{"id":756,"date":"2015-01-11T13:19:42","date_gmt":"2015-01-11T11:19:42","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=756"},"modified":"2016-01-31T12:30:08","modified_gmt":"2016-01-31T10:30:08","slug":"therapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/therapie\/","title":{"rendered":"Therapiestunde"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbUnd das sind Sie auf dem Bild?\u00ab, fragt die Journalistin und zeigt auf das Schwarz-Wei\u00df-Foto an der Wand. \u00bbSie waren eine Sch\u00f6nheit, wissen Sie das?\u00ab<br \/>\nDie alte Dame l\u00e4chelt. \u00bbNun \u00fcbertreiben Sie mal nicht.\u00ab<br \/>\n\u00bbDoch, doch\u00ab, sagt die Journalistin und schaut ihre Gastgeberin an. Ein Gesicht von einem langen, sicher nicht immer einfachem Leben gezeichnet. Doch die breiten, hohen Wangenknochen, das klar geschnittene Kinn, die sorgf\u00e4ltig hochgesteckten, grauen Haare und vor allen Dingen die funkelnden, hellen Augen sind immer noch bemerkenswert sch\u00f6n.<!--more--><br \/>\n\u00bbNehmen Sie doch ein St\u00fcck Kuchen.\u00ab Die alte Dame setzt sich, schiebt den Kuchenteller n\u00e4her und sieht die Journalistin fragend an. \u00bbNoch eine Tasse Kaffee?\u00ab<br \/>\n\u00bbGerne\u00ab, sagt diese, h\u00e4lt die blau-wei\u00dfe Tasse mit dem Zwiebelmuster hoch und blickt sich im Raum um. \u00bbGem\u00fctlich haben Sie es hier.\u00ab<br \/>\n\u00bbEs sind immer noch die alten M\u00f6bel\u00ab, sagt die alte Dame und streicht mit blau ge\u00e4derten H\u00e4nden \u00fcber den Brokatstoff ihres Sessels. \u00bbSeitdem mein Mann gestorben ist, habe ich nichts Neues mehr gekauft. Aber meine Schwiegertochter besteht darauf, hin und wieder einen Stuhl aufzuarbeiten, ein Sofa neu zu beziehen. Sie hat sehr geschickte H\u00e4nde.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd diese wundervollen, hohen Regale mit den vielen B\u00fcchern. Hier sieht es aus wie in einer Bibliothek.\u00ab<br \/>\nDie alte Frau l\u00e4chelt. \u00bbMein Mann und ich, wir haben B\u00fccher geliebt. Und in so einem langen Leben, da kommt ein Buch zum andern. B\u00fccher sind Freunde. Wir haben uns immer gescheut, eins wegzuwerfen. Wenn ich nicht mehr bin, werden die Kinder schimpfen, wenn sie sehen, was sie alles wegschaffen m\u00fcssen.\u00ab<br \/>\n\u00bbAch was, die werden sich freuen\u00ab, sagt die Besucherin. \u00bbAber eigentlich bin ich gekommen, weil Sie mir versprochen haben, von Ihrer Arbeit als Kindertherapeutin zu berichten. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mir Notizen mache?\u00ab<br \/>\nDie alte Frau sch\u00fcttelt den Kopf. \u00bbNein, \u00fcberhaupt nicht. Ich habe schon so lange nicht mehr davon erz\u00e4hlt. Wissen Sie, meine Kinder und meine Enkelkinder k\u00f6nnen die alten Geschichten nicht mehr h\u00f6ren. Ich freue mich, dass Sie sich daf\u00fcr interessieren. Sehen Sie, ich habe auch Fotos aufbewahrt und viel von dem Material, mit dem ich in der Praxis gearbeitet habe. Wenn Sie wirklich nichts mehr essen wollen, dann lassen Sie uns ins Arbeitszimmer gehen. Ich habe dort alles vorbereitet. Wir k\u00f6nnen den Kaffee mitnehmen.\u00ab<br \/>\nM\u00fchsam hievt sich die Gastgeberin aus dem Sessel, jede Hilfe ablehnend. Auf einen Stock gest\u00fctzt humpelt sie langsam ins Nebenzimmer, die hohe Gestalt nach vorn gebeugt, die linke Hand in die Seite gepresst. Die Besucherin staunt nicht schlecht, als sie einen Diaprojektor sieht, davor die hinuntergerollte Leinwand. Die alte Frau hat sich auf den Vortrag vorbereitet.<br \/>\n\u00bbSetzen Sie sich!