{"id":812,"date":"2015-01-26T19:40:27","date_gmt":"2015-01-26T17:40:27","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=812"},"modified":"2017-01-03T18:28:58","modified_gmt":"2017-01-03T16:28:58","slug":"frau-mitschkes-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/frau-mitschkes-traum\/","title":{"rendered":"Frau Mitschkes Traum"},"content":{"rendered":"<p>Die Mitschkes waren in den letzten Kriegsjahren aus Schlesien geflohen. Sie waren fromme, flei\u00dfige Leute, die sich mit dem Geld vom Lastenausgleich einen kleinen Bauernhof im M\u00fcnsterland gekauft und ihrer einzigen Tochter fr\u00fch beigebracht hatten, dass ein anst\u00e4ndiges Leben nur derjenige f\u00fchren kann, der hart arbeitet und fr\u00fch aufsteht. Die K\u00fche mussten gemolken, die Schweine ins Freie gelassen, die H\u00fchner gef\u00fcttert werden. <!--more--><br \/>\nAls sie nach dem Tod der Eltern den kleinen Hof \u00fcbernahm, waren die Tiere &#8211; bis auf ein paar H\u00fchner, die frische Eier lieferten &#8211; l\u00e4ngst abgeschafft, der Betrieb auf Gem\u00fcseproduktion umgestellt worden. Sie belieferte die M\u00e4rkte in M\u00fcnster und in den Kreisst\u00e4dten der Umgebung mit frischem Obst und Gem\u00fcse, sowohl aus eigenem Anbau als auch zugekauft im Gro\u00dfmarkt.<br \/>\nUm vier Uhr morgens stand sie auf, trank einen hei\u00dfen Kaffee, biss in den Toast, band sich im Sommer ein rotes Tuch um den Kopf, zog im Winter die rote Wollm\u00fctze auf und st\u00fcrzte sich kurze Zeit sp\u00e4ter in das quirlige Leben des Gro\u00dfmarktes. \u00bbDa kommt das rasende Rotk\u00e4ppchen\u00ab, sagten die M\u00e4nnern, die ihren rasanten Fahrstil, mit dem sie den alten Minivan steuerte, halb bewunderten, halb f\u00fcrchteten.<br \/>\nMit den M\u00e4nnern hatte sie es nicht so. Sie sah durchaus propper aus, vielleicht ein wenig kurz geraten, aber mit den Rundungen da, wo sie sein sollten, und mit einem offenen, freundlichen Gesicht, schelmischen Augen und einem Mund, der sich schlagfertig\u00a0 zu wehren wusste.<br \/>\nZwei- oder dreimal hatte sie es mit einer ernsthafteren Beziehung versucht. Der eine war ein stiller, verschlossener Finanzbeamter gewesen, mit festem Einkommen und starken Prinzipien, der wollte, dass sie sich ihm unterordnete. Der andere war ein Hallodri, charmant, lustig, der abends loszog, wenn sie todm\u00fcde ins Bett fiel und unger\u00fchrt weiterschnarchte, wenn morgens der Wecker klingelte. Es passte einfach nicht mit ihr und den M\u00e4nnern. Frau Mitschke kam gut allein zurecht.<br \/>\nMorgen f\u00fcr Morgen rollte sie sich mit immer steifer werdenden Gliedern aus dem Bett, fuhr wie im Tran zum Gro\u00dfmarkt, schleppte die schweren Kisten zum Auto, bis oben gef\u00fcllt mit \u00c4pfeln, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Orangen, Gurken, Auberginen, Paprika, Tomaten und Pilzen, kurzum mit allem, was die Jahreszeit so hergab. Mit sicherer Hand und ge\u00fcbtem Blick stellte sie ihre Sch\u00e4tze auf die schr\u00e4g stehenden Bretter des Verkaufsstandes. Obst und Gem\u00fcse, knackig frisch und gl\u00e4nzend wie auf einem impressionistischen Gem\u00e4lde. Den K\u00e4ufern sollte schon beim Hingucken das Wasser im Mund zusammenlaufen.<br \/>\nEinen Traum hatte Frau Mitschke allerdings, je \u00e4lter sie wurde, den Traum, nicht mehr mit den H\u00fchnern aufstehen zu m\u00fcssen, einen weniger anstrengenden Job zu haben, ab 9 Uhr irgendwo gem\u00fctlich im B\u00fcro zu sitzen, Zeitung zu lesen und ein Schw\u00e4tzchen mit der Kollegin zu halten.<br \/>\nAber wie das so mit Tr\u00e4umen ist, an deren Erf\u00fcllung der Tr\u00e4umende selbst nicht glaubt, eines Tages bekam sie die Nachricht, &#8211; sie war schon in den F\u00fcnfzigern -, dass sie im Lotto gewonnen hatte. Sie war keine Spielerin, hatte den Schein mehr zum Spa\u00df ausgef\u00fcllt, als sie im Kiosk nebenan ein P\u00e4ckchen Zigaretten und eine Zeitung kaufen wollte. Eigentlich hatte sie die Angelegenheit l\u00e4ngst vergessen. Man begl\u00fcckw\u00fcnschte sie zum Gewinn von zwei Millionen Euro.<br \/>\nSie war wie vom Donner ger\u00fchrt, sprach mit niemandem, ging aber zum Ortsamt und k\u00fcndigte ihre Stellpl\u00e4tze auf den umliegenden M\u00e4rkten, verpachtete ihren Hof und kaufte sich ein Around-the-World Ticket. Vergn\u00fcgt und erholt, voll mit Erlebnissen von fernen L\u00e4ndern und fremden V\u00f6lkern kehrte sie nach eineinhalb Jahren zur\u00fcck nach M\u00fcnster.<br \/>\nAm ersten Morgen dachte sie sich noch nichts dabei, als sie um vier Uhr morgens aufwachte. Jetlag, \u00fcberlegte sie, stolz auf ihr Expertenwissen. Auch die Schlaflosigkeit am zweiten und dritten Morgen verbuchte sie noch unter die immensen Zeitverschiebungen, denen sie viele Monate lang ausgeliefert war. Sie blieb tapfer und z\u00e4hneknirschend im Bett liegen.<br \/>\nNach einer Woche hielt sie es nicht mehr aus. Stand auf, machte Kaffee, a\u00df ihren Toast, tigerte durchs Haus, goss die Blumen. Sie nahm die Vorh\u00e4nge an den Fenstern ab, stopfte sie in die Waschmaschine, putzte die blitzblanken Scheiben,staubte den Gummibaum ab.<br \/>\nNach zwei Wochen fuhr sie zum Gro\u00dfmarkt. Morgens um halb f\u00fcnf. Sie freute sich unb\u00e4ndig, als die M\u00e4nner ihr auf die Schulter klopften &#8211; die mutigeren umarmten sie sogar &#8211; und als einer rief: \u00bbUnser rasendes Rotk\u00e4ppchen ist wieder da\u00ab, da wusste sie, wo sie hingeh\u00f6rte. Zugegeben, jetzt genie\u00dft sie die neidischen Blicke der M\u00e4nner, die ihren nagelneuen, knallroten Mercedes-Van bewundern mit der automatischen Hebeeinrichtung, die ihre Obst- und Gem\u00fcsekisten m\u00fchelos in den Wagen hinein- und hinauswuchtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mitschkes waren in den letzten Kriegsjahren aus Schlesien geflohen. 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