{"id":742,"date":"2015-01-05T12:56:28","date_gmt":"2015-01-05T10:56:28","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=742"},"modified":"2017-10-10T18:28:46","modified_gmt":"2017-10-10T16:28:46","slug":"im-wartesaal-zum-grosen-gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/im-wartesaal-zum-grosen-gluck\/","title":{"rendered":"Casino Lisboa"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jeannette st\u00fcrmt durch die Glast\u00fcr und st\u00f6ckelt auf die Gruppe von elegant gekleideten Frauen zu, die in der Vorhalle des Casino Lisboa Schutz vor dem kalten Novemberwind gesucht haben.<br \/>\n\u00bbNa, ganz sch\u00f6n sp\u00e4t!\u00ab Luise sieht demonstrativ auf die Uhr,<br \/>\n\u00bbSorry. Christian ist so sp\u00e4t aus der Botschaft gekommen. Ich konnte nicht eher weg. Und die Almeda dos Oceanos ist auch dicht.\u00ab<!--more--><br \/>\nDabei war die neunj\u00e4hrige Ana-Lena hinter ihr hergelaufen.<br \/>\n\u00bbMama, wo gehst du hin?\u00ab Und als Jeannette sagte, sie gehe ins Kasino &#8211; sie sah keinen Grund, das zu verschweigen &#8211; hatte die Tochter gesagt:<br \/>\n\u00abWarte, Mama. Bitte, Mama\u00ab. Ungeduldig war sie stehen geblieben, h\u00f6rte die Kleine in ihrem Zimmer eine Schublade aufrei\u00dfen, herumkramen, und dann kam sie die Treppe hinuntergesprungen, einen 50-Euro-Schein in der Faust.<br \/>\n\u00bbMama\u00ab, sagte sie und hielt ihrer Mutter das Geld hin. \u00bbDas musst du f\u00fcr mich setzen. Auf die rote Neun. Bitte!\u00ab<br \/>\nUnd als sie den skeptischen Blick der Mutter sah: \u00bbIst mein Geld. Habe ich gespart. Bitte, bitte.\u00ab<br \/>\n\u00bbWoher wei\u00dft du, wie man Roulette spielt?\u00ab Konnten auch Kinder schon spiels\u00fcchtig sein? Sie hatte da neulich so einen Artikel in \u00bbEltern\u00ab gelesen.<br \/>\n\u00bbSpielen wir doch immer bei AnaBela. Kinderroulette. Mit Spielgeld. Bitte, Mama, einmal richtig spielen.\u00ab<br \/>\nJeannette hatte gez\u00f6gert, die Kleine gebettelt und gefleht. Sie war sp\u00e4t dran. Ok., nur dieses eine Mal. Der Verlust des Geldes w\u00fcrde eine gute Lehre sein.<br \/>\n\u00bbDas Geld ist hinterher weg\u00ab, sagte sie zu ihrer Tochter. \u00abDas ist dir hoffentlich klar.\u00ab<br \/>\n\u00bbBitte, Mama. Nur einmal. Einmal in echt.\u00ab<\/p>\n<p>Die Frauen dr\u00e4ngen ins glas\u00fcberdachte Foyer. Leise prasselt herbstlicher Regen auf die Glaskuppel. Sie gehen zur Garderobe an der hinteren Wand, sch\u00e4len sich aus ihren feuchten M\u00e4nteln.<br \/>\nBefremdet schaut Jeannette sich um. Sie muss zugeben, um Kasinos hat sie bisher einen Bogen gemacht. Eigentlich hat sie eher eine barocke Atmosph\u00e4re erwartet, rote Veloursteppiche, goldene Spiegel an den W\u00e4nden, glitzernde L\u00fcster. Die gl\u00e4serne, kalte Pracht dieses modernen Geb\u00e4udes st\u00f6\u00dft sie ab. Und leise ist es auch nicht. Sie wirft einen Blick in die untere Galerie mit den vor sich hindudelnden und scheppernden Spielautomaten. Alte Frauen grabschen M\u00fcnzen aus Plastikbechern. Ein Mann schl\u00e4gt mit der Faust auf einen blinkenden, wummernden Automaten. Neben dem Eingang stehen einarmige Banditen in Reih und Glied. Wie im wilden Western.