{"id":674,"date":"2014-08-18T11:00:08","date_gmt":"2014-08-18T09:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=674"},"modified":"2015-01-13T20:23:20","modified_gmt":"2015-01-13T18:23:20","slug":"ich-bin-kunstler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/ich-bin-kunstler\/","title":{"rendered":"Ich bin K\u00fcnstler"},"content":{"rendered":"<p>Claude geht zum K\u00fcchenschrank, nimmt eine halbvolle Flasche Chivas Regal heraus. Er sch\u00fcttet die gelbbraune Fl\u00fcssigkeit in ein Glas, randvoll, z\u00fcndet sich eine Zigarette an, inhaliert. Vor ihm auf dem K\u00fcchentisch liegt der Brief mit dem Absender der JVA. Der junge Mann l\u00e4sst sich auf den K\u00fcchenstuhl fallen, rei\u00dft den Umschlag auf.<!--more--><\/p>\n<p>Mein lieber Sohn,<br \/>\nich danke dir f\u00fcr Deinen Brief, auch wenn er voller Vorw\u00fcrfe und Anschuldigungen steckt. Ein bisschen verstehe ich dich ja. Aber \u00fcbertreibst du nicht ma\u00dflos, wenn du schreibst, du k\u00f6nntest dich nicht mehr auf die Stra\u00dfe trauen aus Scham, einen solchen Vater zu haben? Du w\u00fcrdest auch nicht mehr in die Kunstakademie gehen. Wolltest dich nicht den feindlichen Blicken der Professoren aussetzen, dich nicht von deinen Kommilitonen h\u00e4nseln lassen. Und das alles wegen mir. Dein Vater &#8211; ein Betr\u00fcger.<br \/>\nAber schaust du wirklich gut hin? Verachten dich deine Kommilitonen wirklich? Oder bewundern sie dich? \u00dcber Nacht bist auch du ber\u00fchmt geworden. Du studierst Kunst wie ich damals. Und ehe du \u00fcberhaupt ein Bild verkauft hast, ist dein Name schon in aller Munde. Du musst nicht wie ich in meinen Anfangsjahren bei Kunsth\u00e4ndlern und Galeristen Klinken putzen und dich dem\u00fctigen lassen. Unser Name \u00f6ffnet dir die T\u00fcren der Kunstwelt. Du musst nur eintreten. Nat\u00fcrlich, noch ist es mein Name. Ob es deiner wird, h\u00e4ngt von dir ab, von deiner Begabung, von deinem Einsatz und Flei\u00df.<br \/>\nKlar, ich verstehe, dass du noch immer unter Schock stehst. Dass man mir eines Tages auf die Schliche kommen w\u00fcrde, war vorauszusehen. Aber die Festnahme neulich, die war krimireif. Was haben die sich eigentlich gedacht, wen sie vor sich haben? Schwerkriminelle? Eine Vorladung h\u00e4tte es doch auch getan. Wollten die einen \u00bbTatort\u00ab nachstellen? Entsicherte Schusswaffen, H\u00e4nde-hoch-Schreie. Nat\u00fcrlich hast du mir Leid getan, wie sie auch dich aus dem Auto gezerrt, an die Wand gedr\u00e4ngt haben. Sogar zwischen die Beine haben sie dir gegriffen, diese Schweine. Was haben die sich eigentlich gedacht, was du dort versteckt hast? Einen Picasso? Einen Monet oder was?<br \/>\nVerdammt, ich bin K\u00fcnstler, kein Terrorist. Ich habe keine Bank ausgeraubt. Sie h\u00e4tten in mein Atelier kommen k\u00f6nnen. Aber nein, es musste eine spektakul\u00e4re Festnahme sein. Mich hat gewundert, dass sie nicht den Pressegeiern vorher Bescheid gesagt haben.