{"id":819,"date":"2015-01-27T17:36:25","date_gmt":"2015-01-27T15:36:25","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=819"},"modified":"2016-05-15T12:30:52","modified_gmt":"2016-05-15T10:30:52","slug":"und-darum-wird-beim-happy-end-im-film-jewohnlich-abjeblendt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/und-darum-wird-beim-happy-end-im-film-jewohnlich-abjeblendt\/","title":{"rendered":"Und darum wird beim happy end im Film jew\u00f6hnlich abjeblendt."},"content":{"rendered":"<p>Und darum wird beim happy end im Film jew\u00f6hnlich abjeblendt. (Tucholsky)<\/p>\n<p>Sie h\u00f6rt, wie sich die T\u00fcr langsam \u00f6ffnet. Erschrocken zieht sie die Decke \u00fcber den Kopf. Bitte, bitte nicht, wimmert sie in sich hinein. Lieber Gott, hilf mir. Aber die T\u00fcr \u00f6ffnet sich weiter. Ihr Vater kommt leise ins Zimmer. Bis sp\u00e4t in die Nacht hat sie die Eltern streiten h\u00f6ren. Die schrille vorwurfsvolle Stimme der Mutter, die dunklen, lallenden Worte des Vaters. Seine Entschuldigungen, seine Versprechungen. Und nun sucht er wieder Trost bei ihr. Sie riecht den Alkoholatem, als er sich an sie schmiegt. Darf sie ihn im Stich lassen, jetzt, wo es ihm so schlecht geht? Sie versucht, von ihm wegzurollen, aber er h\u00e4lt sie fest. Nicht bewegen, sagt sie sich, ruhig atmen, er wird gleich einschlafen. Sie schiebt die Hand weg, die sich zwischen ihre Beine gelegt hat.<!--more--><\/p>\n<p>Verena schreckt aus dem Schlaf auf. Ihr Puls h\u00e4mmert, sie hat das Gef\u00fchl, keine Luft zu bekommen.<br \/>\n&#8222;Was ist, Liebling?&#8220; Wilfried r\u00fcckt von ihr ab, richtet sich auf,\u00a0 macht das Licht an. &#8222;Hast du wieder so schlimm getr\u00e4umt?&#8220;<br \/>\nBeruhigend streckt er die Hand aus und versucht, sie zu streicheln. Ihr K\u00f6rper zieht sich zusammen, erstarrt, geht auf Abwehr. Er zieht die Hand zur\u00fcck, verletzt. \u00bbSo geht es nicht weiter\u00ab, murmelt er und rollt sich an die Wand. \u00bbWir m\u00fcssen uns Hilfe suchen.\u00ab<\/p>\n<p>Verena kommt am n\u00e4chsten Morgen sehr sp\u00e4t zum Fr\u00fchst\u00fcck hinunter, Wilfried ist nirgendwo zu sehen. Der Fr\u00fchst\u00fcckstisch ist &#8211; wie immer &#8211; liebevoll gedeckt: M\u00fcsli, klein geschnittene Obstschnitzel, Brot, Butter, die selbst gemachte Himbeermarmelade, alles steht bereit. In der Kaffeemaschine brodelt der Kaffee. Verena reibt sich \u00fcber die verquollenen, dunklen Augen, streicht mit einer Hand durch ihr wirres, braunes Haar und gie\u00dft sich einen Becher Kaffee ein. Er wird joggen gegangen sein, das tut er immer, wenn er sich abreagieren muss. Sie hat ihm nicht versprochen, dass es leicht werden wird, wenn sie nach den vielen Jahren zusammenziehen. Zum ersten Mal in eine gemeinsame Wohnung. Es war sein Wunsch, sie h\u00e4tte nicht nachgeben sollen.<br \/>\nVerena zieht die schmale Schublade im K\u00fcchenblock unterhalb des K\u00fchlschranks auf. Sie w\u00fchlt zwischen den Papieren und Schl\u00fcsseln, schiebt die Scheckkarte beiseite, den Bibliotheksausweis und auch die vier 50-Euro-Scheine, die sie nicht in ihrem Portemonnaie mit herumschleppen will, und dann h\u00e4lt sie den Brief in H\u00e4nden. Den Brief, der vor zwei Jahren ihr ruhig dahinpl\u00e4tscherndes Leben durcheinandergebracht hatte. Sie kann sich genau erinnern.