{"id":680,"date":"2014-08-18T11:15:04","date_gmt":"2014-08-18T09:15:04","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=680"},"modified":"2016-01-17T20:13:15","modified_gmt":"2016-01-17T18:13:15","slug":"um-nicht-zu-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/um-nicht-zu-vergessen\/","title":{"rendered":"Um nicht zu vergessen"},"content":{"rendered":"<p>Den alten Plunder wollte sie nicht. Widerwillig zog Eva-Maria die zerknitterte Bettw\u00e4sche, die verwaschenen Handt\u00fccher aus den ge\u00f6ffneten Schr\u00e4nken. Morgen w\u00fcrde das Entr\u00fcmplungsunternehmen kommen. Die Schr\u00e4nke, Tische, St\u00fchle, das alte durchgesessene Sofa, das quietschende Bett, das der Vater nach dem Tod der Mutter durchges\u00e4gt hatte, die abgetretenen Teppiche und all die anderen \u00dcberbleibsel eines fast 80-j\u00e4hrigen Lebens w\u00fcrden unter der Plane eines Kleinlasters verschwinden. Auf Nimmerwiedersehen. Nein, sie konnte nichts brauchen in ihrer gro\u00dfen hellen Wohnung mit den modernen Designerm\u00f6beln. Nein, auch nicht zur Erinnerung.<!--more--><br \/>\nDie Ausbeute bei den B\u00fcchern war nicht gro\u00df. Felix Dahn, Gulbransson, Hausmann, Gorch Fock, Gwen Bristow, Hermann L\u00f6ns, John Knittel, die Lagerl\u00f6ff, Rudolf Kinau, dann jede Menge Geschichtsschinken, den Lesegeschmack ihres Vaters hatte sie nie geteilt. Er hatte sowieso meistens Zeitung gelesen, sie auswendig gelernt, wie Mutter liebevoll zu l\u00e4stern pflegte. Und dann hatte er sie alle mit seinem Wissen erschlagen. Informier dich doch erst einmal richtig, hatte er gepoltert, wenn seine j\u00fcngste Tochter in politischen Fragen wieder einmal nicht seiner Meinung war. Dummes linkes Geschw\u00e4tz, hatte er gesagt, und die Studentin mit einer Handbewegung abgekanzelt. Werd erst einmal so alt wie ich, dann wei\u00dft du, was von dem ganzen roten Gesocks zu halten ist. Nat\u00fcrlich hatte er Adenauer gew\u00e4hlt, nat\u00fcrlich hatte er gesagt, sie h\u00e4tten von den KZs nichts gewusst, nichts von den Massakern an der Zivilbev\u00f6lkerung beim Vormarsch nach Osten. Ein deutscher Offizier h\u00e4tte das nie getan, war seine Standardfloskel. Die Wehrmachtsausstellung: lauter gef\u00e4lschte Bilder.<br \/>\nEinen Umzug in ein Heim mit betreutem Wohnen hatte er abgelehnt. Nur den alten Hund duldete er noch um sich, der ihm am Tisch die Sahne aus der Hand schleckte und meistens furzend auf dem Sofa schlief. Der ist mir lieber als jeder Mensch, sagte er und streichelte das Tier. Und so hatte ihm auch niemand helfen k\u00f6nnen, als er vor einer Woche den t\u00f6dlichen Herzinfarkt erlitt. Ist auch besser so, dachte Eva-Maria und zog z\u00f6gernd die Fotoalben aus dem Regal. Familienbilder. Kinderbilder von sich und ihrer Schwester, die l\u00e4ngst in Kanada lebte und die sie zum letzten Mal bei Mutters Beerdigung gesehen hatte. Hinter den Alben ein dickes DinA-5-Heft mit schwarzem Pappdeckel. Abgegriffen, mit Wasserflecken. Sie schlug es auf. \u00bbKriegstagebuch\u00ab stand auf der ersten Seite. \u00bb1939-1944\u00ab.<br \/>\nVater hatte Tagebuch gef\u00fchrt? Eva-Maria setzte sich auf die Seitenlehne des alten aufgeplatzten Sessels, lie\u00df das Heft auseinanderfallen, fing an zu lesen.<br \/>\n.<br \/>\nMir ist schlecht, oh Gott, ist mir schlecht. Gib, dass das Schiff aufh\u00f6rt zu rollen. Gib, dass der Sturm nachl\u00e4sst. In dieser verdammten engen Koje kann man ja kaum den Stift festhalten. Ich f\u00fchle mich wie in einem st\u00e4hlernen Massengrab. Einer von \u00fcber zweitausend Prisoners of War mitten auf dem Atlantik. Volle Fahrt voraus, Richtung amerikanische Ostk\u00fcste. Hoffentlich erwischt uns nicht zu guter Letzt noch ein deutsches U-Boot.<br \/>\nDie Verpflegung ist gut, das muss man den Amerikanern lassen, und korrekt behandeln tun sie uns auch. Dabei w\u00fcrde ich verstehen, wenn sie uns schikanieren w\u00fcrden. Ihre Verluste bei der Landung waren dramatisch. Viele Landungsboote sind in der rauen See gekentert, ehe die Mannschaften das Ufer erreichen konnten. Die GIs ersoffen wie Katzen. War aber zum Teil auch eigene Dummheit. Ausbooten &#8211; bei dem Orkan! Ihre Gener\u00e4le: dieselben Idioten wie unsere.