{"id":803,"date":"2015-01-26T19:15:25","date_gmt":"2015-01-26T17:15:25","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=803"},"modified":"2019-01-19T18:08:07","modified_gmt":"2019-01-19T17:08:07","slug":"herbstzeitlose","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/herbstzeitlose\/","title":{"rendered":"Herbstzeitlose"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/herbstzeitlose.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-882\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/herbstzeitlose.jpg\" alt=\"herbstzeitlose\" width=\"119\" height=\"150\" \/><\/a>\u00bbMuss das wirklich sein?\u00ab, Gudrun Hoberger blickte ihren Mann angewidert an, der seine Stulle dick mit Leberwurst belegte und sich noch ein Bier nachgoss.<br \/>\n\u00bbDoktor Jensen hat doch gesagt, dass du dringend abnehmen musst. Sonst kriegst du bald \u00fcberhaupt keine Luft mehr.\u00ab<br \/>\n\u00bbAch was\u00ab, sagte Wolf-Dieter und rollte entnervt mit den Augen. \u00abDas ist erst meine vierte Scheibe Brot. Und au\u00dferdem schmeckt es mir.\u00ab<!--more--><br \/>\nGudrun schloss resigniert die Augen. Wenn jetzt noch sein bl\u00f6der Spruch kommt, greife ich zum Messer. Er kam. Der Singsang seiner sonoren Stimme:<\/p>\n<p><em>G\u00f6nn dir was Gutes, auch wenn du in Not bist.<\/em><br \/>\n<em> Was hast du vom Leben, wenn du erst tot bist?<\/em><\/p>\n<p>Wolf-Dieter lachte, klopfte sich auf den Bauch. R\u00fclpste.<br \/>\n\u00bbDicke sind gem\u00fctlich\u00ab, sagte er. \u00bbDeine Nerven w\u00e4ren auch besser, wenn du etwas zulegen w\u00fcrdest. Siehst aus wie ein Gerippe.\u00ab<br \/>\nGudrun hatte genug. Abrupt stand sie auf.<br \/>\n\u00bbMach, was du willst\u00ab, sagte sie kurz angebunden. \u00bbEs ist schlie\u00dflich dein Herz, das bald schlappmacht. Ich gehe joggen.\u00ab<br \/>\nWarum lie\u00df sie ihn nicht einfach in Ruhe? Sollte er sich doch zu Tode fressen und saufen. War ihr doch egal. Seine Lebensversicherung war hoch genug, sodass sie keine Zukunfts\u00e4ngste haben musste.<br \/>\n\u00bbGerippe\u00ab, murmelte sie, schl\u00fcpfte in ihren blauen Jogginganzug und zerrte das rote Schwei\u00dfband \u00fcber ihre blonde M\u00e4hne. Wolf-Dieter wird sich noch wundern, was f\u00fcr Chancen ich bei den M\u00e4nnern habe. Auch mit 45. Wolf-Dieter, dieser eingebildete alte Sack.<br \/>\nLeichtf\u00fc\u00dfig trabte sie aus dem Haus, \u00f6ffnete die Gartenpforte, lief den Lerchenweg hinunter, bog nach rechts auf die Huntestra\u00dfe ab, vorbei am Schulzentrum in Richtung Fluss.<br \/>\nGerhard wartete bereits vor der Br\u00fccke. Der gro\u00dfe, schlanke Gerhard mit dem dunklen dichten Haar und dem charmanten L\u00e4cheln. Sie trafen sich immer ganz zuf\u00e4llig, beim abendlichen Dauerlauf zum Tilly-See, waren nie verabredet, aber Gudrun w\u00e4re entt\u00e4uscht gewesen, h\u00e4tte er nicht an der Br\u00fccke auf sie gewartet.<br \/>\n\u00bbHi\u00ab, sagte er und k\u00fcsste sie rechts und links auf die Wange. \u00bbDu siehst wieder umwerfend aus.