{"id":967,"date":"2015-05-06T18:57:51","date_gmt":"2015-05-06T16:57:51","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=967"},"modified":"2015-12-30T21:35:20","modified_gmt":"2015-12-30T19:35:20","slug":"grimselpass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/grimselpass\/","title":{"rendered":"Grimselpass"},"content":{"rendered":"<p>Vorsichtig lenke ich den Wagen auf den Parkplatz. Nur schemenhaft zeichnen sich die Umrisse des Restaurants \u00abGrimselblick\u00bb ab. Doch heute gibt es keinen \u00abBlick\u00bb. Der Pass liegt in undurchdringlichem Nebel. Eine graue Geisterlandschaft. Man sieht kaum die Hand vor Augen.<!--more--><br \/>\nIch steige aus und hebe das Mountainbike vom Gestell. Eiskalt treibt der Wind die Nebelschaden \u00fcber den Pass. Ich streife den dicken Faserpelz \u00fcber, setze den Helm auf, steige aufs Rad.<br \/>\nLangsam und vorsichtig lass ich mich aus der Wolke rollen, den Blick krampfhaft auf den grauen Asphalt der Stra\u00dfe gerichtet, beide H\u00e4nde an den Bremsen. Nach nur 50 Metern wird die Sicht besser, der Nebel durchl\u00e4ssiger. Ich kann den Mittelstreifen deutlicher erkennen und die helle Leitplanke, die mich vom Abgrund trennt.<br \/>\nDer Lichtstreifen wird breiter. Die Wolke l\u00f6st sich auf. Nur noch Nebelfetzen, die mein Gesicht streifen. \u00abDie grauen Nebel hat das Licht durchdrungen&#8230;\u00bb<br \/>\nDann der Austritt aus dem grauen Tunnel. Das Licht so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Tiefblau der Himmel in Richtung S\u00fcdwesten. Wolkenlos. Ich atme durch, l\u00f6se die verkrampften H\u00e4nde von den Bremsen, das Rad kommt ins Rollen. Der Wind schl\u00e4gt mir kalt ins Gesicht. Die erste Innenkurve. Vorsichtig bremse ich sie an. Zu vorsichtig. Jaulend \u00fcberholt mich eine Motorradgang. Zum Gl\u00fcck kein Gegenverkehr. Die Stra\u00dfe &#8211; trocken und hellgrau &#8211; windet sich den Berg hinunter wie ein sorgf\u00e4ltig in schr\u00e4ge Falten gelegtes Band. In der Au\u00dfenkurve ein kurzer Blick auf die mit Moos \u00fcberzogenen Granitfelsen der Dreitausender vor mir. In der Sonne funkelnde Schneereste, dann Steine, Ger\u00f6ll. Hinter der n\u00e4chsten Kurve der Blick auf den Rhonegletscher am Furkapass. Breit und majest\u00e4tisch die Gletscherzunge. Ich werde mutiger. Schneller und schneller drehen sich die Reifen. Ob die Bremsen das aushalten? Doch kein Geruch von verbranntem Gummi steigt in die Nase. Die d\u00fcnne, klare H\u00f6henluft bringt mich in einen rausch\u00e4hnlichen Zustand. Nur Fliegen ist sch\u00f6ner. In schnellem Tempo rolle ich bergab. Tiefer und tiefer. Nur wenig Autos kommen mir entgegen. Zwei Biker qu\u00e4len sich den Pass hinauf.<br \/>\nDie n\u00e4chste Kurve. Noch eine. Zwei Radrennfahrer rasen in atemberaubender Geschwindigkeit an mir vorbei. Sollen sie! Ich bremse ab, will die Fahrt genie\u00dfen. Immer wieder die Ausblicke aufs Tal. Das Wallis in seiner Sch\u00f6nheit: gr\u00fcne Wiesen, das silberne Band der Rhone, die hier noch Rotten hei\u00dft. Hausd\u00e4cher und Kircht\u00fcrme glitzern im Sonnenlicht. Weiter und weiter geht es nach unten. Nach jeder Kurve ist das Tal n\u00e4herger\u00fcckt. Daumenkino. Der rote Glacier-Express ist zu sehen, klein wie die M\u00e4rklin-Eisenbahn. Der Bahnhof von Oberwald, die Autoschlange vor der Verladestation. Ich schaue und schaue. Die ersten Menschen sind zu erkennen. Die Autos werden gr\u00f6\u00dfer. Ich erreiche Gletsch. L\u00f6se meinen klammen Finger vom Lenker. Atme durch. Zerre den Pullover \u00fcber den Kopf. Es ist hei\u00df hier unten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorsichtig lenke ich den Wagen auf den Parkplatz. 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