{"id":844,"date":"2015-02-11T19:09:07","date_gmt":"2015-02-11T17:09:07","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=844"},"modified":"2017-07-12T22:02:09","modified_gmt":"2017-07-12T20:02:09","slug":"du-schones-kind-komm-spiel-mit-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/du-schones-kind-komm-spiel-mit-mir\/","title":{"rendered":"Du sch\u00f6nes Kind, komm spiel mit mir!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/StPeter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-900\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/StPeter.jpg\" alt=\"StPeter\" width=\"121\" height=\"150\" \/><\/a>Ein pensionierter Finanzbeamter, der gegen halb sieben seinen schwarzen Labrador am menschenleeren Strand von Sankt Peter Ording spazieren f\u00fchrte, hatte die Polizeistation in T\u00f6nning alarmiert. Die Leiche lag im feuchten Sand zwischen den hohen Stelzen des hundertj\u00e4hrigen Pfahlbaus, auf dem sich die Sanit\u00e4ranlagen\u00a0\u00a0 befanden. <!--more--><br \/>\nDie Spurensicherung war bereits bei der Arbeit und hatte das Gebiet um den Pfahlbau bis zum Strandparkplatz weitr\u00e4umig abgesperrt, als die Kriminalkommissarin Saadet Aydin am Tatort eintraf. Saadet war 27 und arbeitete erst seit einem halben Jahr beim Flensburger Kommissariat; dies war ihr erster Fall als verantwortliche Ermittlerin. Sie n\u00e4herte sich vorsichtig der im Sand liegenden Leiche, einer halbnackten, jungen Frau, die an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gefesselt war. Saadet warf einen Blick auf das im Todeskampf verzerrte Gesicht, auf die wirren, schwarzen Haare, sah die dunklen W\u00fcrgemale am Hals und unterdr\u00fcckte den Brechreiz, der sie immer noch \u00fcberkam, wenn sie das Opfer eines Gewaltverbrechens anschauen musste.<br \/>\nTief sog sie die feuchte Morgenluft in ihre Lungen und sah sich aufmerksam um. Es war Ebbe. Die im grauen Licht des Septembermorgens vor sich hind\u00fcmpelnde Nordsee hatte sich weit zur\u00fcckgezogen. Der Wind kam aus Nordwest, mit h\u00f6chstens zwei Windst\u00e4rken, sch\u00e4tzte Saadet. Der nasse Sand wies weder Fu\u00df- noch Autospuren auf, das ablaufende Wasser hatte eine gl\u00e4nzende, feucht-braune Fl\u00e4che hinterlassen, glatt und hart wie Beton. Ein paar Meter weiter lagen die unappetitlichen Reste einer toten M\u00f6we. In den letzten Tagen war der Sommer noch einmal zur\u00fcckgekommen, aber um diese Uhrzeit war es wohl auch f\u00fcr eine abgeh\u00e4rtete Schwimmerin zu kalt. Hinten an den D\u00fcnen bog der erste Jogger auf den mit Holzbohlen belegten Pfad zum Meer. Ein paar hundert Meter weiter nach S\u00fcden waberte ein zweiter imposanter Pfahlbau im Nebel, das Restaurant auf der Plattform von grauen Schwaden verschluckt. Keine Menschenseele war zu sehen. Das entfernte Rauschen der Brandung, eine leere Blechdose schabte vom Wind getrieben \u00fcber den Sand.<br \/>\n\u201eEin sch\u00f6nes Kind, nicht \u00e4lter als 16, 17, w\u00fcrde ich sagen. H\u00f6chstens seit sieben oder acht Stunden tot\u201c, sagte der \u00e4ltere Polizeiarzt. \u201eSieht aus wie eine sadistisch motivierte Tat. Sie scheint sich heftig gewehrt zu haben.