{"id":962,"date":"2015-05-06T18:17:38","date_gmt":"2015-05-06T16:17:38","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=962"},"modified":"2016-05-12T21:57:44","modified_gmt":"2016-05-12T19:57:44","slug":"gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/gluck\/","title":{"rendered":"Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Sie liegt im wei\u00dfen Krankenhausbett, schaut in Richtung Fenster, sieht einzelne Sterne am Himmel, einen runden Mond. Drau\u00dfen f\u00e4hrt ein Bus an, ein Motorrad knattert vorbei.\u00a0 Ihr Kopf ist weit und hell, der Atem schnell und leicht. Sie m\u00f6chte jubeln, tanzen, singen,\u00a0 Wogen von Gl\u00fcck und Liebe rollen \u00fcber ihren K\u00f6rper.<!--more--> Doch sie hat kein Einzelzimmer, und die Nachbarin will sie nicht aufwecken. Dopamin sei zust\u00e4ndig f\u00fcr Gl\u00fcckszust\u00e4nde, hat sie gelesen. Ihr Gehirn scheint von Dopamin \u00fcberschwemmt zu sein.\u00a0 Dabei ist das Baby gar nicht bei ihr. Sie solle sich ausruhen, hat die freundliche Krankenschwester gesagt. Sich erholen von der Anstrengung. Dabei will sie sich gar nicht erholen. Nat\u00fcrlich zieht es noch ein bisschen im Bauch, und der Riss und die Stelle, an der sie gen\u00e4ht worden ist, schmerzt, wenn sie sich bewegt. Doch was macht das schon im Vergleich zu dem Moment, als die Hebamme ihr das schreiende, nackte B\u00fcndel zeigte. \u00bbEs ist ein Junge!\u00ab<br \/>\nNicht, dass sie sich nicht \u00fcber eine Tochter gefreut h\u00e4tte. Hauptsache, gesund, wie oft hatte sie das in den langen Monaten vor sich hingesagt. Hauptsache, gesund. Und das Baby ist gesund, ein gesunder kr\u00e4ftiger Junge. Am sp\u00e4ten Vormittag war dieFruchtblase geplatzt, bei einem Spaziergang ganz allein in den Feldern. Zum Gl\u00fcck war es nicht weit bis nach Hause, sie hatte das Krankenhaus angerufen, einen Krankenwagen angefordert.\u00a0 Im Liegen transportieren, hatte der Ratgeber geschrieben. Die Nabelschnur k\u00f6nne sich um den Hals wickeln, wenn das Fruchtwasser auslaufe. Sie las sowieso zu viel, was alles passieren konnte unter der Geburt. Gr\u00e4sslich. Bitte, kein behindertes Kind, hatte sie gebetet zu einem Gott, an den sie nicht glaubte, bitte, kein behindertes Kind.<br \/>\nSie war nat\u00fcrlich viel zu fr\u00fch im Krankenhaus. Der Muttermund sei so gut wie gar nicht ge\u00f6ffnet, hatte der Arzt gesagt. Eine Krankenschwester hatte sie auf ihr Zimmer gebracht. \u00bbRumlaufen geht nicht bei einer geplatzten Fruchtblase. Wir spritzen ein wehenf\u00f6rderndes Mittel.\u00ab<br \/>\nDie Wehen hatten wieder aufgeh\u00f6rt. Sie wartete. Machte sich Sorgen. Ihr Mann kam erst nachmittags. \u00bbWir haben noch viel Zeit\u00ab, sagte die Hebamme.<br \/>\nFeierabend im Krankenhaus. Schichtwechsel.<br \/>\n\u00bbWir machen das morgen.\u00ab Der Oberarzt hatte noch kurz nach ihr gesehen. Wir geben Ihnen f\u00fcr heute Nacht ein wehenhemmendes Mittel. Sie k\u00f6nnen schlafen und morgen geht es los &#8211; mit frischen Kr\u00e4ften. Alles bestens.