\u00ab<br \/>\nWie lange hatte Wolf-Dieter ihr kein Kompliment mehr gemacht. Er nahm sie ja gar nicht mehr wahr. Wie hatte er sie verw\u00f6hnt, als er vor \u00fcber 10 Jahren um sie geworben hatte. Und sie hatte sich wohlgef\u00fchlt in den Armen des lebenserfahrenen Mannes. Gut verdient hatte er. War erfolgreich in seinem Beruf. Und bei den Frauen. Ein Womanizer. Doch wof\u00fcr interessierte er sich heute? F\u00fcr Bier, fettes Essen, den Fernseher.<br \/>\n\u00bbSo nachdenklich heute? \u00ab, fragte Gerhard und strich ihr leicht \u00fcber den Arm.<br \/>\n\u00bbNein, nein\u00ab, sagte Gudrun und ein wohliges Gef\u00fchl durchstr\u00f6mte sie. \u00bbEs ist nichts. Mein Mann macht mir Sorgen.\u00ab<br \/>\n\u00bbIst er krank?\u00ab Gerhard schien nicht wirklich besorgt.<br \/>\n\u00bbSein Herz\u00ab, sagte sie. \u00bbDas will nicht mehr so recht. Er ist ja auch so viele Jahre \u00e4lter als ich.\u00ab<br \/>\nMeine G\u00fcte, was tat sie da, verschaffte sie sich schon ein Alibi? Sie trabten zusammen los, und Gudrun hob das Tempo an. Wie locker Gerhard neben ihr herlief. Wie intensiv seine blauen Augen sie angeschaut hatten. Er mochte sie, da gab es keinen Zweifel. Sie geh\u00f6rte nicht zum alten Eisen, auch wenn er einige J\u00e4hrchen j\u00fcnger war als sie. Sie war immer noch eine begehrenswerte Frau. Wie sie dieses Gef\u00fchl genoss.<br \/>\nNach dem langen Winter war es endlich Fr\u00fchling geworden. Das Gras war gr\u00fcn. \u00dcberall G\u00e4nsebl\u00fcmchen. Schafe grasten auf eingez\u00e4unten Deichabschnitten. L\u00e4mmer stakten tapsig neben ihren M\u00fcttern her, versuchten ungeschickt, an die Milchquelle zu kommen.<br \/>\nSie liefen am rechten Ufer der Hunte nach Norden, \u00fcberquerten ein paar Kilometer sp\u00e4ter eine kleine Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke, trabten einen feuchten Waldweg entlang. Atemlos lie\u00dfen sie sich auf einem Baumstamm nieder, direkt am Ufer des Tilly-Sees. Schweigend sa\u00df sie neben Gerhard, f\u00fchlte ihren Atem ruhiger werden, nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche und schaute auf die spiegelnde Fl\u00e4che des Sees. Dass Kribbeln auf der Haut verst\u00e4rkte sich, als er seinen Arm und ihre Schultern legte.<br \/>\n\u00bbFrierst du? \u00ab, fragte er besorgt. \u00bbNicht dass du dich erk\u00e4ltest.\u00ab Und dann zog er sie an sich und k\u00fcsste sie.<br \/>\nAls er die Hand unter ihre Joggingjacke schob, stie\u00df sie ihn weg. \u00abIch bin verheiratet\u00ab, sagte sie. Aber er lachte und dr\u00e4ngte sich an sie.<br \/>\n\u00bbDu willst es doch auch. Gib es zu\u00ab, fl\u00fcsterte er und biss in ihren Nacken.<br \/>\n\u00bbIch liebe ihn nicht mehr\u00ab, sagte Gudrun.<br \/>\n\u00bbDa gibt es Wege\u00ab, sagte Gerhard und lie\u00df seine H\u00e4nde in ihre Jogginghose gleiten.<br \/>\n.<br \/>\nWolf-Dieter schaute die Sportschau, als sie nach Hause kam.<br \/>\n\u00bbBist lange gelaufen heute\u00ab, sagte er, ohne sich umzudrehen. Sie blickte auf seinen kahlen Sch\u00e4del.