<br \/>\nEr war mit der Post gekommen. Die Adresse mit Schreibmaschine geschrieben. Kein Absender. Werbung, dachte sie spontan. Weg damit ins Altpapier. Aber die Neugierde \u00fcberwog. Sie riss den Umschlag auf, erkannte die Unterschrift und schloss f\u00fcr einen Moment die Augen. Sollte sie den Text \u00fcberhaupt lesen? Es war alles so lange her. Sie setzte sich auf den K\u00fcchenstuhl, legte das Blatt mit den energischen, schr\u00e4g nach rechts zeigenden Buchstaben vor sich auf den Tisch, nahm die Lesebrille vom Zeitungsstapel.<\/p>\n<p>Liebe Verena,<br \/>\nwenn du diese Zeilen liest, hast du meinen Brief wenigstens nicht zerrissen. Ich habe \u00fcberlegt, ob ich meinen Absender auf der R\u00fcckseite angeben soll, mich dagegen entschieden. Ich hatte Angst, du w\u00fcrdest den Brief sofort in den M\u00fclleimer werfen.<br \/>\nIch habe deine Adresse im Internet gefunden. Du tr\u00e4gst immer noch denselben Namen, den Namen deines Exmannes. Hast du nie wieder geheiratet? Entschuldigung, ich wei\u00df, ich bin nicht berechtigt, dir diese Frage zu stellen. Ich bin der Letzte, der dich nach deinem Privatleben fragen darf.<br \/>\nDeine Entt\u00e4uschung, Verzweiflung und Wut damals konnte und kann ich verstehen. Die Tatsache, dass ich meine Frau nicht verlassen wollte, obwohl du von mir ein Kind erwartetest, hast du mir nicht verziehen. Ich bin ein Mann, der seine schwangere Freundin im Stich gelassen hat. Trotz aller Liebesschw\u00fcre.<br \/>\nJa, Verena, du warst die Liebe meines Lebens. Und trotzdem &#8211; ich konnte Renate nicht verlassen. Es ging einfach nicht. Die Argumente kennst du alle: mein konservatives Elternhaus, Renates labiler Gesundheitszustand, meine finanzielle Abh\u00e4ngigkeit, die d\u00f6rfliche Enge, der gemeinsame Freundeskreis. Du hast nichts gelten lassen.<br \/>\nDu warst\u00a0 auf einmal verschwunden, spurlos verschwunden. Auch von deinen Freundinnen konnte ich die Adresse nicht erfahren. Ich solle dich in Ruhe lassen, stand auf dem Zettel, den du mir geschrieben hast. Julia sei dein Kind, ganz allein dein Kind. Sie br\u00e4uchte keinen Vater wie mich. Ich habe deinen Willen respektiert, was blieb mir auch anderes \u00fcbrig? Sogar die monatliche Unterhaltszahlung kam zur\u00fcck.<br \/>\nEs ist so viel Zeit vergangen seitdem, und ich hoffe, dass es dir und unserer Tochter gut geht. Meine Ehe war eine Katastrophe, war sie immer. Ich bin nicht aus Liebe bei Renate geblieben, sondern aus Pflichtgef\u00fchl. Ich hatte Angst, sie w\u00fcrde sich etwas antun. Vielleicht hattest du ja Recht. Ich war und bin ein Feigling, der Konflikten aus dem Weg geht.<br \/>\nSeit einem Jahr bin ich pensioniert, Renate ist vor sechs Monaten gestorben. Keine Angst, ich will nichts von dir. Du bist und warst nie zweite Wahl! Aber ich besitze ein sch\u00f6nes Haus mit einem gro\u00dfen Grundst\u00fcck, und das m\u00f6chte ich unserer Tochter vermachen, wenn sterbe. Renate und ich, wir hatten keine Kinder. Es gibt Nichten und Neffen, gewiss, aber ist nicht unsere Tochter Julia die einzig rechtm\u00e4\u00dfige Erbin? Sie hat Anspruch auf das Verm\u00f6gen ihres Vaters, auch wenn er sich nicht um sie gek\u00fcmmert hat. Eine Art versp\u00e4tete Wiedergutmachung, wirst du denken. Vielleicht ist es so. Aber unsere Tochter ist mittlerweile erwachsen. Lass sie selbst entscheiden. Mach es ihr bitte nicht zu schwer. Du brauchst mich nicht wiederzusehen, wenn du nicht willst, aber lass mich Kontakt zu unserer Tochter aufnehmen. Bitte, sprich mit ihr.