{"id":800,"date":"2015-01-26T19:10:54","date_gmt":"2015-01-26T17:10:54","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=800"},"modified":"2015-05-18T15:42:43","modified_gmt":"2015-05-18T13:42:43","slug":"date-im-u-bahn-schacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/date-im-u-bahn-schacht\/","title":{"rendered":"Date im U-Bahn Schacht"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/schuh.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-899\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/schuh.jpg\" alt=\"schuh\" width=\"134\" height=\"150\" \/><\/a>Noras H\u00e4nde waren feucht, als sie die Rolltreppe zur U-Bahn-Station\u00a0 hinunterfuhr. Die Handlaufschiene aus blauem Plastik klebte. Warm war es, die Luft stand. Es stank nach Autoabgasen und Bratwurst. Angeekelt zog sie die Hand weg, versuchte, auf der steilen Treppe die Balance zu halten. Vielleicht h\u00e4tte sie doch nicht die neuen High Heels mit den spitzen silbrigen Abs\u00e4tzen anziehen sollen. <!--more-->Aber es war das erste Date mit dem Kollegen vom Consulting. Sie wollte sexy aussehen im kurzen schwarzen Ledermini, der flott geschnittenen Jacke und dem gr\u00fcnen Seidenschal, der so vortrefflich zu ihren grau-gr\u00fcnen Augen und den r\u00f6tlichen Locken passte.<br \/>\nEigentlich spinne ich total, dachte sie, als sie vom l\u00e4rmenden Marienplatz mit dem romantisch angestrahlten Rathaus und dem Stimmengewirr der Menschen hinunter in die dunklen Eingeweide der Erde fuhr. Fl\u00fcchtig dachte sie an ihre Babytochter, die sie an diesem Freitagabend bei der Oma abgegeben hatte. \u00bbWenn ich zu viel trinke, \u00fcbernachte ich bei Rita\u00ab, sagte sie, als sie ihrer Mutter das brabbelnde Kleinkind in die Arme dr\u00fcckte. \u00bbFl\u00e4schchen, Windeln, Schlafsack und Janas Schnuffeltuch sind in der Korbtasche.\u00ab<br \/>\n\u00bbGenie\u00dfe den Abend\u00ab, sagte ihre Mutter und streichelte dem Kind z\u00e4rtlich \u00fcber die wenigen, blonden Haare.\u00abDu wei\u00dft, ich freue mich darauf, die Kleine die ganze Nacht bei mir zu haben.\u00ab<br \/>\nOb Thomas schon vor dem Buchladen wartete? Ob er verheiratet war? Wahrscheinlich. Wer ist das mit Mitte drei\u00dfig nicht. Oder bereits wieder geschieden. Auf jeden Fall schien er an diesem Wochenende nicht nachhause zu fahren.<br \/>\n\u00bbKannst du mir nicht das M\u00fcnchener Nachtleben zeigen?\u00ab, hatte er gefragt und sie mit seinen blauen Augen herausfordernd gemustert.<br \/>\nIhr Mann war auf Klassenfahrt in Hamburg. W\u00fcrde erst morgen zur\u00fcckkommen, also waren keine Probleme zu erwarten. Sie freute sich auf einen erotischen Abend, ohne Babygeschrei und Windeln, einen Abend, an dem sie wie fr\u00fcher die bewundernden Blicke eines Mannes genie\u00dfen konnte. Meine G\u00fcte, sie war 32 und hatte auch noch ein anderes Leben als das einer Babyversorgungsmaschine. Ihr Mann fasste sie im Moment \u00fcberhaupt nicht an, aber eigentlich hatte auch sie keine Lust.<br \/>\nIn der Shopping-Mall im ersten Stock war es recht leer. F\u00fcr die M\u00fcnchener Nachtschw\u00e4rmer war es zu fr\u00fch, und die Gesch\u00e4fte in der Innenstadt waren bereits geschlossen. Auch vor dem Buchladen stand niemand. Sie blieb vor der gro\u00dfen Fensterfront stehen, schaute sich die Reihe der Lokalkrimis und die Spiegel-Bestseller in der Auslage an, B\u00fccher, die wie immer als Blickfang ganz vorne lagen. Wie lange hatte sie schon keinen Roman mehr gelesen. Aber das Baby und der Halbtagsjob fra\u00dfen ihre ganze Zeit auf. Abends fiel sie immer todm\u00fcde ins Bett. In einer Ecke des Schaufensters lagen Mutter-Kind-Ratgeber.