\u00ab Die Therapeutin zieht die schweren Vorh\u00e4nge zu. \u00bbIch m\u00f6chte Ihnen von Per-Olaf erz\u00e4hlen, einem kleinen Jungen, den ich nie vergessen konnte. Er ist so viele Jahre zu mir gekommen.\u00ab<br \/>\nAuf der Leinwand erscheint die Gestalt eines vielleicht sieben- oder achtj\u00e4hrigen Jungen mit gro\u00dfen, traurigen Augen hinter einer Brille mit dicken Gl\u00e4sern. Er blickt, ohne zu l\u00e4cheln, in die Kamera, die Lippen zusammmengepresst, die dunklen Haare d\u00fcnn und glatt am Kopf klebend. Neben ihm eine schlanke, stark geschminkte Frau im Pelzmantel. Eine Hand liegt auf der Schulter des Kindes, der Arm ist ausgestreckt, so als wolle sie den Kleinen in den Raum hineinsto\u00dfen.<br \/>\n\u00bbDas sind Per-Olaf und seine Mutter. Sie erschien eines Tages mit dem Jungen in meiner Sprechstunde. Die Lehrerin habe sie geschickt. Per-Olaf verweigere im Unterricht jede Mitarbeit, sondere sich von den andern Kindern ab, wolle nicht spielen und w\u00fcrde verstockt schweigen, wenn man ihn etwas frage.\u00a0 Sie habe die Nase voll von diesem schwierigen Kind. Es gebe einen neuen Mann in ihrem Leben, und sie wolle ausziehen und nur den gro\u00dfen Bruder mitnehmen. Der sei wenigstens normal. \u00bbDer kommt auf meine Familie\u00ab, sagte sie w\u00f6rtlich. Ihr Mann sei auch so ein verk\u00fcmmerter Stubenhocker.<br \/>\nDie alte Therapeutin unterbricht sich und sieht die Journalistin an. \u00bbWissen Sie, was das Schlimmste war, Per-Olaf musste sich das alles mit anh\u00f6ren. Die Frau nahm \u00fcberhaupt keine R\u00fccksicht auf den Jungen. Ich versuchte, die Frau so schnell wie m\u00f6glich loszuwerden und fragte Per-Olaf, ob er eine Stunde bei mir bleiben und spielen wolle. Der Junge schaute sich im Raum um, was er sah, schien ihm zu gefallen, und er nickte. \u00bbSein Vater wird ihn abholen\u00ab, sagte die Frau und verschwand. Wir lauschten dem Klappern ihrer hohen Abs\u00e4tze im Flur.<br \/>\nIch gab dem Jungen die Hand und fragte ihn, ob er Lust habe, in meinem Zimmer zu spielen. Der Kleine sah mich an und ich glaubte, Erleichterung in seinem Gesicht zu sehen.<br \/>\n\u00bbIch muss keine Schularbeiten machen?\u00ab<br \/>\n\u00bbNein, nat\u00fcrlich nicht\u00ab, sagte ich.<br \/>\nDie alte Therapeutin schiebt ein neues Dia in den Projektor. Ein Foto, das den Jungen zeigt, wie er auf dem Boden vor einer l\u00e4nglichen Holzkiste hockt und offensichtlich Figuren hin- und herschiebt.<br \/>\n\u00bbDas ist die Kiste, die ich oft in Therapiesitzungen benutzt habe. Eigentlich eine Puppenstube, eine Puppenstube ohne Dach, sodass man hineinschauen kann. Sehen Sie, ich habe alles aufbewahrt. Hier im Korb sind all die Personen und M\u00f6bel, die man in einer Wohnung finden k\u00f6nnte.\u00ab<br \/>\nDie Journalistin nimmt einzelne P\u00fcppchen in die Hand. Bunte Plastikfig\u00fcrchen, Holzm\u00f6bel, abgegriffen und alt, die Farben verblasst von vielen Kinderh\u00e4nden.<br \/>\n\u00bbHier ist alles drin, was man braucht: Eltern, Gro\u00dfeltern, Geschwister, ein Hund, eine Katze, Tische, St\u00fchle, ein Sofa, Sessel, Betten, ein Fernseher, Spielzeug und was immer Sie wollen. In der ersten Stunde habe ich oft alle Figuren und die Einrichtungsgegenst\u00e4nde auf den Boden gesch\u00fcttet und die Kinder in Ruhe gelassen. Ganz vorsichtig hat auch Per-Olaf die Figuren in die Hand genommen. Zuerst fing er an, das Zimmer einzurichten. Mit langsamen Bewegungen, ohne ein Wort zu sagen, ganz konzentriert. Das Ergebnis war verbl\u00fcffend.