\u201c Er sch\u00fcttelte den Kopf, bedeckte den toten K\u00f6rper mit einem bereitliegenden Tuch, umsichtig darauf bedacht, keine Spuren zu verwischen. M\u00fchsam richtete er sich auf, zog die Plastikhandschuhe aus, dehnte sein Kreuz und packte seine Tasche zusammen.<br \/>\n\u201eOb sie vergewaltigt worden ist, kann ich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Spermaspuren k\u00f6nnten uns bei einer DNA-Analyse weiterhelfen. Wir m\u00fcssen den Obduktionsbericht aus Flensburg abwarten.&#8220;<br \/>\n&#8222;Was denken Sie, ist das M\u00e4dchen hier umgebracht worden, oder hat der T\u00e4ter sie hierher geschleppt?&#8220;, fragte Saadet.<br \/>\n&#8222;Es gibt keine Schleifspuren zum Parkplatz, aber das war auch nicht zu erwarten&#8220;, der Arzt zuckte die Schultern. &#8222;Vor sechs Stunden war Hochwasser. Ein Wunder, dass die Leiche nicht hinausgesp\u00fclt wurde. Sie ist wohl an einem der Holzpf\u00e4hle h\u00e4ngen geblieben.&#8220;<br \/>\n\u201eDanke, Herr Dr. M\u00f6ller\u201c, sagte die Kommissarin und nickte ihm zu. \u201eBitte, benachrichtigen Sie mich, wenn die Ergebnisse der Labortests vorliegen.\u201c<br \/>\nEine energische, junge Frau, dachte der Arzt und l\u00e4chelte ihr zu, als er zum Wagen ging. Und attraktiv dazu. Sie wird es als T\u00fcrkin nicht leicht haben zwischen ihren deutschen Kollegen.<br \/>\n\u201eGibt es Hinweise auf die Identit\u00e4t der Toten?\u201c Saadet schaute fragend in das schlecht gelaunte Gesichter ihres Teamkollegen J\u00f6rn Petersen, der es wohl geschafft hatte, ein paar Minuten vor ihr am Tatort zu sein. Er hatte bereits begonnen, den Sand nach Spuren und Hinweisen abzusuchen.<br \/>\n\u201eNein. Gar keine&#8220;, er blickte Saadet herausfordernd an. \u201eAber die Frau ist offensichtlich s\u00fcdl\u00e4ndischer Herkunft. Wahrscheinlich eine Landsm\u00e4nnin von Ihnen.\u201c<br \/>\nSaadet \u00fcberh\u00f6rte die Spitze. Ihr war klar, dass es Petersen schwerfiel, sie als weisungsbefugte Ermittlerin zu akzeptieren. Sie war j\u00fcnger als er, eine Frau und noch dazu mit Migrationshintergrund, wenn auch mit deutschem Pass. Nicht wenige ihrer Kollegen be\u00e4ugten sie misstrauisch, voller Vorurteile, das war ihr schon auf der Polizeihochschule klar geworden, die sie mit Bravour abgeschlossen hatte, zum \u00c4rger einiger ihrer m\u00e4nnlichen deutschen Kommilitonen.<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter traf die Kommissarin auf eine fassungslose t\u00fcrkische Familie im Aufenthaltsraum der T\u00f6nninger Polizeistation. Sie schaute voll Mitgef\u00fchl auf die Mutter, die sich, ein dunkles Tuch um Kopf und Oberk\u00f6rper geschlungen, hin- und herwiegte. Saadet \u00fcberlegte, wie sie ihre erste Frage formulieren sollte. Der Obst- und Gem\u00fcseh\u00e4ndler Ahmed \u00d6zmir hatte seine Tochter Fatima gegen acht Uhr morgens telefonisch als vermisst gemeldet. Der Dienst habende Polizeibeamte hatte geistesgegenw\u00e4rtig die Familie sofort ins Revier bringen lassen, um die in den fr\u00fchen Morgenstunden gefundene Frauenleiche zu identifizieren, ehe sie ins Rechtsmedizinische Institut der Uni Flensburg \u00fcberf\u00fchrt wurde.