{"id":689,"date":"2014-08-18T12:11:59","date_gmt":"2014-08-18T10:11:59","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=689"},"modified":"2023-01-31T20:17:35","modified_gmt":"2023-01-31T19:17:35","slug":"initiation-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/initiation-3\/","title":{"rendered":"Praia do Meco &#8211; Im Gericht"},"content":{"rendered":"<p>Eine schwarze Monsterwelle kam auf den Strand zugerast, wurde gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer. Das brausende Wasser \u00fcberrollte Menschen, Liegen, Sonnenschirme, jagte donnernd in Richtung Strandpromenade. Riss alles mit, was ihr in den Weg kam, auch die Schreie der Menschen.<br \/>\nSt\u00f6hnend fuhr er hoch. Er starrte in die Dunkelheit. \u00bbQuerido, was hast du?\u00ab, eine besorgte Stimme, die k\u00fchle Hand seiner Frau. \u00bbHast du schlecht getr\u00e4umt?\u00ab<br \/>\nDer Jugendstaatssekret\u00e4r Emidio Guerreiro w\u00e4lzte sich aus dem Bett. Erst hatte er stundenlang wachgelegen, sich von einer Seite auf die andere gedreht. Dann kamen die Albtr\u00e4ume. Er murmelte Unverst\u00e4ndliches, nahm die nass geschwitzte Bettdecke und das zerkn\u00fcllte Kopfkissen unter den Arm und schlich nach nebenan ins G\u00e4stezimmer.<\/p>\n<p>Kaum machte er die Augen zu, sah er den \u00fcbergro\u00dfen Mund des Rektors vor sich, die farblosen Lippen zu einem Strich gedehnt, die vom Rauchen angegilbten Z\u00e4hne, klein und spitz wie bei einem Frettchen:<br \/>\n\u00bbIch bin gegen jede Form von Zensur. Jeden Tag sterben Leute auf der Stra\u00dfe, aber deshalb werden wir niemandem verbieten, auf die Stra\u00dfe zu gehen\u00ab<br \/>\nWie bitte, hatte er gefragt, die Opfer sind schuld, nicht die T\u00e4ter? Der Rektor hatte gar nicht verstanden, was er meinte. Der Staatsanwalt hatte eingegriffen. \u00bb<br \/>\n\u00bbBei allem Respekt,\u00a0 Exzellenz\u00ab, hatte er gesagt, \u00bbhier geht es in erster Linie um die Organisatoren der Rituale, nicht um die Erstsemester, die sich ihnen unterwerfen m\u00fcssen. Ein tragischer Ausgang!\u00ab<br \/>\n\u00bb Ja, ja, tragisch, tragisch, tragisch. Egal, welche Zeitung man aufschl\u00e4gt. Ich kann das heuchlerische Geschrei nicht mehr h\u00f6ren\u00ab, polterte der Rektor.<\/p>\n<p>Als h\u00e4tten diese schreibenden Schmierfinken eine Ahnung, was tragisch bedeutete, dachte der Rektor. Unschuldig schuldig werden: Wer war hier unschuldig schuldig geworden? Er als Rektor der Universit\u00e4t? Das gest\u00f6rte Kerlchen, das den <em>Dux<\/em> spielte und sich nun heulend bei seinen Eltern verkrochen hat? Er habe das nicht gewollt, war das einzige, was man aus ihm herausbekommen hatte. Und jetzt das Geschrei, die Aufnahmerituale zu verbieten. Verbieten ist ja immer gut, das ist einfach, kommt gut an, beruhigt die Volksseele und kostet nichts. Er war jedenfalls gegen jede Form der Zensur. Jeden Tag starben Leute auf den Stra\u00dfen &#8211; besonders hier in Portugal &#8211; wo das Auto zum Sozialprestige geh\u00f6rte und keiner dieser rasenden Machos den Wagen wirklich beherrschte, ganz zu schweigen vom Alkoholkonsum. Schrie er deswegen nach Verboten? Keine Autos mehr einf\u00fchren oder den Leuten verbieten, auf die Stra\u00dfe zu gehen? Sie k\u00f6nnten von irgendeinem Idioten \u00fcberfahren werden? Das war doch irre.