<br \/>\n\u00bbJetons bekommen Sie oben am Schalter.\u00ab Der Empfangschef eilt hinter ihnen her. \u00bbHaben Sie noch Fragen zum Prozedere, meine Damen?\u00ab Seine schwarzen Lederschuhe gl\u00e4nzen.<br \/>\n\u00bbNein, nein!\u00ab Luise spreizt die lilalackierten Finger und scheucht ihn weg wie eine Fliege. \u00bbWir kommen schon zurecht. Es ist nicht unser erstes Mal.\u00ab<br \/>\nSie lassen die l\u00e4rmende Welt der Spielautomaten hinter sich, dr\u00e4ngen sich in den verspiegelten Lift zur dritten Etage. Ein pr\u00fcfender Blick in den Spiegel, schnell ein Str\u00e4hnchen in die Stirn gezupft, die Lippen nachgezogen.<br \/>\nGed\u00e4mpftes Stimmengewirr aus dem Salon, Orientteppiche auf gl\u00e4nzendem Parkett, der Empfangstresen aus schwarzem Marmor. Jeannette bleibt stehen, betrachtet die zwei langen Spieltische mit den Roulette-Maschinen am Kopfende. Befrackte Croupiers singen franz\u00f6sische Laute. Wei\u00dfe Kugeln klacken in den sich drehenden Scheiben. Auf gr\u00fcnen Tableaus schieben gepflegte, goldberingte H\u00e4nde Jetons hin und her. Fatima kommt auf sie zu, im langen, roten Kleid, die dunklen Haare mit Perlklammern hochgesteckt, die Lippen \u00fcppig geschminkt. Hinter ihr ein Ober mit einem Dutzend gef\u00fcllter Champagnergl\u00e4ser.<br \/>\n\u00bbDa seid ihr ja!\u00ab Fatimas Gesicht strahlt. \u00bbIch habe mir schon Sorgen gemacht.\u00ab<br \/>\nLuise will etwas sagen, aber Fatima schnattert weiter. \u00bbMein Vierzigster. Das muss gefeiert werden. Da will ich alle meine lieben Freundinnen um mich haben. Zum Tr\u00f6sten.\u00ab<br \/>\nEigentlich ist Fatima eine dumme, eingebildete Pute. Jeannette kneift die Augen zusammen. Und ihre Freundin ist sie schon gar nicht. Sie ist doch nur eingeladen, weil Fatimas Mann mit ihrem Mann &#8230;.<br \/>\nSie beugt sich zu Fatima, haucht ihr ein K\u00fcsschen links, ein K\u00fcsschen rechts auf die Wange, vorsichtig, damit die Schminke nicht verschmiert:<br \/>\n\u00bbAlles Gute zum Geburtstag, liebe Fatima. Parabens und dass du&#8230;\u00ab<br \/>\nFatima hat sich schon abgewendet, l\u00e4sst sich von der n\u00e4chsten Frau k\u00fcssen: links, rechts, links, rechts. Ein wenig hilflos stehen sie alle da, mit ihren aufw\u00e4ndig verpackten Geschenken in den H\u00e4nden.<br \/>\n\u00bbDie P\u00e4ckchen k\u00f6nnt ihr dort ablegen, meine Lieben\u00ab, Fatima zeigt auf einen gl\u00e4nzenden Mahagony-Tisch neben der Eingangst\u00fcr. \u00bbUnd dann trinken wir erst einmal einen Champagner.\u00ab Sie kichert. \u00bbHaben alle gen\u00fcgend Jetons? Ihr habt euch doch sicher gut bewaffnet heute Abend. Die M\u00e4nner ordentlich bluten lassen?