<br \/>\nEs war Fatima. Die Mutter brach wimmernd \u00fcber der toten Tochter zusammen, der Vater starrte versteinert vor sich hin. Die S\u00f6hne G\u00f6kan und Mehmet, 22 und 14 Jahre alt, und ein kleines etwa dreij\u00e4hriges M\u00e4dchen hatten auf die Eltern im Vorraum gewartet und sa\u00dfen nun blass und schweigend da. Der j\u00fcngere Sohn hatte die kleine Schwester auf den Knien, schaukelte sie sanft.<br \/>\n\u201eEhrenmord\u201c, hatte Petersen zu Saadet gesagt, ehe sie zur Vernehmung gingen. \u201eTypischer Fall von Ehrenmord. Erst wird dieses Pack alles abstreiten, und dann wird dem j\u00fcngeren Bruder die Tat in die Schuhe geschoben, weil der noch unters Jugendstrafrecht f\u00e4llt. Kennt man doch.\u201c<br \/>\n\u201eBei uns in Deutschland\u00ab, Saadet sah dem Kollegen fest in die Augen, \u00bbbei uns in Deutschland gilt man so lange als unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist.\u201c Sie wollte sich nicht provozieren lassen und \u00fcberh\u00f6rte Petersens \u201eJa, leider!\u201c<br \/>\n\u201eMerhaba\u201c, gr\u00fc\u00dfte sie. \u201eBenim adim Saadet Aydin\u201c, und wandte sich dann auf Deutsch an den stumpf vor sich hinbr\u00fctenden Vater: \u201eHerr \u00d6zmir, seit wann haben Sie Ihre Tochter vermisst?\u201c Der etwa 50-j\u00e4hrige Familienvater blickte auf, antwortete aber nicht. Saadet war sicher, dass er sie verstand, wiederholte aber die Frage auf T\u00fcrkisch, sehr zum Missfallen ihres Kollegen. Sie wollte sichergehen, dass auch Frau \u00d6zmir dem Gespr\u00e4ch folgen konnte.<br \/>\n\u201eHeute Morgen nicht im Bett, wenn Schule\u201c, antwortete die Frau und bewegte ihren schweren Oberk\u00f6rper vor und zur\u00fcck. Das kleine M\u00e4dchen fing an zu weinen, krabbelte auf den Scho\u00df der Mutter. Frau \u00d6zmir zog das gro\u00dfe Tuch \u00fcber sich und das Kind.<br \/>\n\u201eIst Fatima abends \u00f6fter weggegangen?\u201c, hakte Saadet auf T\u00fcrkisch nach. Sie \u00fcbersetzte die Frage ihrem Kollegen und sah das Grinsen auf seinem Gesicht. Sie merkte, wie sie w\u00fctend wurde, und unterdr\u00fcckte den Impuls, ihn zurechtzuweisen. Die Frau wollte antworten, z\u00f6gerte dann, drehte den Kopf zu ihrem Mann. Schwieg.<br \/>\n\u201eNie\u201c, sagte Herr \u00d6zmir. \u201eFatima war anst\u00e4ndiges M\u00e4dchen. Nach der Schule gleich nach Hause und Schulaufgaben machen. Abends immer zu Hause.\u201c<br \/>\n\u201eHatte Fatima einen Freund?\u201c, fragte Saadet auf Deutsch die beiden jungen M\u00e4nner.<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich nicht\u201c, sagte der \u00e4ltere Bruder laut und aggressiv und schaute den j\u00fcngeren an.<br \/>\n\u201eNein\u201c, sagte auch dieser.<br \/>\n\u201eRedet doch kein Blech\u201c, mischte sich nun Petersen ein. \u201eNat\u00fcrlich hatte sie einen Freund. Sie hat sich rumgetrieben und ihr habt sie umgebracht. Wegen eurer d\u00e4mlichen Ehre. Gebt es doch gleich zu!