{"id":997,"date":"2015-08-09T12:06:11","date_gmt":"2015-08-09T10:06:11","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=997"},"modified":"2015-11-19T21:13:19","modified_gmt":"2015-11-19T19:13:19","slug":"verhandlungsbasis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/verhandlungsbasis\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6n, sch\u00f6n &#8211; alles Verhandlungssache"},"content":{"rendered":"<p>Sommerliche Abendstimmung. Ein park\u00e4hnlicher Wohnbezirk in einer gr\u00f6\u00dferen norddeutschen Stadt. Ein VW-Caddy rumpelt den Kiesweg entlang bis zu dem mit S\u00e4ulen verzierten Eingangsportal einer zweist\u00f6ckigen wei\u00dfen Villa. Ein junger Mann springt aus dem Wagen, schaut sich um und sagt \u00bbWow!\u00ab, ehe er sich das bronzene T\u00fcrschild anschaut und auf den Klingelknopf dr\u00fcckt. Auch die junge Frau neben ihm ist ausgestiegen und schaut auf die friedlich grasenden Pferde auf der Wiese neben dem Haus. Sie schnalzt mit der Zunge und eins der Tiere kommt neugierig angetrabt und schnuppert an ihrer Hand. Sie t\u00e4tschelt seinen Hals, streicht \u00fcber die weichen N\u00fcstern. <!--more--><\/p>\n<p>Freundlich l\u00e4chelnd und mit ausgestreckten H\u00e4nden kommt ein dunkelh\u00e4utiger, \u00e4lterer Mann aus dem Haus.<br \/>\nSch\u00f6ne Pferde, nicht? Quarterhorses. Aus Amerika. Meine T\u00f6chter reiten. Westernstyle. Viele Preise gewonnen. Er reicht den Besuchern die Hand:<br \/>\nMurat Fathallah, wir haben telefoniert. Sch\u00f6n, dass Sie kommen konnten. Ich nie Zeit,\u00a0 immer bis sp\u00e4t im Gesch\u00e4ft, wissen Sie. Bekanntes Gesch\u00e4ft, direkt in der City. Orientteppiche. Beste Adresse in der Stadt. Kennen Sie bestimmt.<br \/>\nDie Frau sieht ihren Mann unsicher an, murmelt: Ja, ja, nat\u00fcrlich.<br \/>\nHerr Fathallah ist nicht zu stoppen.<br \/>\nKunde ist K\u00f6nig. Da kann man nicht einfach T\u00fcr abschlie\u00dfen. Feierabend machen.<br \/>\nEin sch\u00f6nes Haus haben Sie, sagt die junge Frau.<br \/>\nJa, aber Grundst\u00fcck zu klein. Haus eng.<br \/>\nEr geht n\u00e4her an den Caddy heran und streicht mit der Hand \u00fcber den K\u00fchler.<br \/>\nSo, dass ist Auto. Sch\u00f6n, sch\u00f6n.<br \/>\nEr geht um den Wagen herum, \u00f6ffnet die Fahrert\u00fcr, wirft einen Blick in den Innenraum.<br \/>\nSch\u00f6n, sch\u00f6n. Sitze ein wenig schmutzig. Viele Flecken. M\u00fcssen gereinigt werden.<br \/>\nDer Wagen ist gerade professionell von innen und au\u00dfen gereinigt worden. F\u00fcr 250 Euros, sagt der junge Mann schnell.<br \/>\nSch\u00f6n, sch\u00f6n. Aber die Flecken! Er geht wieder nach hinten, betrachtet die Anh\u00e4ngerkupplung. Gut, gut. Anh\u00e4ngerkupplung. Ich muss Teppiche transportieren. Zieht welches Gewicht?<br \/>\nDer junge Mann nimmt Papiere aus dem Handschuhfach. Der Wagen hat 105 PS. Dieselmotor. Er zieht gut, auch auf Steigungen.<br \/>\nWir haben einen Wohnwagen, f\u00fcgt die Frau hinzu. Sind vor zwei Jahren um die Ostsee gefahren. Letztes Jahr bis Sizilien. Wir haben nie Probleme gehabt.<br \/>\nDer H\u00e4ndler l\u00e4chelt freundlich. Viel verreisen. Sch\u00f6n, sch\u00f6n. Ich leider keine Zeit. Immer Arbeit. Deshalb so viele Kilometer?<br \/>\nDer junge Mann ist verunsichert. Ja, 130 000 km, das hat meine Frau Ihnen sicher am Telefon gesagt. F\u00fcr einen Dieselmotor ein Klacks.<br \/>\nSch\u00f6n, sch\u00f6n. Unfall gehabt?<br \/>\nNein, sagt die junge Frau bestimmt. Nein.<br \/>\nWoher dann Kratzer auf K\u00fchlerhaube? Herr Fathallah hat einen scharfen Blick.<br \/>\nAch so, sagt der junge Mann. Ist vor Jahren in M\u00fcnchen passiert. Nach einem Werder-Spiel gegen Bayer-M\u00fcnchen. Angetrunkene Fu\u00dfballfans. M\u00fcnchen hatte verloren.