\u00ab<br \/>\nDie Therapeutin projiziert ein neues Bild auf die Leinwand. In einer Ecke der Puppenstube sitzen ein Mann und eine Frau vor dem Fernseher. Ein gr\u00f6\u00dferer Junge spielt unter dem Tisch mit einem Laster, hat Kl\u00f6tze eingeladen und wandte sein Gesicht den Eltern zu. Im anderen Zimmer &#8211; offensichtlich dem Schlafzimmer &#8211; liegt ein kleiner Junge allein in seinem Bettchen. Die Zwischent\u00fcr ist geschlossen.<br \/>\n\u00bbDas Baby weint\u00ab, sagte der Junge leise zu mir, als ich ihn fragte, ob ich mir seine Wohnung anschauen durfte. \u00bbEs ist b\u00f6se. Es schreit immer. Mama und Papa k\u00f6nnen nie in Ruhe Fernsehen gucken. Deshalb haben sie die T\u00fcr auch zugemacht.&#8220;<br \/>\n\u00bbUnd der gro\u00dfe Junge, der ist lieber?\u00ab<br \/>\nPer-Olaf nickte. \u00bbJa, der ist viel lieber und ganz klug. Man kann ihn \u00fcberall mit hinnehmen.\u00ab<br \/>\n\u00bbDein Papa holt dich ab\u00ab, sagte ich, als es klingelte.<br \/>\n\u00bbIch bleib auch bei Papa. Mama nimmt ja nur den Robert mit nach K\u00f6ln.\u00ab<br \/>\n\u00bbAls Kindertherapeutin musste ich mich professionell verhalten, aber innerlich brach mir das Herz. Ich brauchte gar nicht zu fragen, was der Junge dort nachspielte. Das ganze Drama seines Lebens lag vor mir.\u00ab<br \/>\n\u00bbUnd? Wie ging die Geschichte weiter?\u00ab<br \/>\nDie alte Frau reicht der Besucherin einen Ordner mit Zeichnungen.<br \/>\n\u00bbDie Mutter ist tats\u00e4chlich mit dem \u00e4lteren Sohn weggezogen. Per-Olaf kam \u00fcber vier Jahre regelm\u00e4\u00dfig zu mir. Er kam gerne und wurde offener. Der Vater hat dann bald eine andere Frau kennen gelernt, die dem Jungen offensichtlich gut tat. Er wurde mit der Zeit fr\u00f6hlicher. Das kann man auch an den Bildern sehen, die er mir im Laufe der drei Jahre malte.\u00ab<br \/>\nSie \u00f6ffnet eine Mappe mit Kinderzeichnungen. \u00bbSchauen Sie, die kleinen Tiere, die sich anfangs immer unter dem Sofa oder in H\u00f6hlen verstecken, kommen nach und nach an die Oberfl\u00e4che und spielen miteinander. Auch in der Schule klappte es besser. Ich war in Kontakt mit der Lehrerin und die best\u00e4tigte mir, dass Per-Olaf nach und nach seine Au\u00dfenseiterposition aufgab und sich immer mehr integrierte und mit den anderen Kindern spielte.\u00ab<br \/>\n\u00bbWissen Sie, was aus dem Jungen geworden ist?\u00ab<br \/>\n\u00bbNach ein paar Jahren zog die Familie weg. Anfangs hatten wir noch Briefkontakt, der brach aber leider ab.\u00ab<br \/>\n\u00bbSie w\u00fcrden heute sicher gerne wissen, was aus Ihren kleinen Patienten geworden ist. Ob sie ihr Leben \u2018gepackt\u2019 haben.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, nat\u00fcrlich. Und ich glaube fest, dass ich einigen Kindern helfen konnte. Meistens sind ja die Eltern schuld, wenn es den Kindern schlecht geht. Aber da kann man nichts machen, wenn die nicht wollen.\u00ab<br \/>\nSchweigend sitzen die beiden Frauen im Halbdunkel.<br \/>\n\u00bbWissen Sie\u00ab, sagt die junge Journalistin, \u00abich hatte eine kleine Schwester, die ist bei meiner Mutter geblieben, als meine Eltern sich getrennt haben. Ich habe sie nie wiedergesehen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbUnd das sind Sie auf dem Bild?\u00ab, fragt die Journalistin und zeigt auf das Schwarz-Wei\u00df-Foto an der Wand. \u00bbSie waren eine Sch\u00f6nheit, wissen Sie das?\u00ab Die alte Dame l\u00e4chelt. \u00bbNun \u00fcbertreiben Sie mal nicht.\u00ab \u00bbDoch, doch\u00ab, sagt die Journalistin und schaut ihre Gastgeberin an. Ein Gesicht von einem langen, sicher nicht immer einfachem Leben gezeichnet. 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