\u201c<br \/>\nG\u00f6kan, ganz wei\u00df im Gesicht, sprang drohend auf: \u201eNein, nein, das ist eine Beleidigung. Das lassen wir uns nicht gefallen.\u201c<br \/>\nMit einer energischen Handbewegung brachte Saadet beide M\u00e4nner zum Schweigen.<br \/>\n\u201eHerr \u00d6zmir, Sie gehen jetzt erst einmal mit ihrer Familie nach Hause. Ich werde heute Nachmittag zu Ihnen kommen und dann k\u00f6nnen wir uns weiter unterhalten.\u201c<br \/>\n\u201eSind Sie verr\u00fcckt?\u201c, fuhr Petersen sie an, als die Familie gegangen war. &#8222;Der \u00e4ltere Bruder ist dringend tatverd\u00e4chtig. Aber Sie lassen ihn einfach laufen. Sie wollen diese Leute wohl noch decken.\u201c<br \/>\nNun verlor auch Saadet die Beherrschung. \u201eHerr Petersen, diese Bemerkung verbitte ich mir. Das ist mein Fall. Ich wei\u00df, was ich tue.\u201c<br \/>\n\u201eAch, wirklich\u201c, h\u00f6hnte der Kollege. \u201eNa gut, dann machen Sie mal. Aber ich werde einen Gegenbericht schreiben. Es ist unverantwortlich, dieses t\u00fcrkische Pack einfach gehen zu lassen.\u201c Er lief hinaus, knallte die T\u00fcr zu.<br \/>\nSaadet war die R\u00f6te ins Gesicht gestiegen. Sollte sie sich \u00fcber ihn beschweren? Um einen anderen Mitarbeiter bitten? W\u00e4hrend der Ausbildung hatte sie die Z\u00e4hne zusammengebissen und sich durchgek\u00e4mpft. Rassisten wie J\u00f6rn Petersen waren ja einer der Gr\u00fcnde, warum sie zur Polizei gegangen war.<\/p>\n<p>Wie schwierig ist es wohl, hier Kinder gro\u00dfzuziehen, dachte Saadet, als sie am fr\u00fchen Nachmittag in T\u00f6nning zu dem heruntergekommenen Mietshaus am Stadtrand fuhr, in dem die \u00d6zmirs wohnten. Die gr\u00fcne Farbe an der Hausfassade war abgebl\u00e4ttert, auf den rostigen Balkonen flatterte W\u00e4sche im warmen Wind. Zwei schwarzhaarige Jungen lungerten auf dem verwahrlosten Spielplatz herum, zogen betont l\u00e4ssig an ihren Zigaretten. Sie unterdr\u00fcckte den Impuls, nach ihrem Alter zu fragen und erkundigte sich nach der Adresse der Familie \u00d6zmir. Zu ihrem Erstaunen sprangen beide auf und der gr\u00f6\u00dfere Junge sagte h\u00f6flich: \u201eDa dr\u00fcben die Wohnung im Erdgeschoss, Abla!\u201c Saadet l\u00e4chelte \u00fcber die Anrede \u201egro\u00dfe Schwester\u201c und bedankte sich.<br \/>\nOffensichtlich hatte sich die Nachricht von Fatimas Tod wie ein Lauffeuer in der t\u00fcrkischen Nachbarschaft verbreitet. Das kleine Wohnzimmer war voller Leute. Frauen hatten Baklava gebracht und Tee gekocht. Tr\u00f6stend redeten sie auf Fatimas Mutter ein, w\u00e4hrend der Vater seine Gebetskette durch die H\u00e4nde gleiten lie\u00df und vor sich hinbr\u00fctete.<br \/>\nAls die junge Kommissarin eintrat, verstummten alle Gespr\u00e4che. Auch die Frauen h\u00f6rten auf zu reden und schauten sie an. Behutsam ging sie zu dem trauernden Vater, beugte ihre Stirn respektvoll in Richtung seiner H\u00e4nde und dr\u00fcckte noch einmal ihr Beileid aus. Er nickte stumm, ein Patriarch, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt und gewohnt, dass seine Familie ihm gehorchte und ihm Ehrerbietung zeigte. Versteinert in seinem Schmerz. Was w\u00e4re aus mir geworden, wenn ich einen Vater gehabt h\u00e4tte wie ihn, dachte Saadet.