{"id":683,"date":"2014-08-18T11:26:39","date_gmt":"2014-08-18T09:26:39","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=683"},"modified":"2023-01-31T11:30:24","modified_gmt":"2023-01-31T10:30:24","slug":"initiation-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/initiation-1\/","title":{"rendered":"Initiationsrituale  &#8211; Praia do Meco"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Wind blies ihr ins Gesicht, als sie aus dem Haus trabte. Wei\u00dfliche Atemwolken vor ihrem Mund. Jeannette zog die Kapuze hoch, das Wolltuch vors Gesicht. Bleich und rund hing der Mond \u00fcber dem Meer, immer wieder verdeckt von jagenden Wolkenfetzen. Nur wenige Grade \u00fcber null. Keine gute Idee, das warme Bett zu verlassen, um in den D\u00fcnen zu joggen, auch wenn die Stirnlampe einen schwachen Schein warf, der die Konturen des Pfades vor ihren F\u00fc\u00dfen ein wenig trittsicherer machte. Sie hatte nicht einschlafen k\u00f6nnen. Gerhard hatte an diesem Wochenende keinen Bereitschaftsdienst. Sie solle doch mal ausspannen, hatte er gesagt, ihr angeboten, sich um die beiden Jungs zu k\u00fcmmern. Der FC Porto spielte gegen Benefica Lissabon. Eine gute Gelegenheit.<!--more--><\/p>\n<p>Jeannette zog das Tempo an. Die kalte Luft schmerzte in den Lungenfl\u00fcgeln, sie atmete in den warmen Schal, k\u00e4mpfte sich vorw\u00e4rts. Ihr K\u00f6rper lehnte sich schr\u00e4g gegen die B\u00f6en, sie leckte \u00fcber die salzigen Lippen. Jeannette zog die \u00c4rmel ihrer Windjacke nach unten. Sie h\u00e4tte Handschuhe anziehen m\u00fcssen.<br \/>\nPl\u00f6tzlich bemerkte sie vor sich sieben schwarze Figuren, die im G\u00e4nsemarsch \u00fcber die D\u00fcnen schwankten. Dunkle M\u00e4ntel flatterten im Wind, Kapuzen \u00fcber den K\u00f6pfen. An der Spitze der Prozession ging eine hohe Gestalt, die mit einer Peitsche knallend die Luft zerschnitt. Die Truppe lie\u00df sich auf dem Strandgras nieder, bis auf den Anf\u00fchrer zogen alle ihre Socken und Schuhe aus, ketteten Steine oder Kugeln an die Kn\u00f6chel. Was f\u00fcr eine seltsame Zeremonie, dachte Jeannette, bei dieser K\u00e4lte, die kriegen eine Lungenentz\u00fcndung. Ein paar gebr\u00fcllte Worte, dann krabbelte die Gruppe auf allen Vieren hintereinander die paar hundert Meter bis zur Brandung. Wie ein gro\u00dfes, schwarzes Insekt. Jeannette hatte sich hinter eine Kr\u00fcppelkiefer geduckt, verfolgte das Schauspiel mit aufgerissenen Augen. Die Capes wiesen die Gestalten eindeutig als Studenten aus, wohl Studenten aus einer der zahlreichen Universit\u00e4ten Lissabons. M\u00e4nner oder Frauen? Nicht zu erkennen. Was taten sie hier am Strand von Praia do Meco? Hatten sie sich &#8211; genau wie sie &#8211; mitten im Dezember eins der leer stehenden Ferienh\u00e4user gemietet, um ein paar Tage auszuspannen? Wollten sie gemeinsam f\u00fcr eine Klausur lernen? Eine bestandene Pr\u00fcfung feiern?