{"id":826,"date":"2015-02-08T13:38:14","date_gmt":"2015-02-08T11:38:14","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=826"},"modified":"2015-08-25T13:45:58","modified_gmt":"2015-08-25T11:45:58","slug":"uberfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/uberfall\/","title":{"rendered":"\u00dcberfall"},"content":{"rendered":"<p>Wie sch\u00f6n ist es bei uns, denkt Marlene und r\u00e4kelt sich auf der Couch, w\u00e4hrend die im Feuer knisternden Eichenholzsparren eine wohlige W\u00e4rme verbreiten. Durch die gro\u00dfen Panoramascheiben sieht sie, dass es angefangen hat zu schneien, gro\u00dfe flauschige Flocken fallen aus einem bew\u00f6lkten Himmel, nur ganz im Osten funkeln ein paar Sterne. Der Garten liegt hell unter einer wei\u00dfen Decke, die alle Ger\u00e4usche d\u00e4mmt. Ein leichter Wind spielt mit den Zweigen der Tannen, wirbelt die helle Last in die Luft. Ob das Vogelfutter noch reicht?<!--more--><br \/>\n\u00bbHast du die Alarmanlage angeschaltet, Helge?\u00ab, fragt sie ihren Mann, der vor dem Fernseher hockt und lautstark das Spiel Werder-Bremen gegen Schalke 04 kommentiert, doch statt einer Antwort winkt er nur ungeduldig mit der Hand, pst, soll das wohl hei\u00dfen, und sie vertieft sich wieder in ihr Buch. Sie hat sich vorgenommen, ihn nicht andauernd zu kontrollieren, ihre \u00c4ngste zu unterdr\u00fccken.<br \/>\nIn die Sofaecke gekuschelt, eine Decke \u00fcber ihre F\u00fc\u00dfe gebreitet, l\u00e4sst sie sich hineingleiten in das dramatische Leben der Romanfiguren. Nicht einmal der laute Ton des Fernsehers st\u00f6rt sie, sie schaut erst auf, als ihr Mann beim Schlusspfiff anf\u00e4ngt zu schimpfen.<br \/>\n\u00bbHelge, nun reg dich nicht auf!\u00ab, sagt sie freundlich und schiebt ihm den Rotwein hin\u00fcber. Lass uns noch ein Glas Wein trinken. N\u00e4chstes Mal gewinnt Werder bestimmt.<br \/>\nTess, die Labrador-H\u00fcndin, liegt vor dem Kamin und schnarcht leise vor sich hin. Sie ist ganz sch\u00f6n alt geworden, denkt Marlene. So wie wir. Sie h\u00f6rt schlecht und sieht nicht mehr gut, und der lange Spaziergang im Park bis hinunter zum Fluss hat sie angestrengt. Nun ist sie m\u00fcde und kaputt, genau wie Frauchen.<br \/>\n\u00bbLass uns bald schlafen gehen, Schatz\u00ab, sagt sie. \u00bbMorgen m\u00fcssen wir fit sein f\u00fcr die Kinder. Vielleicht k\u00f6nnen wir mit ihnen rodeln gehen.\u00ab<br \/>\nDas Schlafzimmer befindet sich im Obergeschoss, direkt daneben das helle Bad mit den toskanischen Fliesen. Es ist sp\u00e4t geworden. W\u00e4hrend Helge noch ein paar Seiten liest, um einschlafen zu k\u00f6nnen, hat Marlene sich an seinen R\u00fccken gel\u00f6ffelt, und schon bald h\u00f6rt er ihre ruhigen, tiefen Atemz\u00fcge und legt leise das Buch zur Seite.<\/p>\n<p>Mitten in der Nacht wird Marlene wach. War da ein Ger\u00e4usch? Sie knipst die Nachttischlampe an. Es hat aufgeh\u00f6rt zu schneien, der Wind ist heftiger geworden und die schwarzen \u00c4ste der Buchen knarzen im Wind, wie Krakenarme schlagen sie gegen die Hauswand. Da, noch einmal, etwas klirrt in der unteren Etage. Marlenes Puls beginnt zu rasen und sie richtet sich senkrecht im Bett auf, lauscht angestrengt. Wieso schl\u00e4gt der Hund nicht an? Leise quietschen Holzdielen, sie r\u00fcttelt ihren Mann wach.<br \/>\n\u00bbHelge, da ist wer! \u00bb<br \/>\nEr brummt nur und sie r\u00fcttelt heftiger.<br \/>\n\u00bbHelge, wach auf!\u00ab<br \/>\nLangsam kommt er zu sich. Lauscht.<br \/>\n\u00bbIch h\u00f6r nichts. Es ist der Wind. Das himmlische Kind\u00ab, versucht er Marlene zu beschwichtigen, w\u00e4lzt sich aber dann st\u00f6hnend aus dem Bett, zieht seinen Bademantel \u00fcber, angelt nach den Filzlatschen, nimmt die Taschenlampe vom Nachtschr\u00e4nkchen, \u00f6ffnet die Schlafzimmert\u00fcr.<br \/>\n\u00bbSei blo\u00df vorsichtig\u00ab, sagt sie.