<br \/>\nDie Kommissarin bat um ein Gespr\u00e4ch unter vier Augen. Herr \u00d6zmir nickte und stand auf. Er f\u00fchrte sie durch einen Korridor in den Raum, den Fatima mit ihrer kleinen Schwester teilte. Im Flur warf Saadet einen Blick in ein halb offenes Zimmer, aus dem das Geratter von Flakgesch\u00fctzen dr\u00f6hnte. Der j\u00fcngere Bruder sa\u00df vor einem flimmernden Computerschirm, seine H\u00e4nde glitten fieberhaft \u00fcber die Tasten. Hatte G\u00f6kan sich schon abgesetzt? Hatte ihr Kollege Recht?<br \/>\nAn der Wand in Fatimas Zimmer hingen Fotografien. Saadet trat n\u00e4her und betrachtete eins der Bilder, auf dem ein dunkelhaariges junges M\u00e4dchen zu sehen war, das Haar bedeckt mit einem bunten Kopftuch, die zierliche Gestalt in einen langen Mantel geh\u00fcllt, ein junger Mann linkisch neben ihr.<br \/>\n\u201eIst das Fatima, Herr \u00d6zmir?\u201c<br \/>\n\u201eJa. Letztes Jahr in T\u00fcrkei. Verlobter von Fatima.\u201c<br \/>\n\u201eAber Fatima war erst 17!\u201c<br \/>\n\u201eJa, n\u00e4chstes Jahr Hochzeit. Familie einverstanden.\u201c<br \/>\n\u201eWar Fatima einverstanden?\u201c<br \/>\nHerr \u00d6zmir blickte sie erstaunt an. \u201eNat\u00fcrlich, Familien haben beschlossen.\u201c<br \/>\n\u201eIst Fatima nie mit ihren deutschen Schulkameradinnen ausgegangen? War sie nachmittags und abends immer zu Hause?\u201c Eingesperrt, dachte Saadet, schluckte aber das Wort hinunter.<br \/>\n\u201eImmer zu Hause\u201c, der Mann wurde ungeduldig. \u201eWir eine fromme Familie. T\u00f6chter gehorsam.\u201c<br \/>\nUnd was ist mit den S\u00f6hnen, dachte Saadet, sagte aber laut: \u201eIch m\u00f6chte noch kurz mit Mehmet sprechen.\u201c<br \/>\n\u201eDer nichts wei\u00df.\u201c<br \/>\n\u201eTrotzdem\u201c, Saadets Stimme lie\u00df keinen Widerspruch zu. Schweigend begleitete er die Kommissarin in Mehmets Zimmer.<br \/>\n\u201eAllein\u201c, sagte Saadet entschieden und Herr \u00d6zmir gehorchte nach kurzem Z\u00f6gern. Nachdr\u00fccklich schloss sie die T\u00fcr.<br \/>\nMehmet blickte angestrengt auf den Computerschirm, auf dem sich Soldaten in Panzerfahrzeugen eine erbitterte Schlacht lieferten. Ger\u00e4usche von Granaten und heranjagenden Tieffliegern. Er blickte nicht auf, schien versunken in sein Spiel.<br \/>\nEiner pl\u00f6tzlichen Eingebung folgend fragte die Kommissarin: \u201eUnd Fatima, konnte deine Schwester auch mit dem Computer umgehen?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, murmelte Mehmet. \u201eSie hat jeden Nachmittag davor gesessen. Meistens wollte sie chatten.\u201c Er blickte sich um. \u201eRaus durfte sie ja nicht.\u201c<br \/>\nUnd dann brach es aus ihm heraus. \u201eIch bin schuld, dass Fatima tot ist. Ich h\u00e4tte sie nicht gehen lassen d\u00fcrfen.\u201c Er schlug die H\u00e4nde vors Gesicht.<br \/>\n\u201eDu musst mit mir reden. Jetzt, sofort!\u201c, Saadet wirbelte seinen Drehstuhl herum, schaute ihm ins Gesicht. Er war ganz blass, die Augenlider ger\u00f6tet. \u201eHeraus mit der Sprache! Was wei\u00dft du?