{"id":948,"date":"2015-04-27T19:06:47","date_gmt":"2015-04-27T17:06:47","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=948"},"modified":"2017-05-03T19:58:54","modified_gmt":"2017-05-03T17:58:54","slug":"zwischenfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/zwischenfall\/","title":{"rendered":"Zwischenfall auf der GC 500"},"content":{"rendered":"<p>Der blaugr\u00fcne Linienbus nimmt schnell und elegant die Serpentinen auf der GC 500 zwischen Puerto de Mogan und Playa del Ingl\u00e9s. \u00bbIdiota\u00ab, brummt der Fahrer immer wieder, wenn ein junger Ausl\u00e4nder in seinem Leihauto versucht, die engen Kurven rennfahrerm\u00e4\u00dfig zu schneiden.<!--more--><br \/>\nDer Bus ist gut besetzt an diesem Freitagnachmittag. In Puerto de Mogan hat der w\u00f6chentliche Markt stattgefunden, und viele Touristen haben sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, frisches Obst und Gem\u00fcse einzukaufen, das eine oder andere Souvenir zu erstehen. Begeisterte Fotografen haben ununterbrochen auf den Ausl\u00f6ser ihrer Digitalkameras gedr\u00fcckt, um die quirlige Atmosph\u00e4re des kanarischen Marktes festzuhalten, der direkt am Fischereihafen liegt vor der Kulisse hoch aufragender, kahler Bergriesen des Hinterlandes. Einheimische nutzen den Bus hin zu ihren Arbeitspl\u00e4tzen in einem der Touristenhotels an der zubetonierten K\u00fcste: Handwerker, Kellner, Reinemachfrauen. Andere d\u00f6sen auf dem Weg nach Hause m\u00fcde und abgearbeitet vor sich hin. Spanische Hausfrauen mit vollen Einkaufsnetzen unterhalten sich lebhaft in ihrem harten Spanisch, das auf Sprachunkundige so wirkt, als stritten sie sich st\u00e4ndig. Aber auch die Touristen, die einen gro\u00dfen Teil der Pl\u00e4tze in Beschlag genommen haben, sind nicht gerade leise. Ein \u00e4lterer Mann dr\u00f6hnt seine Sitznachbarin zu. Offensichtlich ist er Meister an einer Berufsschule im tiefsten Kohlenpott. \u00bbMir doch egal, wer unta mir Chef is\u00ab, sagt er. \u00bbLehrer, dat sind sowieso allet faule S\u00e4cke. Da hat d\u00e4 Schr\u00f6da Recht gehabbt!\u00ab Die Frau neben ihm juchzt Zustimmung \u00bbEwig hamse Ferien. Und da beschw\u00e4r\u00e4nse sich immer noch \u00fcber zu viel Arbeit. Wat soll unsereins denn sagn?\u00ab<br \/>\nGanz hinten auf der letzten Bank sitzen zwei Schulm\u00e4dchen, 13,14 Jahre alt. Sie haben ihre schwarzen Lockenk\u00f6pfe zusammengesteckt, spielen mit einem Smartphone, kichern und lachen, die Augen blitzen. Ein Selfie nach dem andern wird gemacht und kritisch begutachtet: Grimassen, K\u00fcsschen mit gespitzten Lippen, blendend wei\u00dfe Z\u00e4hne. Beide Teenager scheinen ausgesprochen guter Laune zu sein. In Puerto Rico steigen Wanderer zu, die Rucks\u00e4cke und St\u00f6cke nach oben in die Ablage heben und ersch\u00f6pft auf die Sitze sinken, die Gesichter rot von der Sonne.<br \/>\n\u00bbMenschenskinners, is dat kalt!\u00ab, sagt der Berufsschulmeister und beugt sich \u00fcber seine f\u00fcllige Begleiterin, um das Fenster hochzuschieben.<br \/>\n\u00bbHolste dir ja glatt wat weck!\u00ab<br \/>\nSeine Begleiterin l\u00e4sst sich nicht unterbrechen und f\u00e4hrt unbeirrt fort. \u00bbBei uns inne Spedition is sonne Chinesin. Soll studiert ham. Logistik oder sowat. Abba zu bl\u00f6d um auszurechnen, wie viele Kisten innen Container passen. Bringt doch allet nix, dat Studieren. Der Chef is doch auch sonne Pflaume!\u00ab<br \/>\nEins der jungen M\u00e4dchen von der hinteren Bank steht auf, f\u00e4chelt sich mit der Hand Luft zu, zw\u00e4ngt sich in die leere Sitzreihe hinter den beiden Deutschen, schiebt das Fenster wortlos wieder auf und geht zur\u00fcck zu ihrem Platz. Die Freundin lacht und hebt zustimmend den Daumen. Das n\u00f6rgelnde Paar ist verstummt, schaut ungl\u00e4ubig hoch zum Fenster. Der Mann dreht sich zu den M\u00e4dchen um, schraubt sich in seiner ganzen bulligen K\u00f6rperlichkeit hoch und rammt das Fenster wieder zu. \u00abUnversch\u00e4mte G\u00f6re!\u00ab, brummelt er und schaut kampfeslustig in die Runde.. \u00bbDat wolln wir dochma sehn!\u00ab<br \/>\nSieg nach Punkten? M\u00e4nnliche Kraft und Entschiedenheit gegen pubert\u00e4re Willk\u00fcr? Schnell wie der Wind ist das M\u00e4dchen hochgeschnellt, wieder auf den freien Sitz geh\u00fcpft, von wo aus sich die Scheibe leicht hinunterziehen l\u00e4sst. Die Gespr\u00e4che sind verstummt, Touristen und Einheimische schauen gespannt, wie es weitergeht.