\u00ab<br \/>\nDas Gef\u00fchl, ausgeliefert zu sein. Trotz der wehenhemmenden Medikamente wurden die Schmerzen st\u00e4rker, die Abst\u00e4nde k\u00fcrzer.\u00a0 Sie rief die Schwester. Die zuckte die Achseln. Bei Vollmond w\u00fcrden auch die meisten K\u00e4lber geboren,\u00a0 sagte sie. Sie schaute aus dem Fenster. Der Mond gro\u00df und gelb. Lassen sich Babys aufhalten durch Medikamente? Die Wehen kamen und gingen. Wurden st\u00e4rker. Gegen Mitternacht klingelte sie.<br \/>\nWir rufen den Oberarzt, sagte die Krankenschwester. Sie wurde in den Krei\u00dfsaal geschoben. Der Arzt kam mit zerknittertem Gesicht und strubbeligen Haaren. Infusion, diesmal wehenverst\u00e4rkende Mittel.\u00a0 Eine Wehe jagte die n\u00e4chste. Sie hatte keine Zeit mehr, sich zu erholen. Es tat weh. Sehr weh. Sie bettelte um eine Spinalan\u00e4sthesie.<br \/>\nZu sp\u00e4t, sagte der Arzt. \u00bbSie wollten doch keine Bet\u00e4ubung!\u00ab Ihr Mann hielt ihre H\u00e4nde. Bei jeder Wehe krampfte sie sich an ihm fest.<br \/>\n\u00bbNie mehr ein Kind\u00ab, schrie sie. \u00bbNie mehr\u00ab. Endlich die Presswehen.<br \/>\n\u00bbHecheln\u00ab, sagte die Hebamme. \u00bbHecheln! Und jetzt pressen! Pressen!\u00ab<br \/>\n\u00bbIch will nicht mehr\u00ab, jammerte sie. \u00abIch halte das nicht\u00a0 aus.\u00ab<br \/>\nDann der erl\u00f6sende Moment, als das Kind herausrutschte.<br \/>\n\u00bbEin Junge\u00ab, sagte die Hebamme und hob ihn an den Beinen hoch. \u00bbAlles dran.\u00ab<br \/>\nEr wimmerte. Hing ein bisschen schlaff nach unten. Dann wurde alles schwarz, als der Arzt den Riss n\u00e4hte.<\/p>\n<p>Seitdem hat sie das Baby nicht mehr gesehen. Ihren Sohn. Ihr erstes Kind.<br \/>\nSie ist aufgewacht in diesem wei\u00dfen, sterilen Bett. Und ist gl\u00fccklich. So berauscht von Gl\u00fcck wie noch nie in ihrem Leben. Was hatte man ihr bei ihrer ersten gyn\u00e4kologischen Untersuchung gesagt? Sie k\u00f6nne keine Kinder bekommen. Ihre Geb\u00e4rmutter seit zu klein. Idioten! Sie ist jetzt Mutter. Mutter eines Sohnes. Dieses Kind wird sie mehr lieben als alles andere auf der Welt, das wei\u00df sie.<br \/>\n\u00bbIch hoffe, Sie haben sich nicht zu sehr erschreckt\u00ab, sagt der Kinderarzt und tritt zu ihr ans Bett.<br \/>\n\u00bbWieso erschreckt?\u00ab, fragt sie.<br \/>\n\u00bbAch, Sie haben den Kleinen noch nicht gesehen?\u00ab<br \/>\n\u00bbWieso?\u00ab Angst dr\u00fcckte ihr den Brustkorb zusammen.<br \/>\n\u00bbEine Geburtsgeschwulst am Kopf. Keine Sorge. Die entwickelt sich zur\u00fcck. Meistens wenigstens.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch will meinen Sohn sehen\u00ab, sagt sie. Ihre Kehle verengt sich. Tr\u00e4nen steigen ihr in die Augen. \u00bbJetzt sofort!\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie liegt im wei\u00dfen Krankenhausbett, schaut in Richtung Fenster, sieht einzelne Sterne am Himmel, einen runden Mond. Drau\u00dfen f\u00e4hrt ein Bus an, ein Motorrad knattert vorbei.\u00a0 Ihr Kopf ist weit und hell, der Atem schnell und leicht. 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