mann seufzt, zündet sich eine neue Zigarette an, lächelt die Zurückkommenden verkrampft an.
»Ich habe schon bezahlt«, sagt die Frau, bleibt am Tisch stehen, lässt die Hand ihrer Tochter nicht los. »Gehen wir!«
»Schau mal, Schätzchen, die Burg dort oben, die haben die Araber vor über 1000 Jahren gebaut. Sollen wir dort hinaufklettern?«, sagt der Mann.
»Nein! Zu heiß!«, sagt Charlotte. »Im Sommer fahre ich wieder mit Papa in Urlaub. Da muss ich nicht so langweilige Besichtigungen machen!«
»Eben«, sagt die Mutter und ihre Lippen werden schmal. »Und du darfst die ganze Zeit mit deinem iPhone spielen.«
»Genau«, sagt die Tochter. »Und du kannst ungestört mit Richard herumknutschen.«
Im Bruchteil einer Sekunde hat die Mutter ausgeholt und zugeschlagen. Es klatscht heftig, als ihre Finger die Wange des Kindes treffen. Die Gäste auf der Terrasse schauen auf. Charlottes Mund klappt in Zeitlupe auf, aber es kommt kein Schrei, nur ein trockenes Schluchzen. Das Mädchen reißt sich los, fängt an zu rennen, verschwindet in der engen Kurve.

»Meine Güte«, sage ich und schaue meinen Mann an. »War das bei uns auch so schwierig im ersten Urlaub? Ich meine, mit deinen und meinen Kindern?«
Er nickt.

 


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One Response to “Das Mädchen rennt”

  1. Gravatar of Anne Asseln Anne Asseln
    8. März 2018 at 11:20

    Toll!
    Eine gelungene Geschichte, die sehr dicht eine südliche Landschaft und Atmosphäre beschreibt. Dagegen der Kontrast einer komplizierten Beziehung.

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