Wer angibt, hat mehr vom Leben,

sagte meine Mutter, wenn wieder ein Mann im Gartencafé vor lauter Selbstlob nicht mitbekam, wie seine Begleiterin schon seit einer halben Stunde gelangweilt in ihrem Tee rührte und mit glasigem Blick in den Himmel starrte, an dem auch nichts zu sehen war.
Leider hat meine Mutter das folgende Gespräch am Nebentisch nicht mitbekommen. Sie hätte bestimmt ihre klammheimliche Freude daran gehabt. Seine Lobeshymnen auf sich selbst schlugen alles bisher Gehörte.

„Ich habe das Projekt natürlich geleitet“, sagte der Mann am Nebentisch zu seiner jüngeren, durchaus wohlproportionierten Begleiterin, die – den Kopf in ihre Hand gestützt – mit starrem Blick an ihm vorbeischaute. „Ich habe die meisten Ideen bei der Projektbeschreibung eingebracht und habe zu Recht viel Geld verdient. Ich war sicher, dass der Vorstand mir die Projektleitung übertragen würde. Die jungen Großschnauzen um mich herum haben doch keine Ahnung von Marketing. Bei den jungen Leuten geht doch alles nur über Beziehungen, nicht ums Können. Wer wen an der Uni kennt. Die Herren vom Vorstand werden sich wundern, wenn bei denen keine Firma anbeißt. Denn wie man eine gute Projektbeschreibung macht, das haben diese Jungspunde an der Uni doch gar nicht gelernt. Große Klappe, aber nichts dahinter.“

Wem will der Mann eigentlich imponieren, fragte ich mich und schaute mich um in dem kleinen bayerischen Straßencafé, an dem der Verkehr vorbeirauschte. Auf einmal dämmerte es mir, er wollte meine Aufmerksamkeit, denn sein Blick huschte immer wieder zu mir hinüber. Nicht dass mir die unverhoffte Aufmerksamkeit eines jüngeren Mannes unangenehm gewesen wäre. Aber muss er deswegen so schreien? Ich bin nicht schwerhörig. Die anderen Tische im Café waren leer und ich stellte fest, dass er tatsächlich um meine Aufmerksamkeit buhlte. Seine Begleiterin stand jetzt auch auf, nahm ihre Gucci-Tasche und flüchtete in Richtung der Toiletten. Wohl eine erprobte Rettungsmaßnahme vor seinem Redeschwall.

Der Mann, ich schätze ihn auf Mitte fünfzig, wurde mutiger, suchte Augenkontakt, lächelte mich an. Nanu, dachte ich, aus dem Flirtalter sind wir doch wohl langsam raus, oder soll ich mich geschmeichelt fühlen, dass er mich wahrnimmt? Ich erwiderte seinen Blick, betrachtete sein – zugegebenermaßen – gutgeschnittenes Gesicht, seine dichten grauen Haare, hasste aber auf Anhieb seinen zu kleinen Mund mit der hängenden Unterlippe, aus dem in den letzten Minuten unaufhörlich Worte gequollen waren. Ob seine Begleiterin überhaupt wiederkommt? Oder hat sie durch den Hintereingang die Flucht ergriffen? Immerhin ist sie bedeutend jünger als ich.

Sie kam wieder, setzte sich seufzend auf den Stuhl ihm gegenüber und schloss die Augen.

„Wo war ich stehen geblieben?“, sagte er. „Ach ja, bei meiner Leitungsfunktion, für die ich sehr beneidet und auch angefeindet wurde. Aber schließlich stand mir die Position zu, denn ich habe die meisten Erfahrungen im Antennenbau. Da kann mir keiner das Wasser reichen. Diese jungen Schnösel in der Firma, was die sich einbilden. Noch nicht trocken hinter den Ohren und schon eine große Lippe riskieren. Ich bin es, der die meisten neuen Ideen einbringt, die meisten Gelder akquiriert hat, meine Kontakte zur Bundesregierung sind exzellent. Auf dem Gebiet der Antennenentwicklung bin ich unschlagbar. Ich bin außerdem der Einzige, der überhaupt weiß, was es heißt, eine Projektbeschreibung zu machen, sodass sich sogar das Bundeswehrbeschaffungsamt auf ein Geschäft eingelassen hat. Meine Kontakte dorthin sind nicht hoch genug zu bewerten.“
Wieder schaute er aus den Augenwinkeln zu mir hinüber. Leider ließ er sich dazu hinreißen, zu seiner Begleiterin – sie ist vielleicht doch seine Frau – zu sagen: „Rosi, Liebling, du hörst mir gar nicht zu.“

Sie stöhnte auf. „Hans-Hermann, lass mich mit deinen Antennen in Frieden. Das Thema interessiert mich nicht. Ich will nicht wissen, welche deiner famosen Masten irgendwo herumstehen und die Gegend bestrahlen. Du erzählst unaufhörlich dasselbe.“ Sie seufzte und schloss demonstrativ die Augen.

„Was tue ich?“ Er nahm empört eine Zigarette aus dem ledernen Herrentäschchen auf dem Tisch, klopfte mit der Filterseite auf den Tisch und zündete sie mit einem silbernen Feuerzeug an.an.
„Wir leben schließlich beide von meinem Geld. Du musst zugeben, dass es uns hervorragend geht.“

„Nun hör mal auf, Hans-Hermann. Wir sind hier im Urlaub. Tu mir den Gefallen, entspann dich mal und versuche, die Zeit zu genießen. Das ist ja nicht auszuhalten mit dir und deiner Aufschneiderei.“

Er stand abrupt auf, stieß gegen den kleinen Tisch, der dadurch bedrohlich in Schieflage geriet, und eilte ins Innere des Cafés. Ich sah erst jetzt, wie klein und dünn er war, und überlegte, dass die schwarze Limousine vor dem Café wohl ihm gehörte. „Kleine Männer, große Autos“, hörte ich wieder meine Mutter lästern und musste leise lachen.


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