<br \/>\nKlar ging es ihm um den Ruf seiner Universit\u00e4t. Universidade de Lusofana, eine private Institution; es war schwierig, jedes Jahr die F\u00f6rdergelder zusammenzukriegen. Nat\u00fcrlich war jeder Neustart mit Problemen verbunden. Die Uni hatte\u00a0 keine lange Tradition wie Coimbra, sie konnte sich noch nicht leisten, die besten Studenten auszusuchen, deshalb aber von einer drittklassigen Universit\u00e4t zu sprechen, traf die Sache nicht. Nat\u00fcrlich nahm sie jeden auch noch so schlechten Abiturienten auf, wenn die Eltern gen\u00fcgend zahlten. Die Universit\u00e4t brauchte das Geld, denn sie musste jede Menge Stipendien vergeben, sonst bekam die die Mindestanzahl\u00a0 der Studenten gar nicht zusammen. Ihm blutete schon das Herz, wenn er sich die Zeugnisse anschaute oder die <em>akademischen<\/em> Leistungen gerade der Stipendiaten aus den fr\u00fcheren Kolonien. Aber immerhin war das genau das Ziel der <em>grupo lusofana<\/em>, den Bildungsgrad\u00a0 in diesen L\u00e4ndern zu erh\u00f6hen. Sonst bek\u00e4men sie \u00fcberhaupt keine staatlichen Gelder.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich wollten diese jungen Leute dazugeh\u00f6ren, dazugeh\u00f6ren zu der akademischen Elite des Landes. Und\u00a0 wie wollten sie das bewerkstelligen? Durch Aufnahmerituale nat\u00fcrlich. Ein alter Zopf. Kannte er von der Armee zur Gen\u00fcge. Auch das altehrw\u00fcrdige Coimbra hatte vor Jahren seinen Skandal, als die reichen Eltern einer der betroffenen Studenten klagten, weil der Schw\u00e4chling die Mutprobe nicht durchhielt.<br \/>\nZugegeben, am Strand war die Sache aus dem Ruder gelaufen. Er glaubte dem D<em>ux<\/em>\u00a0 sogar, dass der die Konsequenzen nicht \u00fcbersehen hatte.\u00a0 Der Junge war nicht dumm. Nein, eigentlich recht intelligent. Aber Intelligenz und Brutalit\u00e4t schlossen sich \u00a0nicht aus. Sah man schon an seinem Vater, einem der einflussreichsten Unternehmer im Lande. Der Junge hatte fr\u00fch angefangen, in die Fu\u00dfstapfen des Vaters zu treten. Die Organisation der j\u00e4hrlichen praxes war ein \u00dcbungsfeld. Aber die\u00a0 andern sechs &#8211; nat\u00fcrlich ein Drama, dass sie ihre Dummheit mit dem Leben bezahlen mussten &#8211; waren keine geistigen Leuchten, er hatte sich die Zeugnisse angesehen. Also wichen sie auf eine Nebenkarriere aus, wollten dazugeh\u00f6ren, schmeichelten sich ein beim Dux, waren seine Untergebenen. Kannte er doch.\u00a0 Vive Salazar.<br \/>\nNat\u00fcrlich war die Krabbelei am Strand auf allen Vieren mitten im Dezember nur l\u00e4cherlich, dazu noch mit Steinen um die Fu\u00dfgelenke. Die paar Zeugen \u2013 alle naive Dorfbewohner &#8211; hatten wohl ihren Augen nicht getraut und sich\u00a0 hundertmal bekreuzigt. Die Elite des Landes auf Knien im Sand robbend.\u00a0 Die Beantwortung von Fragen mit dem R\u00fccken zum Meer war allerdings originell. Zumindest Kopfarbeit.\u00a0 Bei Nichtbeantwortung ein paar Schritte zur\u00fcck Richtung Meer fand er\u00a0 nicht schlecht. Sollte man auch in den Seminaren einf\u00fchren. Ha, ha, ha. Nicht immer dieses Verst\u00e4ndnisges\u00e4usel. Nein, Konsequenzen tragen f\u00fcr Nichtwissen, egal ob aus Dummheit oder Faulheit.<br \/>\nDas Meer war seit Tagen unruhig, die Wellen hoch. Als h\u00e4tten die noch nie was von Monsterwellen geh\u00f6rt. Der <em>Dux<\/em> hatte sie einfach zu tief ins Wasser gehen lassen. Er selbst war nat\u00fcrlich auf dem trockenen Sand stehengeblieben, seine Macht auskostend. Eine unheilvolle Konstellation. Intelligenz\u00a0 und Herrschsucht gegen Dummheit und der Sehnsucht nach Gehorsam und Unterwerfung, dem unbedingten Wunsch dazuzugeh\u00f6ren.