<br \/>\nDer H\u00e4ndler f\u00e4hrt mit dem Finger die Kratzer nach. Ja, ja, mein Wagen auch Kratzer. Mit Schl\u00fcssel. Auf der rechten Seite. Neidische Menschen. Pack.<br \/>\nDas Gespr\u00e4ch stockt. Wollen Sie den Wagen nicht Probe fahren?, fragt der junge Mann und h\u00e4lt den Schl\u00fcssel hin.<br \/>\nNein, nein. Vertrauen gegen Vertrauen. Ich kenne Autos. Brauche nicht fahren. Kommen Sie herein, bitte.<br \/>\nSie gehen durch die Tiefgarage, in der ein schwarzer Mazarati und ein roter BMW geparkt sind, direkt ins Haus und steigen die Marmorstufen zur ersten Etage hoch. Der H\u00e4ndler f\u00fchrt sie in ein mit pr\u00e4chtigen M\u00f6beln und Teppichen ausgestattetes Wohnzimmer.<br \/>\nSetzen Sie sich bitte. Was m\u00f6chten Sie trinken? Tee, Kaffee?<br \/>\nVielleicht Wasser, sagt die Frau. Es ist so warm drau\u00dfen.<br \/>\nJa, sch\u00f6n warm. Wie in meine Heimat. Komme aus Iran. Persien. Unsere Familie ist \u00fcber zweihundert Jahre im Teppichgesch\u00e4ft. Urururgro\u00dfvater. L\u00e4den \u00fcberall: Amerika, Holland, Schweden &#8230;<br \/>\nAuch im Iran?, fragt der junge Mann. Oder mussten Sie alles zur\u00fccklassen?<br \/>\nDer H\u00e4ndler ruft ein paar unverst\u00e4ndliche Worte in Richtung K\u00fcche und wendet sich dann wieder seinen G\u00e4sten zu, die zusammengesunken auf dem niedrigen Diwan sitzen.<br \/>\nNein, nicht geflohen. Familie nicht in Politik. Unter Schah nat\u00fcrlich alles besser.<br \/>\nEine junge, schwarzhaarige Frau in einer Kittelsch\u00fcrze &#8211; offensichtlich die Hausangestellte &#8211; bringt drei elegante Stilgl\u00e4ser mit Goldrand und einen Kristallkrug mit sprudelndem Wasser.<br \/>\nDer H\u00e4ndler wendet sich an den jungen Mann. Sie machen Musik, sagte Frau gestern am Telefon?<br \/>\nJa, ich spiele Trompete in einer Brassband.<br \/>\nSch\u00f6n, sch\u00f6n. Leben ohne Musik ist nichts. Sage ich immer. Habe Klavier gespielt. In Persien. Guter ungarischer Klavierlehrer. Musste dann Gesch\u00e4ft \u00fcbernehmen. Keine Zeit mehr.<br \/>\nSchade, sagt die junge Frau.<br \/>\nJa, schade, schade. Herr Fathallah trinkt einen Schluck Wasser, setzt das Glas ab: Warum machen so hohen Preis? 8000 EU f\u00fcr alten Wagen. Viel zu viel.<br \/>\nDer junge Mann ist sichtlich aus dem Gleichgewicht gebracht und stottert: Er ist doch erst f\u00fcnf Jahre alt.<br \/>\nUnd au\u00dferdem sind die 8000 EU Verhandlungssache, hilft seine Frau.<br \/>\nIch nicht handeln. Kein t\u00fcrkisch Basar. Nur Festpreise. Im Laden auch. Die Stimme des H\u00e4ndlers hat sich ver\u00e4ndert. Nur sein L\u00e4cheln ist geblieben.<br \/>\nUnd was ist Ihr Festpreis? Der junge Mann spielt mit den Kaufvertr\u00e4gen auf dem Tisch.<br \/>\nWar bei VW-H\u00e4ndler: Meier und S\u00f6hne. Kennen Sie?, fragt der Teppeichh\u00e4ndler.<br \/>\nJa, nat\u00fcrlich, dort haben wir den Wagen gekauft. Vorf\u00fchrwagen, ein halbes Jahr alt, nur dreitausend Kilometer.<br \/>\nHerr Fathallah lehnt sich im Sessel zur\u00fcck. Ach so, Wagen ist zweite Hand.<br \/>\nWie gesagt, ein Vorf\u00fchrwagen der Firma, sagt die Frau.<br \/>\nNa egal. Habe dort Angebot f\u00fcr selben Wagen, aber weniger Kilometer, nur 90 000. F\u00fcr 5 800 Euro. Voll \u00fcberholt. Ein Jahr Garantie.<br \/>\nMit derselben Ausstattung? So schnell gibt sich der junge Mann nicht geschlagen: Rundverglasung, Klimaanlage, Sitzheizung, R\u00fcckfahrwarnung, Anh\u00e4ngerkupplung.<br \/>\nKeine Anh\u00e4ngerkupplung, sagt der H\u00e4ndler..<br \/>\nDie kostet auch an die 1000 EU, sagt die Frau.<br \/>\nKrieg ich billiger. Ich guter Kunde. Kaufe viele VWs. F\u00fcr Filialen. Auch in Berlin und M\u00fcnchen.