{"id":732,"date":"2014-11-21T17:42:26","date_gmt":"2014-11-21T15:42:26","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=732"},"modified":"2022-09-28T10:50:36","modified_gmt":"2022-09-28T08:50:36","slug":"hautung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/hautung\/","title":{"rendered":"H\u00e4utung"},"content":{"rendered":"<p>Am Sonntagmorgen ist es der einzige Fr\u00fchzug in die Stadt. Pauline will ihn auf keinen Fall verpassen. Ab Hauptbahnhof f\u00e4hrt eine Stra\u00dfenbahn weiter zum Klinikum. Der Wind treibt den Regen schr\u00e4g \u00fcber den offenen Bahnsteig. Die braune Wollm\u00fctze hat sie tief in die Stirn gezogen, den Mantelkragen hochgeklappt.<br \/>\nNat\u00fcrlich hatte es Fotos von ihr gegeben, vor zwei Jahren. Wie die Geier hatten die Journalisten auf sie gewartet, drau\u00dfen auf der Treppe vor dem Gerichtsgeb\u00e4ude. Pauline hatte die H\u00e4nde vors Gesicht geschlagen, aber trotzdem war ein Foto von ihr an die Presse gelangt. Ein Familienfoto. Sie und die vier Kinder im Garten: Baby Mia auf ihrem Arm, die Zwillinge Nils und Eike lachend \u00fcbereinander purzelnd, die siebenj\u00e4hrige Mara an die Mutter geschmiegt. Von Johannes ist nichts zu sehen. Vielleicht war er der Fotograf. Sie sieht gl\u00fccklich aus, lacht in die Kamera, so wie er es immer haben wollte. Die dunkelblonden Haare fallen ihr ins Gesicht, die dunklen Augen blinzeln in die Sonne, der Mund mit den weichen, ungeschminkten Lippen leicht ge\u00f6ffnet.<br \/>\nSeit zwei Jahren steigt sie einmal die Woche die steilen Stufen zu Frau Dr. Arens Praxis empor. Eine posttraumatische Belastungsst\u00f6rung hatte die Psychotherapeutin diagnostiziert. W\u00fcrde Frau Dr. Arens sie weiter behandeln, wenn sie w\u00fcsste, wohin sie f\u00e4hrt?<br \/>\n\u00bbSie kommen gut voran\u00ab, hat sie neulich gesagt. \u00bbSie sind dabei, Ihre alte Kraft zur\u00fcckzugewinnen. \u00ab<!--more--><\/p>\n<p>Als sie vor zwei Jahren aufs Land zog, weit entfernt von dem Ort, in dem sie mit ihrer Familie gelebt hatte, als die Welt noch heil war, da sorgte sie daf\u00fcr, dass niemand sie wiedererkennen w\u00fcrde. Ihr langes dunkelblondes Haar, das Johannes geliebt und oft durch seine Finger hatte gleiten lassen, lie\u00df sie raspelkurz schneiden und schwarz f\u00e4rben. Ihr Gesicht ist aufgedunsen infolge der Psychopharmaka, die Frau Dr. Arens in den ersten Monaten f\u00fcr unabdingbar hielt und die sie heimlich weiter nimmt, um \u00fcberhaupt morgens aufstehen zu k\u00f6nnen. Vor einem halben Jahr hat sie wieder angefangen zu arbeiten. Nicht in ihrem alten Beruf. Um Gottes willen, sie kann keine Kinder ertragen.<br \/>\n\u00bbDas ist v\u00f6llig normal\u00ab, sagt Frau Dr. Arens, h\u00fctet sich aber davor zu behaupten, allen Frauen ginge es so nach einer derma\u00dfen traumatischen Erfahrung. \u00bbWir machen Krisenintervention. Eine Analyse hilft im Moment nicht weiter. \u00ab<br \/>\nAchtsamkeitstraining nennt Frau Dr. Arens die \u00dcbungen, und Pauline hat an guten Tagen gelernt, ihren Atem zu beobachten, ihren Herzschlag zu beruhigen. Auch im Alltag haben ihre Panikattacken nachgelassen. Sie hat nicht mehr das Gef\u00fchl zu ersticken, wenn sie \u00fcber die Kinder spricht oder das Gesicht von Johannes vor ihr auftaucht. Setzt sie das alles aufs Spiel? Was macht sie in diesem Zug?