{"id":805,"date":"2015-01-26T19:17:12","date_gmt":"2015-01-26T17:17:12","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=805"},"modified":"2015-02-23T22:50:06","modified_gmt":"2015-02-23T20:50:06","slug":"cafe-majestic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/cafe-majestic\/","title":{"rendered":"Caf\u00e9 Majestic"},"content":{"rendered":"<p>Seit zwei Monaten lebt Annika\u00a0 in Porto. Sie ist immer wieder hingerissen, wenn sie von Vila Nova de Gaia kommend \u00fcber den Douro f\u00e4hrt und die Silhouette der Stadt sich vor ihr aufbaut: die Kathedrale, der Torre dos Clerigos, die bunten H\u00e4user am Fluss. Sie hat sich die Innenstadt erlaufen und ist eingetaucht in die Betriebsamkeit der Gassen und Pl\u00e4tze.<!--more--> Portugiesisch f\u00e4llt ihr leicht, der Spanischleistungskurs bis zum Abitur hat Grundlagen gelegt, sie muss sich nur noch an das weiche portugiesische Genuschel gew\u00f6hnen, das so weit weg ist von der klaren, harten Intonation des Spanischen. Auch die Menschen erscheinen ihr weicher als in Spanien, liebensw\u00fcrdiger, hilfsbereiter, neugieriger. Annika macht ein Praktikum im deutschen Konsulat und hat sich sofort mit der jungen Kollegin Maria de Fatima angefreundet, was ihren portugiesischen Sprachkenntnissen nur guttut. Fatima hat ihr die Stadt gezeigt, sie mit ins Mal Cozinhado, ins besten Fadolokal Portos, mitgenommen, in dem immer noch Valdemar Vig\u00e1rio &#8211; mittlerweile in die Jahre gekommen &#8211; seine Mandoline schl\u00e4gt und traurig-sch\u00f6ne Lieder von Sehnsucht und Liebe singt. <em>Saudade<\/em> &#8211; das Lieblingswort der portugiesischen Sprache. Umgeben von freundlichen Menschen f\u00fchlt sie sich sicher und aufgehoben.<br \/>\nSie ist mit Maria de Fatima shoppen gegangen, und die Freundin hat sie zu einem <em>Gal\u00e3o<\/em> ins Caf\u00e9 Majestic geschleppt. Dieses Caf\u00e9, direkt in der Rua de Santa Catarina gelegen, liebt sie besonders: die nostalgische Atmosph\u00e4re, die vergoldeten Spiegel, das Jugendstilinterieur. Nat\u00fcrlich wimmelt es von Touristen, denn jeder Porto-Reisef\u00fchrer schickt seine Leser ins Majestic. Im schummrigen Licht des Caf\u00e9s trinken die beiden Frauen Milchkaffee, l\u00f6ffeln die Spezialit\u00e4t des Hauses: <em>bolo de chocolate com peras<\/em>, Schokoladenkuchen mit Birnen.\u00a0 Pr\u00e4chtige Kronleuchter werden von den Spiegeln an den W\u00e4nden reflektiert, Putten schauen auf die Tische herab, Lorbeerkr\u00e4nze um die K\u00f6pfe. Fotos zeigen, wie viele K\u00fcnstler und Intellektuelle in den vergangenen hundert Jahren im Majestic ihren Espresso getrunken, den Jornal de Not\u00edcias gelesen haben. Die Rowling soll das erste Kapitel von Harry Potter an einem der kleinen, runden Tische geschrieben haben, erz\u00e4hlt Fatima, als sie endlich ihre Einkaufst\u00fcten zusammenraffen und sich gegen den Strom der eintretenden G\u00e4ste hinaus ins Sonnenlicht dr\u00e4ngeln.<br \/>\n\u00abGuck in deine Handtasche, rapido!\u00ab Abrupt bleibt Fatima stehen. Annikas blaue Ledertasche ist leer. Ritzeratze leer. Kein Portemonnaie, kein Scheckbuch, keine Papiere, nada. Die beherzte Fatima schnappt sich einen jungen Kerl, der sich von hinten an ihnen vorbeidr\u00e4ngen will, rei\u00dft ihm die Jacke weg, die er lose \u00fcber Arm und Hand geh\u00e4ngt hat, kreischt: \u00bbLadr\u00e3o! Ladr\u00e3o!\u00ab Der junge Mann h\u00e4lt Annikas Personalausweis, Geldb\u00f6rse und ihre Schecks f\u00fcr alle sichtbar in der Hand.