Borderline

»Was ist los, mein Kleiner?«, fragte Stefan und hob seinen schluchzenden Jüngsten auf den Schoß. »Wer hat dir was getan?«
»Mama«, sagte der Junge und kuschelte sich an seinen Vater. »Mama. Sie hat geschrien und mich gehauen. Ganz fest.« Anklagend zeigte er auf seine feuerrote Wange.«Ins Gesicht! Das darf man nicht, hast du gesagt.«
Stefan seufzte. Valeria war wohl wieder ausgerastet. Das passierte immer häufiger in letzter Zeit.
»Schätzchen, Mama geht es im Moment nicht gut. Sie meint es nicht so.«
»Doch«, schluchzte Tommi.«Sie hat gesagt, sie will mich weggeben. In ein Heim, weil, weil ich böse bin. Ich bin nicht böse, Papa. Oder?«
Stefan richtete sich auf, drückte seinen Jüngsten an sich, strich ihm übers Haar. »Nein, du bist nicht böse. Und Mama hat dich lieb.«
»Hat sie nicht«, beharrte der Kleine.«Sie hat nur Anna lieb. Mit Anna schimpft sie nie.«
Kein Wunder, dachte Stefan. Die kleine Tochter war mittlerweile so verschreckt, dass sie pausenlos damit beschäftigt war, die Wünsche ihrer Mutter zu erraten. Sie bockte nicht, sie trotzte nicht, sie warf sich nicht wie Tommi auf den Boden, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Seine muntere Anna war still geworden, versuchte, nicht aufzufallen. So konnte es nicht weitergehen.
»Mama meint es nicht so«, sagte Stefan und küsste seinen Sohn. »Und jetzt geh spielen, bitte.«
Mit hängendem Kopf zog der Kleine ab.
Was sollte er bloß tun? Sabine drängte. Er müsse sich entscheiden. Sie oder Valeria,  die Mutter seiner Kinder.
Es war nicht so, dass er Valeria noch liebte. Ganz im Gegenteil, er konnte ihre Stimmungsumschwünge nicht mehr ertragen: Wutausbrüche, dann überbordende Fröhlichkeit, immer wieder depressive Zustände, die sie tagelang ans Bett fesselten. Ihn traf die Schuld, wenn es ihr schlecht ging, behauptete sie.
»Sie ist halt sehr emotional«, hatte er seinem Vater erklärt, nachdem er ihm gesagt hatte, Valeria heiraten zu wollen.
»Das ist nicht dein Ernst«, hatte sein Vater gesagt. »Die Frau ist krank. Psychisch krank. Willst du Jesus spielen?«
Valeria war schön. Und leidenschaftlich. So verliebt war er noch nie. Solch eine Intensität an Gefühlen hatte er noch von keiner Frau bekommen. Valeria überschüttete ihn mit Zärtlichkeiten. Ihr Hunger nach Sex war unermesslich. Sie verbrachten Tage im Bett und er erlebte eine emotionale Verschmelzung, die ihm außerirdisch erschien.
»Du bist der tollste Mann, der mir je in meinem Leben begegnet ist«, sagte sie. »Ohne dich will ich nicht weiterleben. Ohne dich bringe ich mich um.«
Er war sich groß vorgekommen und wichtig und stark.
»Sie ist emotional“,  versuchte er auch die skeptische Stimmen seiner Freunde zu übertönen. »So was habt ihr noch nicht erlebt. Im Bett –  unvergleichlich!«
»Borderline«, hatte eine alte Freundin ganz früh gesagt. »Nimm dich in Acht.«
Aber er wollte sich nicht in Acht nehmen. Diese Frau war ein Geschenk des Himmels. Gut, ihre depressiven Einbrüche machten ihm Angst. Aber das würde er schon hinkriegen, mit Liebe und Geduld. Und als sie ein Kind wollte und ihm in rosaroten Farben schilderte, dass dann alles gut werden würde, willigte er ein. Sie setzte die Pille ab, sie wurde schwanger. Anna, die kleine Tochter, wurde geherzt und geküsst. Sie liebkoste  und streichelte sie ununterbrochen.
»Was für ein hübsches Baby«, sagte sie und stellt die Fotos bei Facebook ein. Er hatte ein komisches Gefühl, protestierte aber nicht. Solange Valeria glücklich war, war er es auch. Valeria spielte mit dem Baby, als sei sie selbst noch ein Kind. Überglücklich turtelte und schmuste sie mit ihm herum.
Man sollte nie auf seine Eltern hören, dachte Stefan. Er genoss die weiche, hingebungsvolle Seite seiner Frau, ihre Ausgeglichenheit, ihre Zärtlichkeit im ersten Jahr mit dem Baby.
Anna wurde ein Jahr alt, entwickelte altersgemäß einen Dickkopf und bekam Tobsuchtsanfälle, wenn sie ihren Willen nicht bekam. Valeria wollte ein zweites Kind.
»Borderline-Patienten wollen mit ihren Kindern nachholen, was sie selbst nicht bekommen haben«, warnte sein Vater.
»Sie ist nicht Borderline«, sagte Stefan. »Und wenn du weiter so negativ über meine Frau redest, besuche ich dich nicht mehr.« Der Vater ruderte zurück.
Das zweite Kind war ein Junge, kein einfaches Baby. Er hatte Koliken, schrie Nächte durch. Stundenlang trug er den kleinen Tommi durch die nächtliche Wohnung,  nachdem er eines Nachts gesehen hatte, dass Valeria ausrastete und voller Wut das Baby schüttelte. Er riss es ihr aus den Armen.
»Bist du verrückt? Willst du den Kleinen umbringen?«
Valeria weinte. Natürlich war sie mit zwei Kleinkindern überfordert. Stefan verlegte seinen Arbeitsplatz nach Hause. Er traute sich nicht mehr, Valeria mit den Kindern allein zu lassen. Er bestand darauf, dass sie zum Arzt ging. Der verschrieb Beruhigungsmittel, die sie aber so matt und schläfrig machten, dass sie morgens nicht mehr aufstand. Er holte die Kinder aus den Bettchen, fütterte sie, spielte mit ihnen, brachte sie zur Tagesmutter, dann setzte er sich an den Computer und arbeitete. Sie versuchte, ihn ins Bett zu ziehen, flüsterte Versprechungen und malte ihm die Zukunft in rosigen Farben aus. Alles würde gut werden. Aber er war skeptisch  geworden. Ihre Wutausbrüche häuften sich. Ihre Eifersuchtsanfälle auch. Jede andere Frau war eine Bedrohung. Für die Kinder war sie völlig unberechenbar. Stefan versuchte, die Kinder zu schützen,  drohte Konsequenzen an. Valeria weinte herzzerreißend, flehte, biss sich in die Oberarme, bis sie bluteten.
Nur im Urlaub, wenn sie unterwegs waren und Neues erlebten, Aufregendes, das die innere Leere und Langeweile des Alltags für kurze Zeit übertünchen konnte, kam die alte Valeria wieder zum Vorschein, sie wurde fröhlich und spontan. Hübsch war sie: die Röcke kurz, die T-Shirts ausgeschnitten. Männer drehten sich nach ihr um. Sie flirtete. Ihr Selbstbewusstsein wuchs. Jeden Tag ein Foto von ihr bei Facebook und Twitter. 120 000 followers. Es war nie genug.
»Ich bleibe bei dir«, flüsterte sie nachts in sein Ohr. »Du bist der Mann meines Lebens. Ohne dich bin ich ein Nichts.«
Ihre Panik, verlassen zu werden, wurde unerträglich. Sie drohte mit Selbstmord. Natürlich tat sie ihm leid. Natürlich fühlte er sich schuldig, er versuchte, sich noch intensiver um sie zu kümmern. Ihre Verlassensängste, seine Allmachtsgefühle banden ihn. Nie wieder würde er für eine Frau so wichtig, so überlebenswichtig sein.
Auf dem Kinderspielplatz lernte er Sabine kennen.  Sabine war alleinerziehend, hatte sich trotz der vierjährigen Tochter von ihrem Mann getrennt.
»Nicht trotz, sondern wegen der Tochter«, sagte sie zu Stefan. »Ich habe einen Fehler gemacht, aber den muss ich nicht bis an mein Lebensende ausbaden. Meine Tochter auch nicht.«
Sie trafen sich häufiger, fassten Vertrauen, waren aber vorsichtig. Stefan konnte und durfte die Kinder nicht seiner Frau überlassen, das war ihm klar. Das sah auch Sabine ein.Welcher Richter würde einem Vater die Kinder geben, bloß weil der sich in eine andere Frau verliebt hatte? Valeria würde jedem Richter glaubhaft versichern, dass sie eine ausgezeichnete Mutter war, nur für ihre Kinder lebte und deshalb auch  ihr Studium abgebrochen, auf ihre eigene Karriere verzichtet hatte. Die Kinder würden in den unappetitlichen Kampf der Eltern hineingezogen, Valerias unberechenbaren Reaktionen ausgesetzt werden. Konnte Stefan das verantworten? Er liebte seine Kinder. Sie waren auf ihn angewiesen. Würde Valeria sie kaputt machen, so wie sie kaputt gemacht worden war?  Aber Valeria brauchte ihn. Und die Kinder? Was wird aus den Kindern?