<\/p>\n<p>Pauline war 19, als sie Johannes kennen lernte, im letzten Jahr ihrer Erzieherausbildung. Er hatte sich im Zug neben sie gesetzt. Er sei Oberfeldwebel bei der Bundeswehr, sagte er. Fallschirmspringer. Seine zur\u00fcckhaltende Art, seine l\u00e4chelnden blauen Augen gefielen ihr. Sie trafen sich \u00f6fter. Er brachte ihr Blumen, machte Komplimente. Von seinem Einsatz in Afghanistan erz\u00e4hlte er Pauline nichts. Davon erfuhr sie erst sp\u00e4ter, nach der Trauung. Pauline wurde schwanger. Sie heirateten an ihrem 20. Geburtstag.<br \/>\n\u00bb\u00dcber den Krieg wollte er nicht mit mir sprechen\u00ab, sagte Pauline zu Frau Dr. Arens. \u00bbNachts hat er oft geschrien. Tags\u00fcber verhielt er sich v\u00f6llig normal. Ging zum Dienst, spielte mit den Kindern, arbeitete im Garten. \u00ab<br \/>\n\u00bbEr hat Sie nicht belasten wollen\u00ab, sagte die Therapeutin. \u00bbEr hat alles in sich hineingefressen. Seine Familie war sein Halt. \u00ab<br \/>\n\u00bbHabe ich versagt?\u00ab, fl\u00fcsterte Pauline. \u00bbH\u00e4tte ich ihn besser st\u00fctzen m\u00fcssen?\u00ab<br \/>\n\u00bbSie waren total \u00fcberfordert. Er h\u00e4tte professionelle Hilfe gebraucht. \u00ab<\/p>\n<p>Als Mara geboren wurde, lie\u00dfen Johannes Albtr\u00e4ume nach. Er war ein liebevoller Vater. Mara hatte in den ersten Monaten Koliken, weinte viel. Nachts hielt Johannes das Baby im Arm, ging mit ihm in der Wohnung auf und ab.\u00a0 Doch nach einem Jahr verschlimmerte sich sein Zustand wieder. Die Tr\u00e4ume kamen zur\u00fcck. Er war morgens so zerschlagen, dass er nicht aufstehen konnte, wurde wegen schwerer Depressionen wochenlang krankgeschrieben. Nach einer dreimonatigen Reha in der psychosomatischen Abteilung einer Bundeswehr-Klinik schien er wieder gesund zu sein.<br \/>\n\u00bbEs wird schon wieder\u00ab, sagte er und umarmte sie. \u00bbIch bin so froh, dass ich dich habe. Dich und Mara.\u00ab<br \/>\nEs sei eine sch\u00f6ne Zeit gewesen, wie frisch verliebt, sagte Pauline. Die Zwillinge wurden geboren. Sie schloss die Augen. Die Therapeutin schob eine Packung Tempos n\u00e4her. Pauline sch\u00fcttelte den Kopf. Kein Taschentuch. Ihre Augen waren trocken. Sie presste ihre Arme gegen den Bauch. Atmete flach.<br \/>\n\u00bb\u00dcberfordern Sie sich nicht\u00ab, sagte die Therapeutin. \u00bbSie sind auf dem Weg. Sie schaffen das. \u00ab<\/p>\n<p>Der Zug f\u00e4hrt ein. Er ist fast leer. Im hinteren Abteil bl\u00e4ttert ein \u00e4lterer Mann in einer Zeitung. Nein, sie wird ihrer Therapeutin nichts erz\u00e4hlen von dieser Fahrt. Gar nichts. Vielleicht sollte sie die Therapie abbrechen.<\/p>\n<p>Johannes hatte angefangen zu trinken. Nicht regelm\u00e4\u00dfig. Er wurde aggressiv. Nicht gegen\u00fcber den Kindern, nie. Aber sie schlug er, nachts, wenn die Kinder schliefen. Schlug sie, warf sie aufs Bett, vergewaltigte sie.