<br \/>\n5800 Euros sind zu wenig, der junge Mann schiebt die Papiere zusammen.<br \/>\nWagen muss lackiert werde.<br \/>\nWas?, sagen Mann und Frau gleichzeitig.<br \/>\nHat Kratzer. Doch lieber einen Espresso? Kein Problem. Aysa macht sofort.<br \/>\nSie sagten doch, Sie brauchen das Auto nur f\u00fcr den Betrieb. Um Teppiche zu transportieren. Die junge Frau l\u00e4sst sich nicht ablenken.<br \/>\nHerr Fathallah hebt bedauernd die Schultern.<br \/>\nGute Kunden in mein Laden. Nicht Aldi-Kunden. Wagen muss tipptopp sein.<br \/>\nF\u00fcr 5800 verkaufen wir nicht. Dann fahren wir das Auto weiter, sagt der junge Mann mit fester Stimme.<br \/>\nSie haben doch schon neues Auto, spekuliert der H\u00e4ndler.<br \/>\nNein, haben wir nicht. Die Stimme des jungen Mann klingt gereizt.<br \/>\nH\u00f6ren, ich zahle bar. Gutes Gesch\u00e4ft. Keine Raten. Geld auf die Hand. Hier Auto, da Geld. Sofort.<br \/>\nNein, auf keinen Fall. 7200 EU. Unser letztes Angebot.<br \/>\nDer H\u00e4ndler ringt die H\u00e4nde. Kann ich nicht machen. Nein. Viel zu viel. Warten Sie. 5 800 und Teppich. K\u00f6nnen Teppich aussuchen. In mein Gesch\u00e4ft. Haben Sie echt orientalisch Teppich zu Hause?.<br \/>\nNein, sagt die Frau. Und wir sind auch nicht interessiert.<br \/>\nSch\u00f6ne Teppiche. K\u00f6nnen aussuchen. Letztes Angebot.<br \/>\nWortlos packt der junge Mann seine Unterlagen zusammen. Das Paar erhebt sich.<br \/>\nSchade, schade. Beide so sympathische Menschen. Chemie stimmt. Vertrauen gegen Vertrauen. Schade, schade. Auch Herr Fathallah ist aufgesprungen. Streckt wieder seine H\u00e4nde aus.<br \/>\nSie k\u00f6nnen es sich ja noch einmal \u00fcberlegen, sagt jetzt die junge Frau und schaut den H\u00e4ndler herausfordernd an.<br \/>\nIch morgen Gesch\u00e4ftsreise. USA. 14 Tage.<br \/>\nDa haben Sie ja Zeit zu \u00fcberlegen.<br \/>\nIch nicht \u00fcberlegen. Sie \u00fcberlegen. Mich dann anrufen. In 14 Tagen. 5 800 EU, mehr geht nicht. Und Teppich.<br \/>\nDer Teppichh\u00e4ndler bringt das Paar zur T\u00fcr. H\u00e4ndesch\u00fctteln.<br \/>\nAuf Wiedersehen. Schade, schade. Sollen wieder anrufen. So sympathisch. So gut verstanden. Aber Preis zu hoch. Auf Wiedersehen. So nette Leute.<br \/>\nNach ein paar Schritten sagt die Frau leise: M\u00fcssen sich den alle Klischees bewahrheiten?<br \/>\nTja, wenn du auch keinen echten Orient-Teppich willst! Der Mann lacht.\u00a0 Verhandlungstechnisch haben wir uns da wohl \u00fcbernommen.<br \/>\nSie steigen in den Wagen. Im Spiegel sehen sie, dass der H\u00e4ndler hinter dem Auto herl\u00e4uft und mit den Armen fuchtelt. Sie bremsen ab.<br \/>\nDer kriegt unseren sch\u00f6nen Caddy nicht. Egal, was er bezahlt, sagt die Frau und schiebt entschlossen den Unterkiefer vor.<br \/>\nDer H\u00e4ndler klopft an die Scheibe. Der junge Mann kurbelt sie hinunter. Frau mag kein Teppich. Ok.,Ok. 4000 Euros und Pferd. Frau liebt Pferd. Sch\u00f6ne Stute. Reinrassig. Hier meine Hand.<br \/>\nGib Gas, sagt die junge Frau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sommerliche Abendstimmung. Ein park\u00e4hnlicher Wohnbezirk in einer gr\u00f6\u00dferen norddeutschen Stadt. 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Auch die junge [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-997","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/997","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=997"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/997\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1063,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/997\/revisions\/1063"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}