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3 Responses to “Borderline”

  1. Gravatar of Christa Burmeister Christa Burmeister
    10. Mai 2017 at 21:42

    Die Geschichte ist interessant und ergreifend erzählt, wirkt aber durch das offene Ende etwas unfertig und unbefriedigend. Können Laien die Diagnose „Borderline“ so eindeutig stellen? Falls sie stimmten sollte, ist es Klaus Pflicht, seine Kinder zu schützen. Soviel Vertrauen in die Familienrichter und Behörden sollte er schon haben, dass eine psychisch schwer kranke Mutter kein Sorgerecht für ihre Kinder bekommt.

  2. Gravatar of Schlicht, Ina Schlicht, Ina
    21. Mai 2017 at 18:50

    Die Geschichte ist interessant und ergreifend erzählt, da schließe ich mich dem Urteil oben an. Aber mich stört das offene Ende nicht. Im Gegenteil, ich finde es passend und glaubwürdig. Ich kann mir gut vorstellen nach der beeindruckenden „Vorgeschichte“, welche Ängste und Gewissensbisse den Mann plagen. Es gibt keine einfachen und sauberen Lösungen in so einem Fall. Man kommt ins Grübeln. Dazu passt der offene Schluss.

  3. Gravatar of Helga Schüller-Rösemann Helga Schüller-Rösemann
    26. November 2018 at 16:19

    Der direkte Einstieg und der offene Schluss passen bestens zur Textsorte Kurzgeschichte, die schlaglichtartig die Krisensituation des Protagonisten beleuchtet. Die personale Perspektive sorgt mit kleinen inneren Monologen dafür, dass die Leser/innen auf knappem Raum viel Intimes erfahren. Man ist sofort drin in der Handlung. Vielleicht passt der Titel nicht ganz perfekt dazu, denn der Protagonist, aus dessen Perspektive erzählt wird, macht sich die Diagnose „Borderline“ ja nicht zu eigen, sondern sie wird von einer Außenstehenden genannt.

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