<br \/>\n\u00bbDu wirst mich sowieso im Stich lassen\u00ab, sagte er. \u00bbWie alle vor dir. Nun gebe ich dir einen Grund, mich zu hassen. Damit du kein schlechtes Gewissen hast.\u00ab<br \/>\n\u00bbIch h\u00e4tte ihn verlassen m\u00fcssen. Damals schon\u00ab, sagte Pauline in einer Therapiestunde. \u00bbAber ich habe geglaubt, er w\u00fcrde sich \u00e4ndern. Am n\u00e4chsten Morgen hat er vor mir auf den Knien gelegen. Um Verzeihung gebettelt.\u00ab<br \/>\n\u00bbSie wollten ihm glauben. \u00ab<br \/>\n\u00bbIch wurde wieder schwanger, habe die Pille nicht vertragen. Und er hatte versprochen aufzupassen. \u00ab<br \/>\n\u00bbSie f\u00fchlten sich in der Falle. \u00ab<br \/>\n\u00bbIch wollte den Kindern den Vater nicht nehmen. Er liebte sie. Abg\u00f6ttisch. Ich bin an diesem Wochenende nur weggefahren, um in Ruhe nachdenken zu k\u00f6nnen. \u00ab<br \/>\n\u00bbSie haben geglaubt, die Kinder seien gut aufgehoben. \u00ab<br \/>\n\u00bbAber warum wollte er die Kinder mitnehmen in den Tod?\u00ab Zum hunderttausendsten Mal dieselbe Frage.<br \/>\n\u00bbWeil er krank ist. Eine krankhafte seelische St\u00f6rung. Sie kennen das Gutachten. Sie wissen, warum er nicht im Gef\u00e4ngnis ist, sondern in der Psychiatrie. \u00ab<br \/>\n\u00bbDas bringt mir die Kinder nicht zur\u00fcck. \u00ab<br \/>\n\u00bbIch wei\u00df\u00ab, die Stimme der Therapeutin ist sanft. \u00bbNichts bringt Ihnen die Kinder zur\u00fcck. \u00ab<br \/>\n\u00bbJede Nacht sehe ich sie. Aufgebahrt im Ehebett. Mit durchschnittener Kehle. Wie soll ich dieses Bild vergessen? \u00ab<br \/>\n\u00bbSie werden das Bild nicht vergessen. Aber es wird schw\u00e4cher werden. Mit der Zeit wird es schw\u00e4cher werden. \u00ab<\/p>\n<p>Nun f\u00e4hrt sie hin zu diesem Mann, zu dem M\u00f6rder ihrer Kinder. Frau Dr. Arens w\u00fcrde sie dazu bringen einzusehen, wie verr\u00fcckt der Brief ist, den Johannes ihr geschrieben hat. Krank und verr\u00fcckt.<br \/>\nUnd doch gibt es nichts Wichtigeres in ihrem Leben, als mit Johannes zu sprechen. Es ist Johannes, der ihr geschrieben hat, er habe die Kinder gesehen. Den Kindern gehe es gut. Sie seien gl\u00fccklich dort, wo sie sind. Sie muss zu Johannes. Unbedingt. Er ist ihre einzige Verbindung zu den Kindern, der einzige, der sie kennt, der noch wei\u00df, wie sie aussehen, der mit ihnen gelacht und sie getr\u00f6stet hat, wenn sie weinten. Er kennt die Farbe ihrer Augen, hat \u00fcber ihre Haare gestrichen, mit ihnen geredet.<br \/>\nDer Regen hat nachgelassen. Ein junger Afrikaner ist zugestiegen, holt seinen iPod aus der Tasche, fummelt Kopfh\u00f6rer aus dem kleinen, braunen Rucksack, tippt auf dem Display herum und legt den Kopf zur\u00fcck ans Polster, schlie\u00dft die Augen. Pauline starrt aus dem Fenster. Eine graue nasse Decke wabert auf Feldern, weicht die Konturen der roten Klinkerh\u00e4user auf, an denen der Vorortzug vorbeirauscht.