{"id":82,"date":"2010-08-06T11:06:58","date_gmt":"2010-08-06T09:06:58","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=82"},"modified":"2016-01-17T20:15:03","modified_gmt":"2016-01-17T18:15:03","slug":"der-tag-der-alles-veranderte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/der-tag-der-alles-veranderte\/","title":{"rendered":"Der Anruf"},"content":{"rendered":"<p><!-- [if gte mso 9]><xml> <w:WordDocument> <w:View>Normal<\/w:View> <w:Zoom>0<\/w:Zoom> <w:HyphenationZone>21<\/w:HyphenationZone> <w:Compatibility> <w:BreakWrappedTables \/> <w:SnapToGridInCell \/> <w:WrapTextWithPunct \/> <w:UseAsianBreakRules \/> <\/w:Compatibility> <w:BrowserLevel>MicrosoftInternetExplorer4<\/w:BrowserLevel> <\/w:WordDocument> <\/xml><![endif]--> <!-- [if gte mso 10]>\n<mce:style><!   \/* Style Definitions *\/  table.MsoNormalTable \t{mso-style-name:\"Normale Tabelle\"; \tmso-tstyle-rowband-size:0; \tmso-tstyle-colband-size:0; \tmso-style-noshow:yes; \tmso-style-parent:\"\"; \tmso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt; \tmso-para-margin:0cm; \tmso-para-margin-bottom:.0001pt; \tmso-pagination:widow-orphan; \tfont-size:10.0pt; \tfont-family:\"Times New Roman\";} --><\/p>\n<p><!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\"><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?attachment_id=309\" rel=\"attachment wp-att-309\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-309\" title=\"Altes Telefon\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/fotolia_46624629_xs-150x150.jpg\" alt=\"Altes Telefon\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Magdalena hatte gerade den Kofferraumdeckel zugeknallt und bewegte sich Einkaufstaschen schleppend Richtung Haust\u00fcr, als das Telefon anfing zu l\u00e4uten. Hektisch lie\u00df sie die T\u00fcten auf der Eingangsstufe fallen, suchte in ihrer Handtasche nach dem Haust\u00fcrschl\u00fcssel, fand ihn nicht, \u00e4rgerte sich, schrie &#8222;Harald, Telefon!&#8220; und wusste doch ganz genau, dass ihr lieber Mann sicher im Garten hingegeben ein Beet umgrub oder Pflanzen w\u00e4sserte und sich nicht, aber auch gar nicht f\u00fcr das Klingeln des Telefons interessierte.<!--more--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Da war der Haust\u00fcrschl\u00fcssel, nat\u00fcrlich nicht in der Handtasche, sondern in der rechten Jackentasche unter dem Einkaufszettel und den Hustenbonbons. Das Telefon hatte aufgeh\u00f6rt zu l\u00e4uten.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Mit ihren 60 Jahren war Magdalena immer noch eine aktive, fixe Frau, die ihr Leben und das ihres Mannes gut im Griff hatte. Harald war ein paar Jahre \u00e4lter als sie und hatte sich vor zwei Jahren aus seiner Anwaltspraxis zur\u00fcckgezogen, um sich in Ruhe seinen Hobbies zu widmen, die lange zu kurz gekommen waren. Er malte, h\u00f6rte Musik und arbeitete mit Begeisterung im Garten. Magdalena hatte anfangs Bedenken gehabt, aber Harald war der zufriedenste Rentner, den man sich vorstellen konnte. Entgegen aller Unkenrufe ihrer erfahrenen Freundinnen hatte er nicht angefangen, den Keller zu fliesen odert die Gew\u00fcrze in ihrer K\u00fcche alphabetisch zu ordnen. Sie machte sich bereits Gedanken, wie sie ihre freie Zeit f\u00fcllen w\u00fcrde, wenn sie nun am Ende des Schuljahres in Altersteilzeit ging. Reisen als Lebensinhalt, das w\u00fcrde Harald nur bedingt mitmachen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Er war in letzter Zeit \u00fcberhaupt sehr h\u00e4uslich. Wollte auch abends wenig weg. Er sei m\u00fcde, hatte er immer wieder gesagt und Magdalena hatte sich achselzuckend \u00fcber ihre Korrekturen gebeugt. Aber im Sommer wollten sie in die USA, den einzigen Sohn besuchen und die zuk\u00fcnftige Schwiegertochter kennenlernen, da w\u00fcrde sie keine Entschuldigung gelten lassen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Magdalena musste l\u00e4cheln, als sie auf die Terrasse trat, um Harald auszuschimpfen, weil er nicht ans Telefon gegangen war. Er baute im Garten einen Teich. Mit Hingabe. Er kleidete gerade die Grube mit schwarzer Folie aus, ganz ordentlich, ganz konzentriert, die Zungenspitze zwischen den Z\u00e4hnen. Er ist d\u00fcnner geworden, dachte sie, ist fast so schlank wie fr\u00fcher. Er sieht wirklich noch gut aus mit seinen fast siebzig, so ohne Bauch. Harald sah hoch und sie freute sich \u00fcber das Strahlen, das \u00fcber sein Gesicht huschte, als sie auf ihn zuging.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Warum bist du nicht ans Telefon gegangen?&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Was?&#8220; Er sah sie verst\u00e4ndnislos an. &#8222;Ich habe nichts geh\u00f6rt.