<br \/>\nDie jungen Leute waren am Wasser angekommen. Sie stellten sich in einer Reihe auf, mit dem R\u00fccken zum Meer. Jeannette pustete in ihre kalten H\u00e4nde, rieb sie an ihrer Jogginghose warm, beugte sich vor. Der Wind hatte zugelegt, die Wellen waren h\u00f6her geworden. Im Tosen des Wassers konnte sie nicht verstehen, was der Mann mit der Peitsche rief. Eine Gestalt nach der anderen ging ein paar Schritte r\u00fcckw\u00e4rts, kniete sich in das eiskalte Wasser, hob die Arme zum Himmel. Nach kurzer Zeit waren alle auf den Knien. Die Gischt der anrollenden Brecher umsch\u00e4umte ihre Beine. War sie Zeugin der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten \u00bbpraxes\u00ab, der Initiationsriten, die erduldet werden mussten, um an einer portugiesischen Universit\u00e4t aufgenommen zu werden, um wirklich dazuzugeh\u00f6ren. In Coimbra hatte es vor einigen Jahren\u00a0 sogar einen Todesfall gegeben, der nie ganz aufgekl\u00e4rt worden war. Aber hier in Lissabon?<br \/>\n\u00bbMais para atr\u00e1s!\u00ab, h\u00f6rte sie jetzt den Duxbr\u00fcllen, \u00bbatr\u00e1s!\u00ab Und ein Gruppenmitglied nach dem andern kroch r\u00fcckw\u00e4rts.<br \/>\nJeannette lie\u00df den Blick \u00fcber den dunklen Atlantik gleiten, \u00fcber die im fahlen Licht sich \u00fcberschlagenden Schaumkronen. Und dann sah sie sie, die Monsterwelle, die sich am Horizont aufgebaut hatte. \u00bbCuidado\u00ab, wollte sie schreien, aufspringen, winken. \u00bbAchtung! Lauft!\u00ab Kein Wort kam aus ihrem Mund, die Kehle war zu, ihre F\u00fc\u00dfe klebten am Boden. Wie in ihren schlimmsten Tr\u00e4umen, wenn die Gedanken sich \u00fcberschlugen, aber der K\u00f6rper nicht mehr gehorchte. Die riesige Welle raste auf den Strand zu, wurde h\u00f6her und h\u00f6her. Jetzt schien auch der Anf\u00fchrer die Gefahr zu bemerken, schrie unverst\u00e4ndliche Worte, fuchtelte mit den Armen. Dann drehte er sich um und jagte den Strand hinauf. F\u00fcr die anderen war es zu sp\u00e4t. Die Welle riss die Studenten von den F\u00fc\u00dfen. Gruselige Purzelb\u00e4ume in meterhohen Brechern. Schwimmen zwecklos. Das auflaufende Wasser nahm seine Opfer mit in Richtung Strand. Keuchende, br\u00fcllende, nach Luft schnappende Menschenleiber. Todesschreie, vom Sturm zerfetzt. Niemand hatte eine Chance, die zur\u00fcckrasenden Wassermassen nahmen alle mit ins Meer. Die schweren Gew\u00e4nder, die Steine zogen sie nach unten.<br \/>\nJeanette stand am D\u00fcnenrand. Sie sah den Anf\u00fchrer wegrennen, riss sich m\u00fchsam aus ihrer Erstarrung, z\u00fcckte das Handy, w\u00e4hlte den Notruf mit zitternden Fingern.<br \/>\nDie Wasserpolizei kam aus Setubal, zwanzig Minuten sp\u00e4ter. Die Rettungsschwimmer konnten nichts mehr tun. Jeannette versuchte eine Personenbeschreibung des Mannes, eine dunkle Gestalt in ein schwarzes Cape geh\u00fcllt. Er stellte sich am n\u00e4chsten Morgen. Seitdem wird er von h\u00f6chster Stelle ermittelt, liest Jeannette im <em>Di\u00e1rio de Not\u00edcias <\/em>und fragt sich, wer den Rektor der Universit\u00e4t zur Rechenschaft zieht, der die m\u00f6rderischen Rituale verteidigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Wind blies ihr ins Gesicht, als sie aus dem Haus trabte. Wei\u00dfliche Atemwolken vor ihrem Mund. Jeannette zog die Kapuze hoch, das Wolltuch vors Gesicht. Bleich und rund hing der Mond \u00fcber dem Meer, immer wieder verdeckt von jagenden Wolkenfetzen. Nur wenige Grade \u00fcber null. 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