<\/p>\n<p>Ich hoffe, es geht dir gut.<br \/>\nWilfried<\/p>\n<p>Verena gie\u00dft sich noch einen Becher Kaffee ein. Hunger hat sie keinen, das macht aber nichts, sie ist sowieso zu dick. Jetzt mit Ende f\u00fcnfzig scheint sich jede Kalorie in ihrem K\u00f6rper festzusetzen. Er m\u00f6ge pummelige Frauen, sagt Wilfried, die s\u00e4hen j\u00fcnger aus, h\u00e4tten weniger Falten. Aber neben seinem drahtigen durchtrainierten K\u00f6rper kommt sie sich plump und ungeschickt vor. Sie schlie\u00dft die Augen. Bilder tauchen auf.<\/p>\n<p>Der alkoholkranke Vater, der immer wieder Trost bei seiner kleinen Tochter suchte. Nein, er hatte sie nicht vergewaltigt, aber Missbrauch war es trotzdem, was er mit dem kleinen M\u00e4dchen getrieben hatte, um sein Bed\u00fcrfnis nach Z\u00e4rtlichkeit und N\u00e4he auszuleben.\u00a0 Die Scheidung der Eltern und der fr\u00fche Tod des Vaters, die Jahre mit einer verbitterten Mutter, deren Depression sich wie eine erstickende Decke \u00fcber die Tochter legte und ihr die Luft zum Atmen nahm, hatten sie gepr\u00e4gt, das hatte sie erst sp\u00e4ter in der Therapie begriffen. Gerade mal neunzehn war sie, als sie sich in Heiners Arm fl\u00fcchtete.<br \/>\nHeiner, der edle Ritter, der die gefangene Prinzessin befreite. Der M\u00e4rchenprinz. Den lustigen Tausendsassa Heiner hatte Verena in der Disco kennen gelernt, mit ihm erschien das Leben leicht, seinen regelm\u00e4\u00dfigen Alkoholkonsum \u00fcbersah sie. Sp\u00e4ter der Streit, wenn er von seinen Sauftouren nachhause kam und sich im Bett \u00fcber sie hermachen wollte. Die Handgreiflichkeiten, seine Zerknirschung und die Tr\u00e4nen am n\u00e4chsten Morgen, die gebrochenen Versprechungen, eine vertraute Erfahrung aus ihrer Kindheit. Sie glaubte, Heiner \u00e4ndern zu k\u00f6nnen und scheiterte, wie auch ihre Mutter gescheitert war.<br \/>\nEines Nachts hatten die Nachbarn die Polizei geholt, als der L\u00e4rm unertr\u00e4glich geworden war. Polizisten hatten die T\u00fcr aufgebrochen. Verena hatte zusammengekauert an der K\u00fcchenwand gehockt, die Arme sch\u00fctzend \u00fcber dem Kopf. Heiner hatte sie zusammengeschlagen, als sie ihm sagte, sie wolle gehen. \u00bbHure!\u00ab, hatte er geschrien. \u00bbDu haust nicht ab. Du geh\u00f6rst mir!\u00ab<br \/>\nMit ein paar Schritten war der gro\u00dfe, schlanke Polizeibeamte bei Heiner gewesen, hatte ihn \u00fcberw\u00e4ltigt, aus der Wohnung bugsiert, um ihn in eine Ausn\u00fcchterungszelle zu bringen. \u00bbK\u00f6nnen wir noch etwas f\u00fcr Sie tun?\u00ab, hatte er gefragt, und seine blauen Augen hatten sie ernst und besorgt angesehen. \u00bbSind Sie verletzt? Sollen wir Sie ins Krankenhaus bringen?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, es geht schon\u00bb, hatte sie gefl\u00fcstert.\u00abIch gehe zu meiner Mutter.\u00bb Was nat\u00fcrlich auch keine L\u00f6sung war, wie sie nach ein paar Tagen feststellte, als sie das Gejammer der \u00e4lteren Frau nicht mehr aushielt.