\u00a0 Das politische Establishment hing mit drin.\u00a0 Und sein Job als Rektor war es, die Reputation seiner Universit\u00e4t zu sch\u00fctzen. Gottseidank stand er nicht allein da. Auch seine Kollegen f\u00fcrchteten um ihren Ruf. Um ihren Job. Aber die Presse w\u00fcrde sich abregen, die Meldungen w\u00fcrden aus den Zeitungen verschwinden. Der Prozess wird ohne Beteiligung der \u00d6ffentlichkeit stattfinden, das Thema war zu brisant. Kein Politiker hatte Interesse, das portugiesische Universit\u00e4tswesen der L\u00e4cherlichkeit preiszugeben.\u00a0 Sie mussten die ganze Sache nur aussitzen.<\/p>\n<p>Der Staatsanwalt hob wieder einmal theatralisch die H\u00e4nde. \u00bbMeine Herren, meine Herren, lassen Sie uns vern\u00fcnftig bleiben. Wir m\u00fcssen eine L\u00f6sung finden. Die Presse wartet drau\u00dfen. Die Eltern der Opfer auch.\u00ab<br \/>\nEs gehe ihm um den Ruf seiner Universit\u00e4t, sagte der Rektor. Die Investorengruppe Lus\u00f3fona habe die Universit\u00e4t gegr\u00fcndet, um an einer privaten Uni auch den Jugendlichen ein akademisches Studium zu bieten, die&#8230;\u00ab<br \/>\n\u00bbf\u00fcr eine renommierte Universit\u00e4t zu schwache Leistungen bringen\u00ab, warf der Staatsanwalt ein und erntete einen vernichtenden Blick. Doch das war die Realit\u00e4t. Alle wussten um die Stipendien und auch, warum sie vergeben wurden. So konnten Gelder aus staatlichen Bildungsprogrammen abgesch\u00f6pft werden. Nein, hatte der Rektor das Gespr\u00e4ch zusammengefasst und sich eine Zigarre aus dem silberbeschlagenen Etui genommen, die Uni treffe keine Schuld. Sie m\u00fcssten nur auf die Aussagen des einzigen \u00dcberlebenden warten.<br \/>\n\u00bbDer hat sich seit Wochen im Haus seiner Eltern versteckt und w\u00fcrde mit Genehmigung der Staatsanwaltschaft abgeschirmt\u00ab, behauptete der Jugendstaatssekret\u00e4r. Schlie\u00dflich sei der Vater des jungen Mannes ein nicht ganz unbekannter Unternehmer.<br \/>\nDer Rektor ignorierte den Einwurf, sah den Staatsanwalt an. \u00bbWir sitzen alle im selben Boot und sollten uns nicht gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben.\u00ab<br \/>\nEr nicht, er sitze nicht im selben Boot, hatte Emidio Guerreiro gesagt, aber die andern beiden Herren hatten mitleidig gel\u00e4chelt. Nat\u00fcrlich nicht, weder vom famili\u00e4ren Hintergrund noch von den akademischen W\u00fcrden her konnte er ihnen das Wasser reichen.<\/p>\n<p>Emidio Guerreiro wusste, an Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Er ging ins Wohnzimmer, machte die Stehlampe an und goss sich ein Glas Periquita ein. Morgen fr\u00fch w\u00fcrde er den Chefredakteur vom <em>Diario<\/em> anrufen. Oder hatte der auch in Coimbra studiert?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>fredakteur vom <em>Diario<\/em> anrufen. Oder hatte der auch in Coimbra studiert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine schwarze Monsterwelle kam auf den Strand zugerast, wurde gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer. Das brausende Wasser \u00fcberrollte Menschen, Liegen, Sonnenschirme, jagte donnernd in Richtung Strandpromenade. Riss alles mit, was ihr in den Weg kam, auch die Schreie der Menschen. St\u00f6hnend fuhr er hoch. 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