{"id":958,"date":"2015-05-03T21:08:28","date_gmt":"2015-05-03T19:08:28","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=958"},"modified":"2016-08-08T20:37:51","modified_gmt":"2016-08-08T18:37:51","slug":"allwetterbad","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/allwetterbad\/","title":{"rendered":"Allwetterbad"},"content":{"rendered":"<p>Die Schiebet\u00fcr zum Schwimmbereich geht automatisch auf. Der L\u00e4rm schl\u00e4gt mit voller Wucht zu. Lachende und kreischende Kinder toben im Warmbecken, werfen sich bunte B\u00e4lle zu, tauchen ab nach Ringen am Beckenboden, kommen keuchend wieder an die Oberfl\u00e4che, prusten sich Wasser ins Gesicht. Kleine Jungen reiten wie Cowboys auf ihren Schaumstoffschlangen, k\u00e4mpfen mit verbissenen Gesichtern, versuchen sich gegenseitig hinunterzuziehen. Der Verlierer taucht lachend auf, warte, das wirst du mir b\u00fc\u00dfen! Der Kampf beginnt von vorne. <!--more--><br \/>\nF\u00fcr Geburtstagskinder ist im Bistrobereich am Beckenrand ein gro\u00dfer Tisch gedeckt mit Pappbechern, Papptellern, roten Luftschlangen. An den St\u00fchlen steigen heliumgef\u00fcllte Luftballons in die Luft, das Geburtstagskind sitzt auf einem K\u00f6nigsthron mit einer goldenen Krone auf dem Kopf. Eifrige M\u00fctter und V\u00e4ter wuseln um die Kinder herum, schneiden Schokoladenkuchen auf, sch\u00fctteln Limonade in Becher.<br \/>\nIch kann schneller rutschen als du, sagt ein kleines M\u00e4dchen zu dem Geburtstagskind und im Nu rennen sie die Treppe zur Riesenrutsche hinauf. Erst Kuchen essen, ruft eine junge Frau hinterher, aber das h\u00f6ren sie nicht. Wie die wilde Jagd kommen sie aus der R\u00f6hre gesaust, juchzend und schreiend. Das Wasser spritzt auf, wie junge Hunde paddeln und tauchen die Kinder an den Rand.<br \/>\nAm Babybecken sitzen plaudernde junge M\u00fctter, haben die \u00c4rmchen ihrer Kleinkinder in \u00fcberdimensionale Schwimmfl\u00fcgel gesteckt oder schieben sie in Gummireifen hin und her. Heimlich vergleichen sie die Entwicklung des eigenen Kindes mit dem der Freundin. Sie tr\u00f6sten, verhandeln, verteilen Plastikenten und Schiffchen. Sie reden und reden, mit der Freundin, mit der Mutter neben ihnen, sie sind so froh, f\u00fcr eine Weile der Einsamkeit und Langeweile der eigenen vier W\u00e4nde entkommen zu sein.<br \/>\nDer Bademeister schreitet ein, als zwei Halbw\u00fcchsige am Beckenrand Fangen spielen, mit einem Hechtsprung ins Schwimmerbecken tauchen.Eine \u00e4ltere Dame mit Badekappe, die stoisch ihre Bahnen schwimmt, wird mit einem Schwall Wasser \u00fcbersch\u00fcttet. Es ist verboten, vom Beckenrand zu springen, sagt der Bademeister. Die beiden Jungen schauen schuldbewusst, murmeln eine Entschuldigung, verschwinden im Drau\u00dfen-Becken. Kritisch schaut der Bademeister ihnen nach, wendet sich aber dann wieder seiner Kollegin zu. Plaudernd setzen sie sich auf eine Bank.<\/p>\n<p>Der gellende Schrei einer Frau: mein Kind, mein Kind.<br \/>\nDie Eltern am Babybecken sind aufgesprungen. Ein Arzt, ein Arzt, schnell ein Arzt. Und dann rennt einer der Bademeister durch das Schwimmbad, ein kleines Kind in den Armen, das sieht ganz w\u00e4chsern aus: Arme und Beine blau angelaufen, der Kopf baumelt herunter, die Augen sind geschlossen. Er hetzt in die Bademeisterkabine, die Mutter hysterisch schreiend hinterher. Die Glast\u00fcr wird zugeschlagen. Neugierige dr\u00fccken ihre Nasen platt an der Scheibe, verfolgen die Wiederbelebungsversuche auf der Liege.<br \/>\nDa ist wohl ein Kind verungl\u00fcckt, sagt die Mutter des Geburtstagskindes schockiert und h\u00e4lt die Kinder zur\u00fcck, als auch die zur Glaskabine rennen wollen. Ein Mann dreht sich um und sagt: Das Kind ist ertrunken, weil die Mutter vor lauter Gequatsche mit der Freundin nicht aufgepasst hat. Die Frau schreit den Mann an und sagt, er solle den Mund halten. Und vielleicht habe das Kind ja nur kurz im Wasser gelegen und k\u00f6nne wiederbelebt werden. Und dann h\u00f6rt man Motorenger\u00e4usche und sieht durch die gro\u00dfe Glasscheibe einen rot-wei\u00dfen Hubschrauber auf der Wiese landen, mit einem Kreuz an der T\u00fcr. Zwei wei\u00df gekleidete M\u00e4nner rennen mit einer Trage ins Geb\u00e4ude, rennen nach kurzer Zeit mit der Trage wieder hinaus, schieben sie in den Hubschrauber, springen hinein, schlagen die T\u00fcren zu. Die Rotorbl\u00e4tter drehen sich die ganze Zeit, der Pilot hebt ab, jede Minute ist kostbar. Der Hubschrauber steigt senkrecht hoch und fliegt dann schr\u00e4g. Den Geburtstagskindern schmeckt der Kuchen nicht mehr.<br \/>\nIst das Kind tot?, fragt ein kleines M\u00e4dchen. Bestimmt nicht, sagt die Mutter und streicht ihm \u00fcber den Kopf. Es fliegt jetzt ins Krankenhaus. Da sind \u00c4rzte, die machen es wieder gesund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schiebet\u00fcr zum Schwimmbereich geht automatisch auf. Der L\u00e4rm schl\u00e4gt mit voller Wucht zu. Lachende und kreischende Kinder toben im Warmbecken, werfen sich bunte B\u00e4lle zu, tauchen ab nach Ringen am Beckenboden, kommen keuchend wieder an die Oberfl\u00e4che, prusten sich Wasser ins Gesicht. 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