<br \/>\nSie suchte sich eine eigene Wohnung, hinter Heiners R\u00fccken, der immerhin durch die n\u00e4chtlichen Ereignisse so geschockt war, dass er f\u00fcr ein paar Wochen trocken blieb und verzweifelt um sie warb. Diesmal wiederholte sie nicht den Fehler ihrer Mutter. Sie blieb hart. Erstattete Anzeige wegen K\u00f6rperverletzung und wiederholter Vergewaltigung. Vor Gericht sah sie den Polizeibeamten wieder als Zeugen des n\u00e4chtlichen Vorfalls. Er begleitete sie nach der Verhandlung nach Hause.<br \/>\nWilfried war f\u00fcrsorglich gewesen, behutsam in seinem Werben um sie. So ganz anders als Heiner. Es machte ihr nichts aus, dass er verheiratet war. Ungl\u00fccklich verheiratet, wie er sagte. Aber das sagten ja alle treulosen Ehem\u00e4nner. Verena war das egal. Sie wollte sowieso keine feste Beziehung mehr, kein Zusammenleben in engen vier W\u00e4nden. Es reichte ihr, ihn ab und zu sehen, wenn sein Dienstplan ihm ein Alibi verschaffen konnte. Sie gingen nicht viel aus, Wilfried f\u00fcrchtete erkannt zu werden, und Verena genoss dieses Zusammensein ohne Stress, ohne Anspr\u00fcche. Noch nie war sie einem so umsichtigen Mann begegnet. Einem Mann, der ihre Grenzen achtete, der R\u00fccksicht nahm. Der Sex mit ihm war z\u00e4rtlich und leicht, fern von Gewalt und Ekel. Kein Rausch, in dem sie alles verga\u00df, sondern ein k\u00f6rperliches Zusammensein, das ihr gut tat, sie befriedigte, sie st\u00e4rkte f\u00fcr den Alltag. Ein Gyn\u00e4kologe hatte ihr schon vor Jahren gesagt, sie k\u00f6nne keine Kinder bekommen, beide Eileiter seien verklebt, und so mussten sie noch nicht einmal verh\u00fcten. Es machte ihr nichts aus, dass Wilfried nicht von Scheidung redete. Seine Frau wurde nie erw\u00e4hnt, so als existiere sie gar nicht. Nat\u00fcrlich war Verena oft allein, doch die kurzen Reisen, die sie sich erm\u00f6glichten, die heimliche, gestohlene Zeit waren ihr genug. Wenn Wilfried kam, machte sie sich sch\u00f6n f\u00fcr ihn, kochte ein Essen, war gl\u00fccklich in den Stunden mit ihm. \u00dcber die Zukunft sprachen sie nicht.<\/p>\n<p>Doch dann geschah etwas, womit beide nicht gerechnet hatten. Verena wurde schwanger. Als der Gyn\u00e4kologe, den sie wegen unklarer Unterleibsbeschwerden aufgesucht hatte, sagte, sie sei in der zehnten Woche, zog es ihr den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weg.<br \/>\n\u00abSind Sie sicher?\u00ab Ihre Stimme war zittrig. \u00bbEin Frauenarzt hat mir vor ein paar Jahren gesagt, ich k\u00f6nne keine Kinder bekommen.\u00ab Der Doktor lachte, t\u00e4tschelte ihr v\u00e4terlich die Schulter und sagte: \u00bbDa hat sich der Kollege aber b\u00f6s geirrt. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch. Wird ja auch Zeit, Sie sind bald drei\u00dfig und eine gesunde, junge Frau.\u00ab Doch dann stutzte er, schaute auf ihre H\u00e4nde. \u00bbSie sind nicht verheiratet?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, geschieden\u00ab, murmelte Verena. \u00bbMhmm\u00ab, machte der Arzt. \u00bbWenn Sie Hilfe brauchen.\u00ab<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, sagte Verena schnell. \u00bbIch schaffe das schon\u00ab, zog sich in Windeseile an, raffte ihre Sachen zusammen und verlie\u00df fluchtartig das Untersuchungszimmer. \u00bbDas m\u00fcssen allein Sie entscheiden. Ich habe da eine Adresse\u00ab, rief er ihr nach. Sie wollte keine Adresse.