<br \/>\nNat\u00fcrlich haben wir aus unseren Bunkern gefeuert, was das Zeug hielt. Einer meiner Unteroffiziere hat allein 20 Panzer abgeschossen, als sie die endlich am Strand hatten. Mit Benzintanks obendrauf. Der volle Irrsinn. Sie sind wie Feuerwerksk\u00f6rper explodiert. Hat uns aber alles nichts gen\u00fctzt. Die \u00dcbermacht war zu gro\u00df. Unsere St\u00fctzpunkte wurden zusammengebombt wie Kartenh\u00e4user. Wir hatten keine Chance. Ich war mit meinen 180 Leuten abgestellt, um den W\u00fcrzburg-Riesen zu bewachen, der feindliche Flugzeuge in einem Umkreis von 200 km orten konnte. Orten schon, aber nicht aufhalten. Zwei eigene Luftgeschwader, mickrige 50 Flugzeuge, damit war die Lufthoheit der Alliierten nicht zu brechen.<br \/>\nDie Wei\u00dfrussen in meiner Kompanie hauten schon am Anfang ab. Die kriegserfahrenen alten M\u00e4nner im zweiten Zug versuchten, so gut es ging, die Moral aufrechtzuerhalten. War schwierig bis unm\u00f6glich. Der gr\u00f6\u00dfte Teil meiner Soldaten bestand aus Jungvolk, ehemalige Hitlerjungen, frisch von der Schulbank. Schlecht ausgebildete Gr\u00fcnschn\u00e4bel. Die gerieten sofort in Panik, wenn einer von ihnen &#8211; von Granatsplittern getroffen &#8211; nach seiner Mutter schrie. Und verblutete. Ein schwer ertr\u00e4glicher Anblick. Herausquellende Ged\u00e4rme, zerfetzte Gesichter. Unser Bunker wurde immer wieder getroffen, die Gr\u00e4ben zwischen den Stellungen gaben nur wenig Schutz. \u00c4ngstliche Jungengesichter, in Todesangst aufgerissene Augen, mir drehte sich der Magen um. \u00bbEr stirbt, er stirbt, Herr Oberleutnant\u00ab, kreischende Jungenstimmen. Die erfolglosen Versuche, sterbende Kameraden aus den Tr\u00fcmmern zu ziehen.<br \/>\nDie Lage war aussichtslos. F\u00fchrerbefehl hin oder her. K\u00e4mpfen bis zur letzten Patrone, so hie\u00df der Befehl. Dass ich nicht lache. Was dachten diese Gro\u00dfm\u00e4uler sich eigentlich in ihren fetten Bunkern dort in Berlin? Fehlentscheidungen, wohin man guckte. Wo hatte man die Landung erwartet? In Calais. Nach Informationen des deutschen Geheimdienstes. Waren wohl eher Fehlinformationen. Omaha Beach, Utah Beach, Juno Beach, Sword Beach. Unbekannt, was? War ja auch Englisch. Was kann man erwarten von Leuten, die einen Psychopathen als F\u00fchrer und einen morphiums\u00fcchtigen Versager als Oberbefehlshaber der Luftwaffe haben. Und dann die Helden vom 20. Juli, ich k\u00f6nnte ausspucken, wenn ich nur daran denke. Der Krieg, so gut wie verloren, und dann merkten diese adeligen Herren erst, wem sie hinterhergelaufen waren. Hurraschreier und Karrieristen. Widerstand? Zu feige, um neben der Bombe stehen zu bleiben. Tja, dann ist eben die Tasche verr\u00fcckt worden. Nein, von denen war wirklich nichts zu erwarten. Und ich sollte meine Jungs opfern. Junge M\u00e4nner, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben.<br \/>\n\u00bbDie wei\u00dfe Fahne raus\u00ab, habe ich gebr\u00fcllt.\u00abWir ergeben uns!\u00ab Immerhin, fast die H\u00e4lfte meiner M\u00e4nner habe ich retten k\u00f6nnen. Darauf bin ich stolz. Ich gebe zu, auch ich habe Hitler am Anfang zugejubelt. Bin noch nicht einmal schlau geworden, als man mir im Winterkrieg vor Moskau das linke Auge wegschoss. Dass man mich nach dem Lazarettaufenthalt in Kolberg zum Offizierslehrgang nach Frankreich geschickt hat, hat mir wohl den Verstand vernebelt. Dabei war doch der ganze Krieg schon gelaufen, als wir ohne Winterausr\u00fcstung vor Moskau kehrtmachen mussten. Pl\u00f6tzlicher Wintereinfall. Dass ich nicht lache. Denen da oben waren wir doch v\u00f6llig egal. Kanonenfutter waren wir, mehr nicht.<br \/>\nUnd sollte ich einmal einen Sohn haben, das gelobe ich hier und jetzt: Nie, nie wird er eine Uniform tragen. Nie. Darum f\u00fchre ich dieses Tagebuch. Um nicht zu vergessen.<\/p>\n<p>Die Schrift wurde unleserlich. Eva-Maria klappte das Heft zu und strich sich gedankenverloren \u00fcber das widerspenstige dunkle Haar. Was sie hier las, das passte so gar nicht zu dem Bild, das sie von ihrem Vater hatte. Sie steckte das Tagebuch in ihre Handtasche.\u00a0 Sie musste mit ihrer Schwester telefonieren. Dringend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den alten Plunder wollte sie nicht. Widerwillig zog Eva-Maria die zerknitterte Bettw\u00e4sche, die verwaschenen Handt\u00fccher aus den ge\u00f6ffneten Schr\u00e4nken. Morgen w\u00fcrde das Entr\u00fcmplungsunternehmen kommen. 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