\u201c<br \/>\n\u201eFatima wollte sich gestern Abend mit einem Mann treffen. Sie haben gechattet. Seit Wochen. Er wollte sie kennen lernen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd dann?\u201c<br \/>\n\u201eErst hat sich Fatima geweigert, aber dann wollte sie ihn doch sehen. Sie ist gestern Abend aus meinem Fenster geklettert\u201c, sagte Mehmet und wischte sich mit dem Handr\u00fccken \u00fcber die Augen. \u201eIch habe das Fenster die ganze Nacht offen gelassen, aber sie ist nicht zur\u00fcckgekommen. Es ist meine Schuld!\u201c Der Junge senkte den Kopf. \u201eWerde ich verhaftet?\u201c<br \/>\n\u201eNein. Aber deinen Computer, den muss ich mitnehmen.\u201c Und als sie sein erschrockenes Gesicht sah:\u00a0 \u201cKeine Angst, du bekommst ihn zur\u00fcck.\u00a0 Aber er k\u00f6nnte hilfreich sein. Wer ist dein Provider?\u201c<br \/>\n\u201eFreenet. K\u00f6nnen Sie jetzt den M\u00f6rder finden?\u201c<br \/>\n\u201eIch nicht\u201c, gab Saadet zu, \u201caber unsere EDV-Experten k\u00f6nnen oft die Spur der Teilnehmer eines Chatrooms zur\u00fcckverfolgen. Die Betreiber m\u00fcssen Protokolle f\u00fchren. Auch Pseudonyme sind zu knacken.\u201c<\/p>\n<p>Und so war es auch. Eine Analyse der Computerspezialisten ergab, dass Fatima immer wieder mit demselben Mann gechattet hatte. Er hatte ihr Komplimente gemacht, wollte sie unbedingt kennen lernen. Anfangs hatte Fatima gez\u00f6gert, schlie\u00dflich aber doch in ein Treffen eingewilligt.<br \/>\nEs war nicht schwierig, den Mann ausfindig zu machen. Ein einschl\u00e4gig vorbestrafter Straft\u00e4ter, der wiederholt wegen sexueller Bel\u00e4stigung festgenommen worden war. Er hatte sich als Jurastudent ausgegeben und behauptet, er habe sich beim Anblick des Fotos unsterblich in Fatima verliebt. Er werde die Zwangsheirat verhindern.<br \/>\nDas hat er auch getan, dachte Saadet resigniert, aber nicht so, wie das unerfahrene junge M\u00e4dchen sich das vorgestellt hatte.<br \/>\nFatimas Leichnam wurde zur Bestattung in die T\u00fcrkei \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein pensionierter Finanzbeamter, der gegen halb sieben seinen schwarzen Labrador am menschenleeren Strand von Sankt Peter Ording spazieren f\u00fchrte, hatte die Polizeistation in T\u00f6nning alarmiert. Die Leiche lag im feuchten Sand zwischen den hohen Stelzen des hundertj\u00e4hrigen Pfahlbaus, auf dem sich die Sanit\u00e4ranlagen\u00a0\u00a0 befanden.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-844","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kurzkrimis"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/844","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=844"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/844\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":903,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/844\/revisions\/903"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=844"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=844"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=844"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}