<br \/>\nVerena steht vom Tisch auf, geht hinaus auf den kleinen Balkon, z\u00fcndet sich eine Zigarette an, die einzige des Tages. Unten im Park bl\u00fchen die Forsythien, auch die Narzissen auf dem Rasen haben die W\u00fchlm\u00e4use in diesem Jahr nicht angefressen. Die Apfelb\u00e4ume leuchten in ihrer wei\u00df-rosa Bl\u00fctenpracht.\u00a0 Wie damals nach dem Arztbesuch, als sie in die warme Fr\u00fchlingsluft hinausgetreten und durch den kleinen Stadtpark gewandert war. Auf einer Bank hatte sie sich eine Zigarette angez\u00fcndet, sie aber sofort ausgedr\u00fcckt, als sie an das neue Leben dachte, das in ihr heranwuchs. Eines wusste sie vom ersten Moment an ganz sicher, sie wollte dieses Kind bekommen. Egal, was Wilfried sagen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u00abEgal, was du sagst, ich werde dieses Kind bekommen\u00ab, sagte sie in Wilfrieds entsetztes Gesicht hinein. Und auch, als er ihr klarzumachen versuchte, dass er sich nicht von seiner Frau scheiden lassen k\u00f6nne, da diese labil und krank und selbstmordgef\u00e4hrdet sei, war sie nicht von ihrem Entschluss abzubringen. \u00bbDenkst du, er wird es sich anders \u00fcberlegen, wenn das Kind erst auf der Welt ist\u00ab, fragte eine Freundin. Verena zuckte die Achseln. \u00bbVielleicht. Aber ich komme auch allein zurecht.\u00ab Stark f\u00fchlte sie sich mit dem Kind im Bauch. Stark und mutig und unabh\u00e4ngig.<br \/>\nNat\u00fcrlich verging die Euphorie. Ihr Bauch wurde dicker, das Leben beschwerlicher. Wilfried zog sich immer mehr zur\u00fcck. \u00bbDu brauchst mich ja nicht\u00ab, sagte er. \u00bbDu triffst deine Entscheidungen ohne mich.\u00ab<br \/>\nIns Krankenhaus brachte er ihr einen riesigen Strau\u00df roter Rosen. Er nahm die kleine Tochter in die Arme. \u00bbIch werde f\u00fcr euch sorgen\u00ab, sagte er. \u00bbDarauf kannst du dich verlassen.\u00ab Er zahlte gro\u00dfz\u00fcgig. Verena konnte sich nicht beklagen. Und er kam, so oft es ihm m\u00f6glich war. Badete das Kind, wickelte es. Ein liebevoller Vater.<br \/>\nDann kam der Tag, der alles \u00e4ndern sollte. Verena war mit dem Baby im Kinderwagen im Stadtpark spazieren gegangen, und als das Baby schlief, schob sie den Wagen in ein Gartencaf\u00e9 am See, setzte sich an einen der runden wei\u00dfen Tische und bestellte sich einen Kaffee, genoss die Ruhe, blickte auf die sich silbrig kr\u00e4uselnden Wellen. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte sie seine Stimme, ruhig, dunkel, unverkennbar. Sie drehte sich um. Er sa\u00df an einem der Tische weiter hinten und unterhielt sich mit einem ihrer Kollegen aus der Stadtverwaltung. Es sa\u00dfen noch zwei Frauen am Tisch, sie wusste nicht, ob eine von ihnen Wilfrieds Frau war. Verena hatte er offensichtlich nicht wahrgenommen. Ihr war die Lust auf einen Kaffee vergangen. Sie legte das Geld auf die Untertasse, stand auf und fuhr den Kinderwagen mit dem schlafenden Baby direkt an seinem Tisch vorbei. Sie w\u00fcrde nicht einfach verschwinden, dachte sie. Der Arbeitskollege sah sie, sprang auf, begr\u00fc\u00dfte sie euphorisch, ein K\u00fcsschen rechts, ein K\u00fcsschen links und stellte sie einander vor. Sie sah Wilfrieds Anspannung, seine unruhigen Augen, seine zusammengekniffenen Lippen.<br \/>\n\u00bbWas f\u00fcr ein s\u00fc\u00dfes Baby\u00ab, sagte Wilfrieds Frau und beugte sich \u00fcber den Kinderwagen. \u00bbJunge oder M\u00e4dchen?