{"id":932,"date":"2015-03-19T21:00:26","date_gmt":"2015-03-19T19:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=932"},"modified":"2015-03-19T21:02:26","modified_gmt":"2015-03-19T19:02:26","slug":"biografie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/biografie\/","title":{"rendered":"Biografie"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/mann_aus_buch_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-935\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/mann_aus_buch_klein-150x150.jpg\" alt=\"mann_aus_buch_klein\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Der greise Schriftsteller war ein schwieriger Brocken, hart zu knacken. Man munkelte, er habe in seinem langen Leben so manches Frauenleben zerst\u00f6rt, aber Genaueres wusste man nicht, denn er h\u00fctete sein Privatleben wie einen Schatz.<!--more--> Als der Verlag seinen neuen Shooting Star, den diesj\u00e4hrigen \u00bbOpen Mike\u00ab &#8211; Preistr\u00e4ger auf ihn ansetzte, um seine Biografie zu schreiben &#8211; ein Unterfangen, das schon ein paar Mal gescheitert war &#8211; z\u00e4hlte der erfahrene Cheflektor auf den Ehrgeiz des jungen und auf die ungebrochene Eitelkeit des alten Schriftstellers.<\/p>\n<p>Biografien waren in, wie die Verkaufszahlen bei der Buchmesse gezeigt hatten. Voyeurismus kannte keine Grenzen, was auch die entsprechenden Einschaltquoten bei den privaten Sendern bezeugten.<\/p>\n<p>Der junge Autor las alles, was er \u00fcber den gro\u00dfen Kollegen in die Finger kriegen konnte, recherchierte und googelte, was das Zeug hielt. Trotzdem wurde das erste Interview eine Katastrophe. Nicht, dass er sich durch die pomp\u00f6se Villa am Starnberger See hatte einsch\u00fcchtern lassen. Zumindest lie\u00df er es sich nicht anmerken. Der gro\u00dfe Meister war freundlich und zuvorkommend, kredenzte einen guten, alten Cognac und bot seinem Gegen\u00fcber dicke kubanische Zigarren an.<br \/>\n\u00bbWoher kommen Sie, junger Mann ?\u00ab<br \/>\n\u00bbAch, wie interessant. Das \u00bbOpen Mike\u00ab haben Sie gewonnen?\u00ab<br \/>\n\u00bbWas schreiben Sie sonst noch so?\u00ab<br \/>\nEr stellte er dem jungen Autor so viele Fragen, dass der, geschmeichelt durch das Interesse des ber\u00fchmten Mannes und zungengel\u00f6st durch reichlich Cognac, bereitwillig darauf einging und ihm sein Leben erz\u00e4hlte. Erst nach zwei Stunden &#8211; am Ende der f\u00fcr das Interview verabredeten Zeit &#8211; ging ihm auf, wie listig ihn der Alte auf eine falsche F\u00e4hrte gelockt hatte, der er in seiner Eitelkeit gefolgt war. Keine einzige seiner sorgf\u00e4ltig im Moleskine &#8211; Notizbuch notierten Fragen hatte er gestellt.<\/p>\n<p>Beim zweiten Interview w\u00fcrde er kl\u00fcger vorgehen, schwor er sich. H\u00f6flich, aber bestimmt lehnte er den Cognac ab und bat um schwarzen Tee. \u00bbNein danke\u00ab, er wolle auch keine Zigarre, so fr\u00fch am Morgen. Ob er eine Zigarette rauchen d\u00fcrfe. Der alte Mann nickte und fuhr sich mit der fleischigen Hand \u00fcber seinen kahlen Sch\u00e4del.<br \/>\nDer junge Schriftsteller holte seinen Fragenkatalog aus der Jackett-Tasche. Die erste sorgf\u00e4ltig vorbereitete Frage:<br \/>\n\u00bbIhre Familie kommt urspr\u00fcnglich aus Ostpreu\u00dfen. Wie schwierig war es eigentlich f\u00fcr Sie, hier in Bayern Fu\u00df zu fassen?\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, wissen Sie\u00ab, der Alte lehnte sich gen\u00fcsslich zur\u00fcck, erz\u00e4hlte eine am\u00fcsante Anekdote nach der andern. Und lie\u00df sich nicht mehr unterbrechen. Sein junger Zuh\u00f6rer lachte und l\u00e4chelte, sagte \u00bbnein, wirklich\u00ab und \u00bbogottogott\u00ab, schrieb und kritzelte, umwabert vom Zigarrenrauch der s\u00fcndhaft teuren Havanna. Beim Durchsehen der Aufzeichnungen zu Hause stellte der M\u00f6chtegernbiograf fest, dass er nur Belanglosigkeiten notiert hatte, die er auch mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Biografie zusammenbasteln konnte.<\/p>\n<p>\u00bbAller guten Dinge sind drei\u00ab, knirschte der junge Mann. Er war blass und angespannt, als er an der gro\u00dfen Messingt\u00fcr l\u00e4utete. Keinen Cognac, keinen Tee, keine Zigarre, noch nicht einmal eine Zigarette. Nur ein Glas Mineralwasser. \u00bbJa, bitte.\u00ab<\/p>\n<p>Und kaum waren die H\u00f6flichkeitsfloskeln ausgetauscht: \u00bbWie geht es Ihnen?\u00ab<br \/>\n\u00bbDanke gut!\u00ab \u00bbUnd Ihnen?\u00bb, da feuerte der junge Schriftsteller seine erste Frage ab, wild entschlossen, sich nicht mehr hinhalten oder t\u00e4uschen zu lassen. Schlie\u00dflich gierten Millionen Leser nach genau dieser Antwort auf genau diese Frage.<br \/>\n\u00bbWelcher der Frauen in Ihrem Leben haben Sie am meisten geliebt?\u00ab<br \/>\nDer ber\u00fchmte Mann schloss einen Moment theatralisch die Augen, schien ernsthaft nachzudenken, grinste dann und sagte \u00bbKeine, junger Mann. Ich liebe keine Frauen.\u00ab<br \/>\nDer lie\u00df vor Verbl\u00fcffung den teuren Mont-Blanc-F\u00fcller fallen und wurde rot, als der Alte sich erstaunlich beh\u00e4nde b\u00fcckte und ihm das teure Teil mit der Bemerkung zur\u00fcckgab:<br \/>\n\u00bbWissen Sie was, junger Mann, an Ihrer Fragetechnik m\u00fcssen Sie noch feilen. Und dann kommen Sie wieder und wir fangen noch einmal von vorne an.\u00ab<br \/>\nWieder grinste er dieses teuflische Grinsen, klapperte noch ein bisschen mit seinem Gebiss &#8211; nur um ihn zu \u00e4rgern, wie der junge Schriftsteller verzweifelt dachte &#8211; und stand auf. Stand einfach auf und verschwand endg\u00fcltig aus seiner eigenen Biografie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der greise Schriftsteller war ein schwieriger Brocken, hart zu knacken. 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