{"id":960,"date":"2015-05-03T21:13:05","date_gmt":"2015-05-03T19:13:05","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=960"},"modified":"2016-01-16T19:55:06","modified_gmt":"2016-01-16T17:55:06","slug":"sturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/sturm\/","title":{"rendered":"Sturm auf dem Iisselmeer"},"content":{"rendered":"<p>Ein dumpfer Schlag, noch einer. Knirschend bohrt sich der Rumpf der Jacht in den sandigen Untergrund. Eine Serie von drei kurzen, sch\u00e4umenden Brechern kracht gegen die Bordwand, \u00fcberflutet das Deck, zieht sich zur\u00fcck. Das Boot richtet sich auf, wartet auf den n\u00e4chsten Angriff.<!--more--><br \/>\nEine Untiefe, auf der Karte verzeichnet. Wer hat nicht aufgepasst? Das Ufer ist nur einen Steinwurf weit entfernt. Das sch\u00e4umende Wasser h\u00fcfttief, sodass man zur Strandwiese hin\u00fcberwaten k\u00f6nnte, falls die Str\u00f6mung nicht zu stark ist. Aber das Schiff aufgeben? Auf keinen Fall. Es w\u00fcrde dem Angriff der Wellen nicht lange standhalten. W\u00fcrde sich querstellen, zerbrechen. Keine Menschenseele auf dem Deich. M\u00f6wen im Sturzflug, kr\u00e4chzend und schreiend, nutzen den immer heftiger werdenden Wind, lassen sich hinauftragen in das Grau des Himmels, um dann wieder hinabzust\u00fcrzen im Taumel der Geschwindigkeit.<\/p>\n<p>Mann und Frau arbeiten fieberhaft. Fock und Gro\u00dfsegel rauschen nach unten, werden in Windeseile geborgen. Motorger\u00e4usch setzt ein. Gott sei Dank, der Diesel springt an. Die Yacht versucht freizukommen. Hilfloses Schlagen der Schraube im Wasser. Blo\u00df nicht noch tiefer festfahren. Wieder ein Aufjaulen der Maschine. Das Dr\u00f6hnen erstirbt, f\u00e4ngt wieder an, zittert, bleibt konstant. Mit der n\u00e4chsten vom Ufer zur\u00fcckrollenden Welle wird das Boot angehoben, ruckt sich frei. Der Skipper dr\u00fcckt den Gashebel nach unten, nimmt Kurs auf die offene See, k\u00e4mpft gegen die herantobenden Wassermassen. Blo\u00df nicht querschlagen. Nur fort von der K\u00fcste, weg aus der Brandung. Langsam kommen sie frei, heraus aus der Abdeckung. Die Wellen werden h\u00f6her. Mindestens 7 Windst\u00e4rken. Katzenk\u00f6pfe auf dem Wasser so weit das Auge reicht. Das Schiff reitet die Welle hinauf, oben auf dem Kamm senkt es den Bug, taucht ab in den brodelnden Schlund. Rauf und runter wie auf einem bockenden Pferd. In der Kabine das Poltern von herausschie\u00dfendem Geschirr, das auf dem Boden zerbirst. \u00bbHast du wieder die Schapps nicht ordentlich verriegelt?\u00ab Die Frau antwortet nicht, zuckt die Schultern, das Gesicht wei\u00df und angespannt. Von Nordwest jagen Wolkenberge \u00fcber den Himmel. Erst ein paar Tropfen, dann f\u00e4ngt es an zu sch\u00fctten wie aus K\u00fcbeln. Der Horizont verschwindet, die Sicht ist gleich null. Der Regen legt sich wie ein Vorhang \u00fcber das Schiff. Hat sie das Lukenfenster gut zugeschraubt? Der Skipper hat sich angeleint, starrt auf den Kompass, den S\u00fcdwester tief in die Stirn gezogen. Immer wieder wischt er sich das heranpeitschende Wasser aus den Augen. Die Frau hockt im Cockpit, k\u00e4mpft gegen das W\u00fcrgen in ihrer Kehle. Noch vier Seemeilen, dann k\u00f6nnen sie nach Osten abdrehen und Schutz suchen in der Flussm\u00fcndung.<\/p>\n<p>Wie ruhig das Meer auf einmal ist. Wie friedlich die Boote im kleinen Hafen auf den grau-braunen Wellen schaukeln. Die Frau klettert den Niedergang hinunter, tritt auf die Scherben der blauwei\u00dfen Tassen und Teller am Boden, zerrt den Koffer unter den Kojen hervor, wirft ein paar Dinge hinein.<br \/>\n\u00bbDas war`s dann wohl\u00ab, sagt sie zu dem Mann, der \u00fcber die Reling gebeugt die Fender \u00fcberpr\u00fcft. \u00bbMit mir nicht noch mal!\u00ab<br \/>\nOhne eine Reaktion abzuwarten, klettert sie auf den Bug und springt an Land. Am Steg eine Spendendose der holl\u00e4ndischen Seenotrettungsgesellschaft. Wortlos zieht sie ihre Geldb\u00f6rse, stopft zusammengekn\u00fcllte Scheine in den Schlitz, zerrt den Rollkoffer in Richtung Bahnhof. Wirft keinen Blick zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein dumpfer Schlag, noch einer. Knirschend bohrt sich der Rumpf der Jacht in den sandigen Untergrund. Eine Serie von drei kurzen, sch\u00e4umenden Brechern kracht gegen die Bordwand, \u00fcberflutet das Deck, zieht sich zur\u00fcck. 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