&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Nat\u00fcrlich nicht!&#8220; Magdalena fuhr ihm mit dem Zeigefinger \u00fcber seine schmutzige Stirn. War es eigentlich normal, so zu schwitzen? Hier drau\u00dfen schien eine warme M\u00e4rzsonne, doch der Wind war noch recht k\u00fchl. Aber er hatte ja auch schwer gearbeitet. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Da klingelte es wieder. Er schaute sie fragend an. Sie lachte: &#8222;Lass mal!&#8220; Sie hechtete ins Haus.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Lyander.&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Sie horchte in den H\u00f6rer.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Ja, mein Mann ist da. Einen Moment bitte.&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Sie ging zur Terrassent\u00fcr. &#8222;Harald. F\u00fcr dich. Praxis Dr. Wagner.&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Sie zeigte aufs Telefon. Er kam widerwillig. Wischte sich die schmutzigen H\u00e4nde an der Hose ab. Nahm den H\u00f6rer. Wurde blass.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Ja, selbstverst\u00e4ndlich. Ich verstehe. Ja, ich habe Zeit. Heute Nachmittag um 17 Uhr.\u00a0 Selbstverst\u00e4ndlich. Danke.&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Was ist los, Harald?&#8220; Sie merkte, wie ihr Puls sich beschleunigte und zwang sich, ruhig durchzuatmen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Gar nichts, Magda. Nur die Ergebnisse der Vorsorgeuntersuchung.&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Warum musst du heute Nachmittag zum Gespr\u00e4ch? Was sagt der Arzt? Wie sind die Ergebnisse?&#8220; Ihre Stimme wurde schriller.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Er blieb ruhig, streichelte ihren Nacken, k\u00fcsste ihren Haaransatz.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Meine kleine Katastrophen-Magda. Nun komm mal auf den Teppich. Schlie\u00dflich macht man Vorsorgeuntersuchungen, damit Probleme rechtzeitig erkannt werden.&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Prostatakrebs? &#8220;\u00a0 Sie war ganz blass<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Er verdrehte die Augen und streckte die offenen Handfl\u00e4chen gen Himmel. &#8222;Ja, zum Beispiel.&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Ich komme auf jeden Fall mit heute Nachmittag&#8220;, sagte sie und sah zu ihrer Beunruhigung, dass er nicht widersprach.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">&#8222;Ihr Blutbild ist katastrophal&#8220;, sagte der Arzt sp\u00e4ter, schaute Magdalena an und schob Harald ein Blatt \u00fcber den Mahagoni-Schreibtisch. Wir m\u00fcssen dringend noch ein paar Tests machen. Ich schlage vor, Sie gehen sofort ins Krankenhaus. Die \u00dcberweisung ist fertig.&#8220;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Magdalena fuhr ihn am n\u00e4chsten Morgen in die Klinik. Sie hatte seine Tasche sorgf\u00e4ltig gepackt, nichts vergessen. Auf dem Weg versuchte sie, Zuversicht auszustrahlen. &#8222;Andere haben es auch geschafft.&#8220; Er h\u00f6rte zu, l\u00e4chelte, streichelte ihren Arm. Sie k\u00e4mpfte mit den Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Den Zuschlag f\u00fcr das Einzelzimmer bezahlte sie gerne. Der Raum war hell und freundlich. Der Operation stimmte er zu, aber die nachfolgende Chemotherapie, die die \u00c4rzte zur Sicherheit anordneten, schlauchte ihn k\u00f6rperlich so sehr, dass er die weitere Behandlung abbrach.<br \/>\n&#8222;Die meisten Menschen sterben an den Folgen der Chemo, nicht am Tumor&#8220;, behauptete er und Magdalena achtete ihn zu sehr, um ihn umzustimmen. Er wollte niemanden sehen, nur Magdalena sollte kommen, jeden Tag.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Sie nahm die letzten Pr\u00fcfungen ab, lie\u00df sich f\u00fcr den Rest des Schuljahres beurlauben, sa\u00df stundenlang an seinem Bett, las ihm vor, hielt seine Hand. Der Krebs war aggressiv, hatte gestreut, lebensverl\u00e4ngernde Ma\u00dfnahmen wollte er nicht. Sie sorgte daf\u00fcr, dass er gen\u00fcgend Morphium bekam. Er starb, als sie f\u00fcr einen Augenblick sein Zimmer verlassen hatte.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"line-height: 150%;\">Sie hatten noch so viel vor.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: center; line-height: 150%;\" align=\"center\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Magdalena hatte gerade den Kofferraumdeckel zugeknallt und bewegte sich Einkaufstaschen schleppend Richtung Haust\u00fcr, als das Telefon anfing zu l\u00e4uten. 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