&#8220;<br \/>\nHast du bestimmt, denkt Jeannette. Sie hat 1000 Euro von ihrem Konto abgehoben. Christian um Geld zu bitten, das w\u00e4re ihr sch\u00e4big vorgekommen. Sie wei\u00df ja, wie skeptisch er dem Gl\u00fccksspiel gegen\u00fcbersteht, er, der streng erzogene Pfarrerssohn.<br \/>\nSie geht an den protzigen Schalter, schiebt einen B\u00fcndel Scheine hin\u00fcber, kauft Jetons f\u00fcr 1050 Euro. Absolutes Limit, sagt sie sich. Keinen Cent mehr. Am hinteren Roulette-Tisch werden Pl\u00e4tze frei, Fatima winkt. Sie setzen sich, legen die Jetons in 10er-Stapel vor sich auf den Tisch.<br \/>\nWas hatte Ana-Lena gesagt? 50 Euro auf die rote Neun? So ein Irrsinn. Das kann nur schiefgehen. Die Scheibe trudelt vor sich hin, links und rechts platzieren die Frauen ihre Wetten. Jeannettes H\u00e4nde flattern, sie f\u00fchlt ihr Blutdruck steigen. Der Croupier sagt: \u00bbFaites vous jeux, Mesdames et Messieurs\u00ab, und sie schiebt Ana-Lenas gelben Jeton auf die rote Neun. Luise neben ihr schaut verdutzt auf.<br \/>\n&#8222;Rien ne va plus!\u00ab Der Croupier setzt die Drehscheibe in Bewegung und wirft die Elfenbeinkugel geschickt gegen die Drehrichtung in den Zylinder. Die wei\u00dfe Kugel f\u00e4llt und steigt, h\u00fcpft durch die Nummerf\u00e4cher, verharrt kurz in der schwarzen 15, h\u00fcpft hin\u00fcber in die rote 19, klackert rauf und runter, wird langsamer, springt auf den Metallrand, der die einzelnen Nummernfelder trennt, verlangsamt den Schwung, wird wieder mitgenommen von der Bewegung der kraftvoll sich drehenden Scheibe, hopst in das Fach der roten Neun. Jeannette schreit auf, wow, schl\u00e4gt die Hand vor den Mund. Routiniert zieht der Croupier verlorene Eins\u00e4tze mit dem Rechen vom Tisch und schiebt die Steine mit beiden H\u00e4nden in ein Loch, zahlt die Gewinne aus f\u00fcr diejenigen, die auf Rot gesetzt haben oder auf Ungerade. Erst am Schluss harkt er die Jetons auf der roten Neun zu sich heran, z\u00e4hlt sie sorgf\u00e4ltig und verf\u00fcnfunddrei\u00dfigfacht die Anzahl der Steine. Jetons im Wert von 1750 Euro. Jeannettes Herz rast. Die Frauen um sie herum lachen, prosten ihr zu.<br \/>\n\u00bbAnf\u00e4ngergl\u00fcck\u00ab, sagt Luise.<br \/>\n\u00bbIst nicht mein Gewinn\u00ab, sagte Jeannette und ihr Hals hat rote Flecken. \u00bbIch habe f\u00fcr meine Tochter gesetzt.\u00ab<br \/>\nSie steht auf, geht in den Flur, wechselt die Jetons in Bargeld, stopft das B\u00fcndel Scheine in die Tatsche.<br \/>\n\u00bbIst Ana-Lena schon im Bett?\u00ab, fragt sie ihren Mann am Telefon. \u00bbIch muss sie unbedingt sprechen.\u00ab<br \/>\nDa h\u00f6rt sie schon die Kinderstimme. \u00bbIst das Mama? Habe ich gewonnen?\u00ab<br \/>\n\u00bbJa\u00ab, sagt Jeannette. \u00bb1750 EU. Die rote Neun kam sofort.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch wusste es!\u00ab, schreit Ana Lena.<br \/>\n\u00bbUnd was soll ich jetzt tun?\u00ab<br \/>\n\u00bbGar nichts, Mama!\u00ab Ana-Lenas Stimme klingt entschlossen. \u00abJetzt kann ich mir ein Pony kaufen.\u00ab<br \/>\nJeannette schluckt. \u00bbDar\u00fcber sprechen wir noch\u00ab, sagt sie. \u00abAber eines musst du mir noch verraten. Warum die rote Neun?