{"id":964,"date":"2015-05-06T18:41:24","date_gmt":"2015-05-06T16:41:24","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=964"},"modified":"2015-11-17T22:11:22","modified_gmt":"2015-11-17T20:11:22","slug":"mull","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/mull\/","title":{"rendered":"M\u00fclltrennung"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbWo sind die Hausunterlagen?\u00ab, fragte Eberhard und r\u00e4umte Aktenordner vom Wandschrank auf den Tisch. Stefanie zuckte zusammen. Um Gottes willen, sie hatte die letzten Tage damit verbracht, einmal gr\u00fcndlich aufzur\u00e4umen. S\u00e4ckeweise hatte sie den M\u00fcll zum Recyclinghof gekarrt. Erst heute Morgen noch den Kombi voll mit Papier und Pappkartons geladen. Alte, h\u00e4ssliche Ordner waren auch dabei. Sollte sie aus Versehen? Sie wischte den Gedanken beiseite. <!--more--><br \/>\n\u00bbIm Eckschrank. Vielleicht ist die Mappe nach hinten gerutscht.\u00ab<br \/>\nHoffentlich, dachte sie und ging erst einmal aus dem Zimmer.<br \/>\n\u00bbVerdammt, sie ist nicht da\u00ab, h\u00f6rte sie Eberhard schimpfen. \u00bbWo sind die verdammten Unterlagen. Stefanie, hast du vielleicht beim Aufr\u00e4umen&#8230;?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, nein, bestimmt nicht.\u00ab Das h\u00e4tte sie doch gemerkt. Oder nicht?<br \/>\nStefanie krempelte die Blusen\u00e4rmel hoch und wischte sich mit dem schmutzigen Handr\u00fccken \u00fcber die Stirn. Seit einem Monat wohnten sie bereits in Berlin, aber in ihrem neuen Haus sah es immer noch aus wie bei Hempels. Die Zimmer waren zwar notd\u00fcrftig eingerichtet, die Kinder hatten ihre Schreibtische und konnten ihre Schulaufgaben machen, die Betten waren aufgebaut, aber der Wust an unausgepackten Kisten nahm kein Ende. Zum Gl\u00fcck musste sie erst im neuen Jahr die Stelle als Sachbearbeiterin im Ausw\u00e4rtigen Amt antreten. Eberhard war bereits voll im Stress, die Kinder noch in der Schule, aber sie plagte sich mit diesen verdammten Kisten herum. Eberhard konnte einfach nichts wegwerfen. Nicht nur, dass er den bunten Bauernschrank, den sein Gro\u00dfvater bemalt hatte, \u00fcberall mit hinschleppte. Auch von dem Rest des folkloristischen Ensembles, der Wickelkommode und der gro\u00dfen Holzwiege konnte er sich nicht trennen, dabei stand ein neues Baby absolut au\u00dferhalb jeder Diskussion. Leider war auch seine Garderobe ins Unermessliche gewachsen, wobei erschwerend hinzukam, dass ihm die meisten Hemden, Hosen und Jacketts nicht mehr passten. Sie waren\u00a0 beide Anfang 40, und besonders Eberhard hatte an Umfang ordentlich zugelegt. Die vielen offiziellen Einladungen waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Trotzdem gab er sich der Illusion hin, zur\u00fcck in Deutschland w\u00fcrde er abnehmen, und dann w\u00fcrden ihm die Sachen wieder passen. Doch diesmal, so hatte sich Stefanie geschworen, diesmal w\u00fcrde sie unnachgiebig sein. Sie w\u00fcrde die Umzugskartons nutzen, um alles \u00dcberfl\u00fcssige auszusortieren und dann den ganzen Kram eigenh\u00e4ndig zum M\u00fcll fahren. Sieben Kisten hatte sie bereits zum Roten Kreuz gebracht, vier zum Recyclinghof.<br \/>\n\u00bbHast du auch Papier und Pappe entsorgt?\u00ab, Eberhards Stimme klang besorgt. \u00bbDer Hausordner ist nicht zu finden.\u00ab<br \/>\n\u00bbNur alte Zeitungen und Kartons und alte Krimis, die keiner mehr liest. Und ein paar alte Aktenordner mit Referaten aus meiner Unizeit. Total \u00fcberholt.\u00ab<br \/>\n\u00bbWas?\u00ab Eberhard stand in der K\u00fcche. \u00bbWann hast du die letzte Fuhre weggebracht?\u00ab<br \/>\n\u00bbHeute Morgen. Aber sicher nicht die Mappe mit den Papieren f\u00fcr den Umbau. Das h\u00e4tte ich doch gesehen.\u00ab<br \/>\n\u00bbKomm mit\u00ab. Eberhards Stimme wurde hektisch. \u00bbWir fahren zum M\u00fcllplatz. Der macht gleich zu.\u00ab<br \/>\nSo rasant hatte Eberhard noch nie die Kurven genommen. Stefanie krallte sich am Sitz fest, hielt aber den Mund. Schon wieder eine rote Ampel. Er st\u00f6hnte auf. Stopp und Go. Mit quietschenden Reifen bogen sie in den Recyclinghof ein. Vor ihnen aufgereiht die gro\u00dfen Container, davor parkende Autos. M\u00e4nner schleppten S\u00e4cke mit Gartenabf\u00e4llen die Rampe hoch, kippten Bl\u00e4tter und geschreddertes Buschwerk in die daf\u00fcr vorgesehenen Beh\u00e4lter.<br \/>\n\u00bbWelcher Container war es?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch glaube, der&#8230;\u00ab, Stefanie zeigte auf einen der riesigen Metallunget\u00fcme.<br \/>\n\u00bbGlaubst du oder wei\u00dft du?\u00ab<br \/>\n\u00bbIch glaube. Nein, ich bin sicher. Ziemlich sicher.\u00ab<br \/>\nMeine G\u00fcte, so aufgebracht hatte sie Eberhard selten erlebt. Er sprang aus dem Auto, eilte die steile Treppe zum Containerrand. Er musste warten, bis ein Mann seine K\u00f6rbe und Kisten mit Papier ausgeleert hatte.<br \/>\nStefanie war z\u00f6gernd nachgestiegen. Gottseidank, der Container war erst halbvoll.<br \/>\n\u00bbUnd jetzt?\u00ab, fragte sie.<br \/>\n\u00bbWie? Und jetzt?\u00ab. Beherzt flankte Eberhard in den Container. Die Frau hinter ihnen starrte.<br \/>\n\u00bbWas macht ihr Mann denn da?\u00ab<br \/>\n\u00bbSucht was\u00ab, murmelte Stefanie. Hoffentlich fand er den Ordner.<br \/>\nEr fand ihn nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbWo sind die Hausunterlagen?\u00ab, fragte Eberhard und r\u00e4umte Aktenordner vom Wandschrank auf den Tisch. Stefanie zuckte zusammen. Um Gottes willen, sie hatte die letzten Tage damit verbracht, einmal gr\u00fcndlich aufzur\u00e4umen. S\u00e4ckeweise hatte sie den M\u00fcll zum Recyclinghof gekarrt. Erst heute Morgen noch den Kombi voll mit Papier und Pappkartons geladen. 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