\u00ab<br \/>\n\u00bbSie hei\u00dft Julia\u00ab, sagte Verena und blickte Wilfried an, der versteinert an ihr vorbei sah. \u00bbSie wacht gleich auf. Dann will sie ihr Fl\u00e4schchen haben.\u00ab Sie verabschiedete sich souver\u00e4n, w\u00fcrdigte Wilfried keines Blickes. Ihre Entscheidung war gefallen.<br \/>\nEine Bekannte hatte sie auf die Stellenanzeige aufmerksam gemacht. Aus Berlin. Gesucht wurde eine Verwaltungsangestellte im Familienministerium. Noch am Abend schickte sie ihre Bewerbung ab. Wilfried rief am n\u00e4chsten Tag an, sie weigerte sich, ihn zu sehen. Zwei Wochen sp\u00e4ter der Umzug nach Berlin. Sie hinterlie\u00df keine Adresse, seine Unterhaltszahlungen gingen an ihn zur\u00fcck. Sie hatte ihr Konto bei der Sparkasse gek\u00fcndigt.<br \/>\nNat\u00fcrlich war es nicht einfach in Berlin, aber es gab g\u00fcnstigen Wohnraum und Kitas mit vern\u00fcnftigen \u00d6ffnungszeiten. Allein erziehende M\u00fctter, die wie sie ihr Leben organisieren mussten, lernte sie schnell kennen. Die Frauen unterst\u00fctzten sich gegenseitig. Verena liebte die Gro\u00dfstadt mit ihren gr\u00fcnen Parks und Spielpl\u00e4tzen, die Radwege um die Seen, ihre Arbeit, das kulturelle Angebot der Hauptstadt. Sie lebte eine Freiheit, die sie nie vorher gehabt hatte. Ab und zu gab es einen Mann in ihrem Leben, aber mit keinem zog sie zusammen. Sie war oft gestresst, aber meistens zufrieden.<br \/>\nAls Julia \u00e4lter wurde und nicht mehr so viel Betreuung brauchte, ging sie nebenher zur Verwaltungshochschule und qualifizierte sich f\u00fcr eine besser bezahlte Stelle. Julia war ein unproblematisches, waches Kind, das in der Grundschulzeit \u00f6fter nach seinem Vater fragte, aber mit der Zeit ein m\u00e4nnliches Mitglied in der Familie nicht zu vermissen schien. Nach den \u00fcblichen Pubert\u00e4tsturbulenzen hatte Julia Abitur gemacht, Sprachen studiert und einen Kommilitonen geheiratet. Das erste Kind war unterwegs und Verena freute sich auf ihr Enkelkind.<br \/>\nDann kam Wilfrieds Brief. Und nat\u00fcrlich wollte Julia ihren Vater kennen lernen. Sie kam aufgew\u00fchlt und beeindruckt von dem ersten Treffen zur\u00fcck. \u00bbMama, er ist wirklich nett und er w\u00fcrde dich gerne wiedersehen\u00ab, sagte Julia. Nein, Verena wollte ihn nicht sehen. Auch nach so vielen Jahren nicht. Wie sich aber herausstellte, waren die b\u00fcrokratischen H\u00fcrden in der Erbangelegenheit besser zu bew\u00e4ltigen, wenn sie sich mit Wilfried zusammensetzte, um juristische Fragen zu kl\u00e4ren. Sie gab nach, Julia zuliebe. Und verliebte sich erneut in ihn.<\/p>\n<p>Verena geht ins Haus zur\u00fcck, schlie\u00dft die Terrassent\u00fcr. Sie beginnt, den Fr\u00fchst\u00fcckstisch abzur\u00e4umen. Es ist ihr freier Tag heute, sie will in Ruhe nachdenken und geht ins Badezimmer. Im hei\u00dfen Wasser kann sie sich am besten entspannen. Was hatte Wilfried in der Nacht gesagt? \u00bbWir m\u00fcssen uns Hilfe suchen.\u00ab Verena pr\u00fcft mit den Zehen das Wasser, zieht den Fu\u00df zur\u00fcck, l\u00e4sst kaltes Wasser nachlaufen, gleitet langsam und wohlig seufzend in die Wanne. Denkt er wirklich, eine Paarberatung k\u00f6nne ihnen helfen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und darum wird beim happy end im Film jew\u00f6hnlich abjeblendt. 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