<br \/>\n\u00bbBesser Sport machen als Sport in der Glotze angucken\u00ab, sagte sie. Er schenkte sich ein Bier ein, rieb sich mit dem Handr\u00fccken den Schaum vom Mund.<br \/>\n\u00bbDas tut gut!\u00ab<br \/>\nIch k\u00f6nnte ihn umbringen, jetzt sofort, mit meinen blo\u00dfen H\u00e4nden.<br \/>\n\u00bbIch habe dir einen gemischten Salat gemacht, mit B\u00e4rlauch\u00ab, sagte Wolf-Dieter und Gudrun glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. \u00abDen isst du doch immer so gern, wenn du vom Joggen kommst.\u00ab<br \/>\nWas sollte das jetzt? Ein Friedensangebot? Sie f\u00fchlte Gerhards H\u00e4nde noch auf ihrem K\u00f6rper. \u00bbGib mir ein Bier\u00ab, sagte sie.<br \/>\nEr stand auf, ging schwerf\u00e4llig in die K\u00fcche, kam mit zwei Flaschen Bier und einer Sch\u00fcssel gemischtem Salat zur\u00fcck.<br \/>\n\u00bbVielleicht hast du ja Recht\u00ab, sagte er. \u00abKeine Chips heute, keine Erdn\u00fcsse. Mal was Gesundes zur Abwechslung.\u00ab Er stellte zwei Glasteller auf den kleinen Couchtisch, holte Besteck, goss Bier in die Gl\u00e4ser.<br \/>\n\u00bbEin bisschen bitter, die Vinaigrette\u00ab, sagte sie kurze Zeit sp\u00e4ter und schlang hungrig eine gro\u00dfe Portion Salat in sich hinein. Er stocherte in seinem Teller, nahm eine Cocktailtomate, ein St\u00fcck Gurke, kaute gen\u00fcsslich und nickte:<br \/>\n\u00bbStimmt. Die Vinaigrette ist zu bitter. Sorry.\u00ab<br \/>\nUnd dann ging alles ganz schnell. Gudruns Mundschleimhaut fing h\u00f6llisch an zu brennen. Sie konnte nicht schlucken. Ihr wurde \u00fcbel, die Ged\u00e4rme revoltierten. Gudrun kr\u00fcmmte sich vor Schmerz, bekam keine Luft mehr. Der herbeigerufene Notarzt lie\u00df sie ins Krankenhaus einweisen. Am n\u00e4chsten Morgen war sie tot. Ateml\u00e4hmung. Kreislaufversagen.<br \/>\nZu den Polizeibeamten sagte Wolf-Dieter, er habe sie gebeten, den Salat stehen zu lassen. Ihm habe er auch nicht geschmeckt, einfach einen Tick zu bitter. Der Dienst habende Arzt stellte eine Lebensmittelvergiftung fest. Reste der Herbstzeitlosen waren im Mageninhalt analysiert worden. Schulterzucken bei den Medizinern. Im Fr\u00fchjahr gab es immer wieder diese Verwechslungen. Warum kauften die Leute ihren B\u00e4rlauch nicht einfach auf dem Markt?<br \/>\n\u00bbWelch tragischer Unfall\u00ab, sagten die Nachbarn. \u00bbDer arme Mann. Die Frau so viel j\u00fcnger als er.\u00ab<br \/>\nSie staunten nicht schlecht, als nach einem halben Jahr eine neue Frau in den Bungalow einzog und sich im Garten zu schaffen machte. Fast so alt wie er. Rundlich und gem\u00fctlich und immer mit einem Lachen im Gesicht. Schon am n\u00e4chsten Wochenende lud sie die Nachbarn zum Grillen ein. Viel Fleisch gab es und leckeren Kartoffelsalat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbMuss das wirklich sein?\u00ab, Gudrun Hoberger blickte ihren Mann angewidert an, der seine Stulle dick mit Leberwurst belegte und sich noch ein Bier nachgoss. \u00bbDoktor Jensen hat doch gesagt, dass du dringend abnehmen musst. 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