<br \/>\nEr zuckt die Schultern und beginnt, die Treppe hinabzusteigen, gefolgt von seiner Frau. Von unten kommen ihnen zwei dunkle Gestalten entgegen, Typen wie aus einem Freitagabendkrimi: Kapuzenpullover, schwarze, tief ins Gesicht geschobene Wollm\u00fctzen, Baseballschl\u00e4ger in der Hand. Die Alarmanlage war wohl doch nicht angestellt, denkt Marlene. Dann sieht sie im Flur Tess mit zertr\u00fcmmertem Sch\u00e4del in einer Blutlache liegen.<br \/>\nBeim Schein der Taschenlampe werden sie ins Wohnzimmer gesto\u00dfen, auf einen Stuhl gezwungen und festgebunden, die Stricke schneiden ins Handgelenk.<br \/>\n\u00bbNicht schreien!\u00ab, droht der Gr\u00f6\u00dfere, \u00bbsonst\u2026\u00ab, und er macht eine unmissverst\u00e4ndliche Bewegung mit der Hand. \u00bbWo ist der Tresor?\u00ab<br \/>\n\u00bbEs gibt keinen Tresor\u00ab, sagt Marlene und wei\u00df im selben Moment, dass man ihr das nicht glauben wird, aber sie haben in der Tat Schmuck und Wertpapiere im Bankfach. Der Kleinere z\u00f6gert, setzt ein Messer an die Kehle des alten Mannes.<br \/>\n\u00bbWirklich nicht. Wir haben keinen Tresor.\u00ab Sie schluchzt. \u00bbAber wir haben Bargeld in der K\u00fcchenschublade, im braunen Portemonnaie.&#8220;<br \/>\nEiner der Einbrecher geht in die K\u00fcche, kommt mit einer Geldb\u00f6rse zur\u00fcck, rei\u00dft sie auf und wirft sie angewidert zu Boden. Nur ein paar Scheine, das wei\u00df sie. Sie wollte morgen gleich zur Bank. Meine G\u00fcte, was jetzt? Sie hat noch eine teure Perlenkette im Haus und zwei goldene Ohrringe. Die kann sie anbieten.<br \/>\n\u00bbSchei\u00dfe\u00ab, sagt der Gro\u00dfe. Sie merkt erst jetzt, dass er lispelt. Wie alt mag er sein, 17, vielleicht 18? Er sieht gro\u00df und stark aus, hat sehr blaue Augen und helle Haut, eindeutig kein Ausl\u00e4nder. Der andere wirkt j\u00fcnger, unsicherer. Seine Augen flackern hektisch, die Pupillen stecknadelgro\u00df. Ein Junkie?<br \/>\n\u00bbLass uns abhauen\u00ab, sagt er. \u00bbHier gibt es nichts zu holen.\u00ab<br \/>\nDer andere ist stocksauer, st\u00f6\u00dft einen Fluch aus. Marlene schaut zu ihrem Mann. Er ist leichenblass und keucht. Geht es ihm nicht gut. Sein Herz? Sie f\u00e4ngt an zu schreien. Ein Lappen wird ihr in den Mund gestopft. Tapeband verhindert, dass sie den Knebel wieder ausspucken kann. Helge wirkt v\u00f6llig apathisch, wehrt sich \u00fcberhaupt nicht, h\u00e4ngt kraftlos in seinem Stuhl.<br \/>\nDie Einbrecher gehen zur T\u00fcr. Der Kleine z\u00f6gert, kommt zur\u00fcck. Geht an die Hausbar und schiebt ein paar Flaschen unter seine Kapuzenjacke, rennt zur T\u00fcr.<\/p>\n<p>Das Rentnerehepaar wird am n\u00e4chsten Morgen von seiner Haushaltshilfe gefunden. Die beiden alten Leute sitzen auf ihren St\u00fchlen. Die Frau starr vor Angst und K\u00e4lte, der Mann neben ihr ist v\u00f6llig in sich zusammengesackt. Unnat\u00fcrlich still. Herzinfarkt, stellt der herbeigerufene Notarzt fest.<br \/>\nDie T\u00e4ter werden wenig sp\u00e4ter gefasst und vor Gericht gestellt. Beschaffungskriminalit\u00e4t. Zwei im Ortsteil ans\u00e4ssige Junkies.\u00a0 Die Alarmanlage war ausgeschaltet, die Kellert\u00fcr zum Garten nicht gesichert. Gr\u00f6\u00dfere Wertgegenst\u00e4nde wurden nicht gestohlen. Es habe auch keine T\u00f6tungsabsicht vorgelegen, befindet der Richter. Die Angeklagten h\u00e4tten ja nicht wissen k\u00f6nnen, dass der alte Mann herzkrank war. Wegen des jugendlichen Alters bekommen die T\u00e4ter zwei Jahre auf Bew\u00e4hrung, falls sie einem Drogenentzug zustimmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sch\u00f6n ist es bei uns, denkt Marlene und r\u00e4kelt sich auf der Couch, w\u00e4hrend die im Feuer knisternden Eichenholzsparren eine wohlige W\u00e4rme verbreiten. Durch die gro\u00dfen Panoramascheiben sieht sie, dass es angefangen hat zu schneien, gro\u00dfe flauschige Flocken fallen aus einem bew\u00f6lkten Himmel, nur ganz im Osten funkeln ein paar Sterne. 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