<br \/>\nNat\u00fcrlich h\u00e4tte ich es wissen m\u00fcssen. Ich habe mir m\u00e4chtige Feinde gemacht. Die Kunstszene aufgemischt. Diese Heuchler und Ignoranten, die weder den Wert eines Kunstwerks einsch\u00e4tzen noch eine F\u00e4lschung vom Original unterscheiden k\u00f6nnen. Wichtigtuerische Professoren, hoch bezahlte Kunstexperten, zu arrogant, um naturwissenschaftliche Untersuchungen zu ber\u00fccksichtigen.<br \/>\nIch bin gut, das wei\u00dft du. Du kennst meine Bilder. Ich bin mindestens so gut wie Picasso. Von Dal\u00ed ganz zu schweigen. Ich male besser als Max Ernst, das hat sogar seine Witwe zugegeben.<br \/>\n\u00dcberleg mal, mein Sohn, wem habe ich denn \u00fcberhaupt geschadet? Auf jeden Fall keinem Privatsammler. Warum ist der sogenannte Betrug denn keinem aufgefallen? Weil niemand ein Interesse daran hatte. Alle, auch die Kunstexperten, die die Gutachten gemacht haben, haben mitverdient. Acht Prozent vom Erl\u00f6s habe ich f\u00fcr diese habgierigen Gauner herausger\u00fcckt. Hinzu kam, dass kein Museumsdirektor sich blamieren wollte. Kunsth\u00e4ndler und Galeristen haben sich an meinen Bildern goldene Nasen verdient. Kunstwert ist Geldwert. Je h\u00f6her die Preise, desto gr\u00f6\u00dfer die Kunst. Und dann verschwinden die Bilder in Tresoren. Russische Oligarchen, chinesische Neureiche, die eitlen Hedge-Fonds-Jungs, alle wollen sie eine sichere Geldanlage und soziales Prestige. Kriminelle allesamt, die sich in Wirklichkeit gar nicht f\u00fcr Kunst interessieren, null Kunstverstand haben.<br \/>\nDu kannst mir nichts vorwerfen. Ich hab`s ja mit eigenen Bildern auf dem Kunstmarkt versucht. Aber solange du keinen Namen hast, nicht \u00fcber Kontakte verf\u00fcgst, bist du ein Niemand. Ich bin sicher, diese Erfahrung wird dir erspart bleiben. Nimm meine Festnahme als Chance, lieber Junge. Unser Name ist ber\u00fchmt, die Filmrechte sind vergeben.<br \/>\n\u00dcbrigens, auch du hast von unserem Wohlstand profitiert. Wer von deinen Kumpels f\u00e4hrt mit zwanzig schon einen eigenen Porsche? Du bist jung, du wirst mit der Situation fertigwerden. Lange k\u00f6nnen sie mich nicht einsperren. Ich habe einige F\u00e4lschungen gestanden, zeige mich reuig. Der Deal mit der Staatsanwaltschaft steht. Halte den Kopf hoch. Deine Zukunft ist gesichert. Die Welt steht dir offen. Auch du bist begabt. Spiel nicht den \u00fcbersensiblen K\u00fcnstler. Sei ein Mann und rei\u00df dich zusammen. Wehleidigkeit n\u00fctzt dir nichts.<br \/>\nIch habe geh\u00f6rt, du hast noch keinen Antrag auf Besuchszeit gestellt. Hole das bitte nach. Ich warte auf dich.<br \/>\nDein Vater<\/p>\n<p>Claude steht langsam auf, nimmt die Autoschl\u00fcssel vom Haken. Den schwarzen Porsche findet die Polizei am n\u00e4chsten Morgen im Graben, 50 km entfernt von der Villa. Er war frontal gegen einen Baum geprallt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claude geht zum K\u00fcchenschrank, nimmt eine halbvolle Flasche Chivas Regal heraus. Er sch\u00fcttet die gelbbraune Fl\u00fcssigkeit in ein Glas, randvoll, z\u00fcndet sich eine Zigarette an, inhaliert. Vor ihm auf dem K\u00fcchentisch liegt der Brief mit dem Absender der JVA. 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