\u00ab<br \/>\n\u00bbIst doch logisch, Mama. Ich bin neun und ein M\u00e4dchen.\u00ab<br \/>\n\u00bbJa, total logisch\u00ab. Jeannette muss lachen. \u00bbNun schlaf sch\u00f6n, mein Schatz.\u00ab<\/p>\n<p>Sie h\u00e4ngt ein, geht zur\u00fcck zum Roulette-Tisch, l\u00e4sst sich noch ein Glas Champagner reichen und setzt zwei 25-Euro-Jetons auf 36 Rot. Ihr Adrenalin feuert. Die Kugel l\u00e4uft und h\u00fcpft, klackert hoch in die Sch\u00fcssel und wieder hinunter. Wird langsamer, torkelt von Nummernfach zu Nummernfach. Bleibt endlich liegen. Nicht auf der roten 36, nat\u00fcrlich nicht. Sie versucht es noch einmal. Und noch einmal. Die schiere M\u00f6glichkeit zu gewinnen treibt sie an. Sie verliert. Und verliert wieder. Ein Rausch fegt sie aus dem Alltag, macht sie unzug\u00e4nglich f\u00fcr jedes logische Argument. Gebannt verfolgen ihre Augen die kleine wei\u00dfe Kugel, sie f\u00fchlt das Blut in ihren Adern tosen. Wieder verloren. Es ist doch nur ein Spiel. Ein Spiel mit Plastikchips, kein wirkliches Geld. Sie verspielt ihre tausend Euro, leiht sich von Luise den gleichen Betrag noch einmal. Sie kann nicht aufh\u00f6ren. Nicht jetzt. Ihr Kopf ist rot, die H\u00e4nde feucht. Sie trinkt ihr viertes oder f\u00fcnftes Glas Champagner. Die rote 36 muss einfach fallen. Ana-Lenas Geld wird ihr Gl\u00fcck bringen.<br \/>\nSie kommt zu sich, als kein Jeton mehr vor ihr liegt; abrupt steht sie auf. Sie hat Schulden gemacht, reale Schulden, Spielschulden. Tief in ihrem Herzen ist sie eine Spielerin. Eine s\u00fcchtige Spielerin. Und zuviel getrunken hat sie auch. Obwohl sie eigentlich gar keinen Champagner mag.\u00a0 \u00dcberst\u00fcrzt verl\u00e4sst sie das Kasino.<br \/>\nZuhause stellt Christian keine Fragen. Sie h\u00f6rt ihn im Bad summen: \u00abIm Wartesaal zum gro\u00dfen Gl\u00fcck, da warten viele, viele Leute &#8230;\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jeannette st\u00fcrmt durch die Glast\u00fcr und st\u00f6ckelt auf die Gruppe von elegant gekleideten Frauen zu, die in der Vorhalle des Casino Lisboa Schutz vor dem kalten Novemberwind gesucht haben. \u00bbNa, ganz sch\u00f6n sp\u00e4t!\u00ab Luise sieht demonstrativ auf die Uhr, \u00bbSorry. Christian ist so sp\u00e4t aus der Botschaft gekommen. Ich konnte nicht eher weg. Und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-742","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erzahlungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/742","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=742"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/742\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1477,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/742\/revisions\/1477"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=742"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=742"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=742"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}