<br \/>\nDas Spiel beginnt: Fenster auf, Fenster zu, Fenster auf, Fenster zu. Die ungleichen Kontrahenten sind verbissen und schnell, der Mann schimpft, die M\u00e4dchen kichern. Schlie\u00dflich geht eine der Sch\u00fclerinnen zum Busfahrer und redet auf ihn ein. Der lenkt den Bus an den Stra\u00dfenrand, h\u00e4lt an, kommt bei laufendem Motor nach hinten und macht das Fenster wieder auf.<br \/>\n\u00bbLa chica est\u00e1 enferma. Necessita aire!\u00ab<br \/>\n\u00bbWat sacht d\u00e4?\u00ab Der Rentner ist fassungslos. \u00bbSo behandelt man also G\u00e4ste!\u00ab, poltert er los. \u00bbUn Deutsch kanner auch nich. Wat soll mit die M\u00e4dkens los sein? Die kichern doch die ganze Zeit.\u00ab<br \/>\nAls der Bus wieder auf die Hauptstra\u00dfe einbiegt, knallt er das Fenster zu. Der Busfahrer f\u00e4hrt in die n\u00e4chste Parkbucht, h\u00e4lt an, machte den Motor aus und spricht ein paar Worte in sein Handy.<br \/>\nDie Sirenen sind nach ein paar Minuten zu h\u00f6ren. Mit Blaulicht fahren zwei Einsatzwagen der lokalen Polizei in die Parkbucht, halten neben dem Bus. Vier junge M\u00e4nner in dunklen Hosen und schicken hellblau abgesetzten Blousons springen aus den Wagen und setzen energisch ihre Schirmm\u00fctzen auf. Ein pr\u00fcfender Griff zum Pistolenhalfter, die langen Schlagst\u00f6cke baumeln am G\u00fcrtel. Der Einsatzleiter klettert die Stufen hoch, sagt h\u00f6flich: \u00bbBuenas Dias! Que se pasa?\u00ab\u00a0 Er schaut den Busfahrer fragend an. Nach einem kurzen Wortwechsel erlaubt er den beiden M\u00e4dchen, die sich zur T\u00fcr gedr\u00e4ngt haben, auszusteigen. Er wendet sich\u00a0 an die Fahrg\u00e4ste.<br \/>\n\u00abSomebody speak English?\u00ab<br \/>\nSchweigen. Auch der gro\u00dfkotzige Meister, der gerade noch moniert hat, dass der Fahrer kein Deutsch spricht, sagt kein Wort. Die kanarischen Fahrg\u00e4ste schauen auf ihre H\u00e4nde oder auf den Boden. Drau\u00dfen kr\u00fcmmt sich eines der M\u00e4dchen hustend nach vorn. Vor Lachen oder um Luft zu schnappen, ist unklar. Die andere klopft ihr auf den R\u00fccken. Eine gut aussehende Endf\u00fcnfzigerin mit silberwei\u00dfem Haar und hellen, wachen Augen meldet sich und versucht mit ruhiger Stimme, die Situation zu erkl\u00e4ren. Den Ruhrpottler, der sich einmischen will, bringt sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.<br \/>\n\u00bbMaria tiene asma. Maria has got asthma!\u00ab, sagt der Polizist und zeigt auf das keuchende M\u00e4dchen drau\u00dfen.<br \/>\n\u00bbI believe she is putting on a show.\u00ab, sagt die Touristin. \u00bbThey have been giggling all the time.\u00ab Der Einsatzleiter zuckt die Schultern. \u00bbBus driver is boss. When boss says: window open then\u00a0 window open. Understand?\u00ab<br \/>\nEr tippt gr\u00fc\u00dfend an seine M\u00fctze und verl\u00e4sst den Bus. Der Berufsschulmeister will noch etwas sagen, aber diesmal schneidet seine Partnerin ihm das Wort ab. \u00bbHeinz-Peter, sei\u00a0 ruhig! Ich will nach Hause. Die annern Leute auch!\u00ab<br \/>\nBis zur Endstation in Playa del Ingl\u00e9s sagt niemand mehr ein Wort. Die Teenager haben sich zwar grinsend in ihre Sitze gedr\u00fcckt, doch das Gekicher hat aufgeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Als der Busfahrer seine Wohnungst\u00fcr aufschlie\u00dft, sitzen die M\u00e4dchen im Wohnzimmer und schauen fern. Ohne ein Wort zu sagen, geht der Mann zum Fernseher und macht ihn aus. Das Klatschen der Ohrfeige ist auf der Stra\u00dfe zu h\u00f6ren. Und das Protestgeschrei seiner Tochter. So schnell hat die Freundin noch nie die Wohnung verlassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der blaugr\u00fcne Linienbus nimmt schnell und elegant die Serpentinen auf der GC 500 zwischen Puerto de Mogan und Playa del Ingl\u00e9s. \u00bbIdiota\u00ab, brummt der Fahrer immer wieder, wenn ein junger Ausl\u00e4nder in seinem Leihauto versucht, die engen Kurven rennfahrerm\u00e4\u00dfig zu schneiden.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-948","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzgeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/948","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=948"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/948\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1419,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/948\/revisions\/1419"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}