<br \/>\n<em>Stillen leicht gemacht. <\/em><br \/>\n<em>Tausend Tipps f\u00fcr das erste Jahr. <\/em><br \/>\n<em>Hilfe, mein Kind schl\u00e4ft nicht durch.<\/em><br \/>\nSchade, dass es schon so sp\u00e4t war und der Laden zu. Sie w\u00fcrde gerne ein paar B\u00fccher anlesen. Sie schaute auf die Uhr. Schon nach halb neun. Thomas schien sich zu versp\u00e4ten. Die junge Frau nahm ihr iPhone aus der Tasche, nein, sie wollte ihm nicht hinterhertelefonieren, das wirkte zu bed\u00fcrftig. Sie holte sich Janas Babyfotos auf das Display und war so konzentriert, dass sie die zwei jungen M\u00e4nner, die die Rolltreppe hinuntergefahren waren, erst bemerkte, als im Ger\u00e4usch einer herandonnernden U-Bahn jemand hinter ihr fl\u00fcsterte:<br \/>\n\u00bbNicht umdrehen, Alte, gib das Smartphone her. Klappe halten!\u00ab<br \/>\nSie war so verbl\u00fcfft, dass sie ohne nachzudenken das Ger\u00e4t \u00fcber die Schulter nach hinten reichte. Es wurde ihr aus der Hand gerissen, und als sie herumwirbelte, sah sie zwei Jugendliche, die die Rolltreppe zur unteren Plattform hinunterrannten, um den eingefahrenen Zug zu erwischen.<br \/>\n\u00bbHaltet sie!\u00ab, schrie sie. \u00bbMein iPhone!\u00ab Sie sch\u00fcttelte die High Heels von den F\u00fc\u00dfen, nahm die Schuhe in die Hand und rannte den jungen M\u00e4nnern hinterher. Schlie\u00dflich hatte sie fr\u00fcher Leistungssport gemacht. Zwei schwarz verh\u00fcllte Frauen, die ihr auf der aufw\u00e4rtsfahrenden Rolltreppe entgegenkamen, schauten sie entgeistert an. Ein Betrunkener hinter ihr lallte: \u00bbMei, is di schnoi!\u00ab Sie holte die beiden Jungs ein, der eine schl\u00fcpfte noch durch die sich schlie\u00dfenden T\u00fcren des abfahrenden Zuges, den andern erwischte sie an der Jacke und krallte sich fest.<br \/>\n\u00bbGib mir mein iPhone zur\u00fcck\u00ab, zeterte sie. Und als der Kerl sich losrei\u00dfen wollte, h\u00e4mmerte sie mit den Schuhen auf seinen Kopf ein. Das Resultat war verbl\u00fcffend. Der jugendliche R\u00e4uber ging ohne einen Laut zu Boden, sackte einfach zusammen. Die Stahlspitze eines Absatzes steckte in seinem Kopf. Im Nu war eine eifrig gestikulierende Menge am Tatort versammelt. Nach der Polizei wurde gerufen und nach einem Arzt. Der verletzte junge Mann wurde &#8211; mit einer Infusion versehen &#8211; im Laufschritt von Sanit\u00e4tern abtransportiert, starb aber im Krankenhaus an den Verletzungen im Hirnbereich.<br \/>\nDie Familie des Jungen nahm einen Anwalt und erhob Anklage. Die Frau habe sich einer t\u00f6dlichen Waffe bedient, wurde vor Gericht argumentiert. Die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der Mittel sei nicht gewahrt worden. Niemand verdiene get\u00f6tet zu werden, nur weil er sich unrechtm\u00e4\u00dfig ein Handy aneignen wollte, das sagte auch der Richter, der einen Sohn im Teenageralter hatte, der gerade beim Ladendiebstahl erwischt worden war. Erschwerend kam hinzu, als sich herausstellte, dass Nora in jungen Jahren Taekwondo gemacht und den schwarzen G\u00fcrtel erworben hatte. Sie habe den Tod des jungen Mannes billigend in Kauf genommen, hie\u00df es in der Urteilsbegr\u00fcndung. Er sei ihren Schl\u00e4gen hilflos ausgeliefert gewesen. Zwei Jahre auf Bew\u00e4hrung. Noras Anwalt ging in die Berufung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noras H\u00e4nde waren feucht, als sie die Rolltreppe zur U-Bahn-Station\u00a0 hinunterfuhr. Die Handlaufschiene aus blauem Plastik klebte. Warm war es, die Luft stand. Es stank nach Autoabgasen und Bratwurst. Angeekelt zog sie die Hand weg, versuchte, auf der steilen Treppe die Balance zu halten. 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