<br \/>\nPortugiesische M\u00e4nner, sensationss\u00fcchtig und hilfsbereit, st\u00fcrzen sich auf den Dieb, einer nimmt ihn in den Schwitzkasten, ein anderer f\u00e4ngt an, auf ihn einzupr\u00fcgeln. Eine \u00e4ltere Senhora schreit laut nach der Polizei. Action, spannender als im Fernsehen. Begeisterte Emp\u00f6rung. Mittendrin die blonde, junge Deutsche. Portos M\u00e4nnerwelt &#8211;\u00a0 allesamt edle Ritter &#8211;\u00a0 sind dabei, eine blonde Prinzessin vor dem Ungeheuer zu retten.<br \/>\n\u00ab<em>Desculpe<\/em>\u00ab, schreit der Dieb auf einmal, \u00bb<em>desculpe, minha senhora<\/em>!\u00ab und f\u00e4ngt zur Verbl\u00fcffung aller Umstehenden an zu weinen. Er windet sich aus den Armen seines Peinigers, f\u00e4llt vor der Sch\u00f6nen auf die Knie, reicht ihr Geld und Papiere. Dicke Tr\u00e4nen kullern \u00fcber sein &#8211; zugegeben &#8211; h\u00fcbsches Gesicht. Er reibt sich mit schmutzigen H\u00e4nden \u00fcber die Augen, schluchzt heftig, sieht aus wie ein verirrtes Slumkind, bittet um Verzeihung. Und was tut Annika? Sie fasst den \u00dcbelt\u00e4ter am Ellbogen, hebt ihn auf. Telenovela pur. Der Kreis der Schaulustigen ist eng geworden. Es gibt keinen Fluchtweg, das hat der Junge offensichtlich erkannt. Er l\u00e4sst die Tr\u00e4nen weiter flie\u00dfen. \u00bbKeine Polizei\u00ab, sagt Annika, schnappt Geld und Papiere, stopft alles zur\u00fcck in die Tasche und verschwindet mit schnellen Schritten in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, Fatima hinter sich herziehend. Die Leute bleiben verbl\u00fcfft zur\u00fcck, lassen den kleinen Ganoven schlie\u00dflich laufen. Wo kein Kl\u00e4ger, da kein Richter.<br \/>\nSie habe dem jungen Mann die Zukunft nicht verbauen wollen, sagt Annika zu der aufgebrachten Freundin. Vielleicht brauche er ja mal eine Arbeitserlaubnis in Deutschland oder Frankreich. Als Portugiesin wei\u00df Fatima nat\u00fcrlich, dass man den Spitzbuben nach ein paar Stunden sowieso h\u00e4tte laufen lassen. Ein bisschen Pr\u00fcgel h\u00e4tte er vielleicht bezogen auf der Wache. Als erzieherische Ma\u00dfnahme sozusagen. Eventuell w\u00e4re ihm verboten worden, sich in der Innenstadt aufzuhalten. Ein kaum zu kontrollierendes Verbot, wie die Polizei selbst zugibt.<br \/>\nUnd so gibt es eine Fortsetzung der Geschichte, die hat Annika ihrer Freundin erst viele Wochen sp\u00e4ter gebeichtet. Als sie nach ein paar Tagen wieder einmal durch die Innenstadt schlenderte, allein und in Gedanken versunken, f\u00fchlte sie, wie jemand im Gedr\u00e4nge der Einkaufspassage an ihrer H\u00e4ngetasche fummelte. Nun schon gewiefter drehte sie sich wie der Blitz um und &#8211; schaute geradewegs in die Augen eines alten Bekannten. Der Dieb vom Caf\u00e9 Majestic starrte sie f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde erschrocken an, drehte sich um und lief panisch davon, ehe sie \u00fcberhaupt nach Luft schnappen konnte. Ohne ein \u00bb<em>desculpe<\/em>\u00ab selbstverst\u00e4ndlich.<br \/>\n\u00bbGeschieht dir recht, querida\u00ab, sagte Fatima, lachte und k\u00fcsste ihre Freundin ganz portugiesisch rechts und links auf die Wange. \u00bbIch hoffe, du bist lernf\u00e4hig.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit zwei Monaten lebt Annika\u00a0 in Porto. Sie ist immer wieder hingerissen, wenn sie von Vila Nova de Gaia kommend \u00fcber den Douro f\u00e4hrt und die Silhouette der Stadt sich vor ihr aufbaut: die Kathedrale, der Torre dos Clerigos, die bunten H\u00e4user am Fluss. 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