{"id":940,"date":"2015-03-20T20:22:06","date_gmt":"2015-03-20T18:22:06","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=940"},"modified":"2019-02-13T15:59:53","modified_gmt":"2019-02-13T14:59:53","slug":"ein-groser-brauner-lederrucksack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/ein-groser-brauner-lederrucksack\/","title":{"rendered":"Reisefieber"},"content":{"rendered":"<p>Von hier oben ist der Blick auf Madrid grandios. Doch die Luft ist stickig, auch wenn die schr\u00e4ge Dachluke einen Spalt ge\u00f6ffnet ist. Weiter kann man sie nicht aufmachen, sonst fliegen die Tauben herein, und in Windeseile ist der Dachboden vollgeschmiert mit einer ekligen Schicht wei\u00dflicher Taubenschei\u00dfe. Nicht dass es hier wertvolle Dinge gibt: eine ausrangierte Truhe mit angeschlagenem Geschirr, Pappkartons mit muffig riechenden M\u00e4nteln und Jacken. Ein alter Kinderwagen steht in der Ecke, mit geflochtenen elfenbeinfarbenen Seitenw\u00e4nden und winzig kleinen R\u00e4dern. Von einem gr\u00fcnen Kaufmannsladen bl\u00e4ttert die Farbe ab und die T\u00fcren klemmen. Unter der Schr\u00e4ge gammeln auf einem primitiv zusammengezimmerten Regal diverse&nbsp; Plastikt\u00fcten mit abgetragenen Schuhen und Stapel von sorgf\u00e4ltig geb\u00fcndelten Zeitungen vor sich hin. Zwischen all diesen ausrangierten Dingen, den Zeugen besserer Zeiten, hat man auch mich vergessen.<!--more--><\/p>\n<p>Dabei bin ich eigentlich gut in Schuss. Ich bin nicht eine dieser modisch-bunten Daypacks, die zwar gut aussehen, aber in die nichts hineinpasst. Nein, ich bin ein robuster, gro\u00dfer Lederrucksack, mit der man unbesorgt auf Reisen gehen kann. Mein volumin\u00f6ser Bauch schluckt Hemden und Hosen, Unterw\u00e4sche und Regenzeug, und in den gro\u00dfen Rei\u00dfverschlusstaschen an den Seiten steckten einst Sandalen, Waschzeug und der Reisef\u00fchrer. Jan hat mich zum Abitur bekommen, von seinen Gro\u00dfeltern, die sein Fernweh verstanden haben. Jan hat mir die Welt gezeigt. Wir waren am Great Barrier Reef, haben in Sulawesi bei den Torajas gelebt, wir sind durch den brasilianischen Dschungel gekrochen, haben frierend auf dem Machu Picchu \u00fcbernachtet und die Pinguine in Patagonien bewundert. Erst als Jan in Santiago de Chile h\u00e4ngenblieb, weil er sich verliebt hatte, wurde ich f\u00fcr zwei Jahre unters Bett geschoben.&nbsp; Bis, ja, bis den armen Jan das Heimweh \u00fcbermannte und er meinte, er m\u00fcsse seine Ma und seinen Dad \u00fcber Weihnachten in good old Germany besuchen. Er buchte einen Platz auf der Air Madrid Maschine von Santiago nach Frankfurt mit einem Zwischenstopp in Madrid. Mich stopfte er voll mit Weihnachtsgeschenken, so dass es kaum Platz gab f\u00fcr dicke Wintersachen. Ein d\u00fcnner Pullover, ein Paar Jeans, ein bisschen Unterw\u00e4sche musste reichen. Nat\u00fcrlich vertraute er darauf, dass seine liebe Ma ihn schon wieder ausstaffieren w\u00fcrde, wenn er in Sommerbekleidung zitternd und bebend vor ihr stehen w\u00fcrde, ihr armer Junge.<br \/>\nSo lag ich bald ganz unten im Laderaum einer Boeing 737 zusammen mit all den Koffern und Taschen und Rucks\u00e4cken der anderen Passagiere. Es war ziemlich eng hier unten, kalt und dunkel, und ich versuchte, die endlosen 14 Stunden von Santiago bis Madrid vor mich hinzud\u00f6sen. Endlich ging die Klappe auf, schlecht gelaunte frierende M\u00e4nner zogen Gep\u00e4ckst\u00fccke heraus, warfen sie auf einen Elektrokarren und rollten davon. Es war dunkel, ein paar tr\u00fcbe Sterne funkelten am Himmel, und es war bitterkalt. Der Wind pfiff, und eigentlich war ich froh, als die Ladeluke zugeknallt wurde und ich wieder in meinen D\u00e4mmerschlaf versinken konnte. Wir hatten jetzt Platz und konnten uns ausbreiten. Es lagen keine schweren Koffer auf mir drauf und ich musste mir keine Sorgen mehr machen, dass die sch\u00f6nen Geschenke zerdr\u00fcckt w\u00fcrden.<br \/>\nEin paar Touristen stiegen zu. Ich h\u00f6rte, wie die hohe Treppe herangerollt und wieder weggerollt wurde. Die Turbinen starteten, die Boeing 737 ruckelte&nbsp; an und dann&#8230;<br \/>\nIch sah durch das kleine Bullauge, wie von allen Seiten blaue Lichter auf das Flugzeug zurasten. Mit quietschenden Reifen hielten mehrere Polizeiautos vor dem Flugzeug und verbarrikadierten die Startbahn. M\u00e4nner in Uniformen mit Maschinenpistolen \u00fcber der Schulter schwenkten rotleuchtende Stoppschilder. Ein Megafon br\u00fcllte S\u00e4tze in unverst\u00e4ndlichem Spanisch.