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Halt torkeln drei M\u00e4nner mit kahl rasierten Sch\u00e4deln ins Abteil. Skins, durchzuckt es Pauline. Die muskul\u00f6sen Arme t\u00e4towiert, Bierflaschen in den F\u00e4usten. Sie gr\u00f6len, als ihr Blick auf den jungen Schwarzen f\u00e4llt. Die Spitze eines Springerstiefels schnellt vor.<br \/>\n\u00abHe, Kanake, steh auf! Das ist unser Sitzplatz.\u00ab<br \/>\nDer Junge starrt die drei M\u00e4nner an.<br \/>\n\u00bbWas hat der denn da? Einen iPod? Geklaut, was? Oder vom Sozialamt spendiert?\u00ab Sie lachen.<br \/>\n\u00bbIch habe ihn gekauft\u00ab, sagt der junge Mann leise. \u00bbVon meinem Geld. Ich habe eine Putzstelle im Krankenhaus. \u00ab<br \/>\n\u00bbKrankenhaus, da geh\u00f6rst du auch hin. \u00ab<br \/>\nVerst\u00f6rt blickt sich der Junge um. Der \u00e4ltere Mann hat das Abteil verlassen. Hat wohl geahnt, dass es Stunk gibt.<br \/>\n\u00bbLasst den Jungen in Ruhe\u00ab, sagt Pauline. \u00abEr hat euch nichts getan \u00ab<br \/>\nSie zerren ihn vom Sitz. Werfen ihn auf den Boden. Einer tritt zu. Der Junge schreit. Wo ist ihr Handy? In der Handtasche. Nat\u00fcrlich ausgestellt. Ihre Augen gehen hinauf zur Notbremse.<br \/>\n\u00bbLass das, Alte\u00ab, sagt einer der Skins.<br \/>\nDer Junge windet sich, versucht einem Angreifer in die Hand zu bei\u00dfen. Der jault auf, schl\u00e4gt zu. Der Kopf des Jungen knallt auf den Boden. Die Klinge eines Messers blitzt auf.<br \/>\n\u00bbNein\u00ab, schreit Pauline und st\u00fcrzt sich \u00fcber den Jungen. Versucht, ihn mit ihrem K\u00f6rper zu sch\u00fctzen. Das Messer zuckt durch die Luft. Ein stechender Schmerz. Schw\u00e4rze.<br \/>\n\u00bbGl\u00fcck gehabt\u00ab, sagt eine Stimme, als sie auf dem Boden liegend wieder zu sich kommt. \u00bbDie Klinge hat den Oberarm nur gestreift. \u00ab<br \/>\nPauline schaut auf. Ein Mann in wei\u00dfem Kittel f\u00fchlt ihren Puls, ein Stethoskop um den Hals. Der schwarze Junge kniet neben ihr, ein blutiges Taschentuch vor die Nase gepresst.<br \/>\nEin Polizeibeamter macht Notizen. \u00bbLeichtsinnig von Ihnen, sich einzumischen. Doch wahrscheinlich haben Sie dem jungen Mann hier das Leben gerettet.&#8220;<br \/>\n\u00bbEin \u00e4lterer Herr hat im n\u00e4chsten Wagen die Notbremse gezogen, die Typen sind abgehauen. \u00bb Der Arzt zuckt die Schultern. &#8222;Wir nehmen Sie mit ins Krankenhaus. F\u00fcr alle F\u00e4lle. K\u00f6nnen wir jemanden aus ihrer Familie benachrichtigen? \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNein, danke\u00ab, sagt Pauline. \u00bbIch komme zurecht. Mir geht es gut. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWo wollen Sie hin? Sollen wir ein Taxi rufen? \u00ab, fragt ein Polizist.<\/p>\n<p>\u00bbJa, bitte. Ich werde den Jungen nach Hause bringen. \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbSind Sie sicher? \u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJa. Ganz sicher!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Sonntagmorgen ist es der einzige Fr\u00fchzug in die Stadt. Pauline will ihn auf keinen Fall verpassen. Ab Hauptbahnhof f\u00e4hrt eine Stra\u00dfenbahn weiter zum Klinikum. 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