<br \/>\nEin \u00dcberfall? Mitten auf dem internationalen Flughafen von Madrid? Bahnte sich ein Horrorszenario an wie am 11. September in New York? Schlugen Al Kaida &#8211; Terroristen zu, getarnt als Polizisten?&nbsp; Aber man h\u00f6rte keine Sch\u00fcsse, alles blieb ruhig. Der Motorenl\u00e4rm erstarb wieder, T\u00fcren wurden ge\u00f6ffnet, Treppen herangerollt. Und dann sagte eine Stimme mit stark deutschem Akzent auf Englisch: \u00abDear passengers. This is the Captain speaking. We have got a small problem. Don&#8216; t worry, but you have to leave the plane. Our staff will help you to find a connection flight to Frankfort.\u00bb<br \/>\nWas war denn nun los? War das Flugzeug kaputt? Unwillig verlie\u00dfen die Passagiere die Maschine. Kein Zubringerbus weit und breit. Zu Fu\u00df stapften sie zum Flughafengeb\u00e4ude, und das bei Schneeregen und Temperaturen unter Null. M\u00e4nner br\u00fcllten herum, hysterische Frauen versuchten,&nbsp; quengelige Kinder zu beruhigen.<br \/>\nUnd dann wurde der Laderaum der Boeing wieder aufgerissen. Kalte Luft str\u00f6mte herein und gierige H\u00e4nde rissen Koffer und Taschen, Kisten und Pakete aus dem dunklen Bauch der Maschine. \u00abRapido, rapido\u00bb, fl\u00fcsterten heisere M\u00e4nnerstimmen. Endlich d\u00e4mmerte es mir. Man hatte schon l\u00e4nger davon gemunkelt, dass <em>Air Madrid<\/em> vor der Pleite stand. Die Airline war pleite und das Flugzeug sollte an die Kette gelegt werden.&nbsp; Die Gl\u00e4ubiger wollten Geld sehen, verst\u00e4ndlicherweise, und lie\u00dfen die Flugzeuge beschlagnahmen.&nbsp; Aufgebrachte Arbeiter und Angestellte der Airline, die wahrscheinlich seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen hatten, rissen erst einmal alles an sich, was nicht niet- und nagelfest war. Sie w\u00fcrden sowieso keinen Pfennig sehen, wenn die Firma insolvent war.<\/p>\n<p>Und so bin ich am Heiligen Abend in einer Altbauwohnung im Zentrum von Madrid gelandet. Gierige H\u00e4nde w\u00fchlten in meinen Eingeweiden. \u00dcber Jans alten Pullover und die l\u00f6chrigen Jeans war die Familie entt\u00e4uscht. Aber die bunten Pakete lie\u00dfen die Gesichter leuchten. Sie brauchten nicht bis zum 6. Januar zu warten, denn diesmal waren es nicht Los Reyes Magos, die Heiligen Drei K\u00f6nige, die die Geschenke brachten. Nein, der Weihnachtsmann selbst war vom Himmel herabgestiegen mit seinem Sack voller Gaben.<br \/>\nVater und Gro\u00dfvater tranken den chilenischen Rotwein und rauchten die dicken Zigarren. Mama drehte sich vor dem Spiegel und betrachtete den neuen Schal und die langen Ohrringe. Die Gro\u00dfmutter strich liebevoll \u00fcber die Tischdecke und der kleine Juan spielte den ganzen Abend mit dem roten Bagger. Da hat Jan ja mal ein wirklich gutes Werk getan, dachte ich. Schade, dass er nichts davon wei\u00df und irgendwo frierend und hungrig im Flughafengeb\u00e4ude herumsitzt.<br \/>\nMich hat man dann leider am n\u00e4chsten Tag auf den Dachboden geschleppt. Geld zum Verreisen hat die Familie Santos nicht. Aber ich bin ganz optimistisch. Wenn ich nur einige J\u00e4hrchen warte, bis Juan gro\u00df ist, dann wird auch ihn das Fernweh packen. Er wird mich herunterholen, mir den Staub vom Leder klopfen, seine Hosen, T-Shirts und Socken in mich hineinstopfen, und dann werden wir gemeinsam um die Welt fahren. Ich brauche nur noch ein bisschen Geduld. Paciencia.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von hier oben ist der Blick auf Madrid grandios. Doch die Luft ist stickig, auch wenn die schr\u00e4ge Dachluke einen Spalt ge\u00f6ffnet ist. Weiter kann man sie nicht aufmachen, sonst fliegen die Tauben herein, und in Windeseile ist der Dachboden vollgeschmiert mit einer ekligen Schicht wei\u00dflicher Taubenschei\u00dfe. Nicht dass es hier wertvolle Dinge gibt: eine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-940","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erzahlungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/940","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=940"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/940\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1870,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/940\/revisions\/1870"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=940"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=940"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=940"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}