{"id":664,"date":"2014-08-18T10:05:37","date_gmt":"2014-08-18T08:05:37","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=664"},"modified":"2015-01-13T20:25:32","modified_gmt":"2015-01-13T18:25:32","slug":"natascha-hies-sie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/natascha-hies-sie\/","title":{"rendered":"Natascha hie\u00df sie"},"content":{"rendered":"<p>Er war gl\u00fcckselig, wenn am Heiligen Abend der Weihnachtsmann klingelte. Die Kinder in der Schule verlachten ihn und sagten, einen Weihnachtsmann gebe es gar nicht. Wahrscheinlich habe sich nur sein Papa verkleidet oder sein Onkel. Er schluckte und sagte nicht, dass er keinen Papa und keinen Onkel hatte und allein mit seiner Mama in einer kleinen Zwei-Zimmerwohnung lebte. Aber sein Berufsziel stand fest, er wollte Weihnachtsmann werden und mit einem gro\u00dfen Sack von T\u00fcr zu T\u00fcr ziehen, um den Kindern Geschenke zu bringen.<!--more--><br \/>\nFast vier Jahrzehnte sp\u00e4ter &#8211; er war inzwischen Informatiker in einem gro\u00dfen Konzern und verdiente gutes Geld &#8211; konnte er sich seinen Traum erf\u00fcllen. Er lie\u00df sich seine \u00dcberstunden nicht auszahlen, sondern legte ein Zeitkonto an, um in den Sommermonaten im finnischen Riovaniemi als Father Christmas im Weihnachtsmuseum zu arbeiten. Er war noch immer single, hatte keinerlei famili\u00e4re Verpflichtungen und sa\u00df bei sommerlichen Temperaturen im gek\u00fchlten Museum zwischen Rentieren und wei\u00df gepuderten Tannenb\u00e4umen und sortierte die Wunschzettel, die ihm Kinder aus aller Welt zuschickten. Er strich aufgeregten Jungen und M\u00e4dchen \u00fcber den Kopf, wenn sie ihn im Weihnachtsland besuchten und stotternd vor Aufregung ihre Gedichte aufsagten oder \u00bbJingle Bells\u00ab sangen. M\u00fctter setzten ihm Babys und Kleinkinder auf den Scho\u00df, V\u00e4ter fotografierten. Er hatte sich inzwischen eine sch\u00f6ne Wampe zugelegt, sodass er in seinem roten Mantel und der hohen M\u00fctze den Bildern vom heiligen Nikolaus immer \u00e4hnlicher sah. Nach ein paar Entt\u00e4uschungen hielt er sich von Frauen fern. Vor drei Jahren war seine letzte Beziehung in die Br\u00fcche gegangen. Seitdem wohnte er wieder bei seiner Mutter.<br \/>\nEines Tages stand ein blonder Engel neben ihm. Natascha hie\u00df sie, und sie sollte das Weihnachtsfeeling der Touristen steigern. Gro\u00dfe, blaue Augen hatte sie und ein ber\u00fcckendes L\u00e4cheln. Sie komme aus Riga, sei Krankenschwester, sagte sie, aber sie verdiene in den paar Sommerwochen in Finnland als Weihnachtsengel mehr Geld als in einem ganzen Jahr in Estland.<br \/>\nDer Weihnachtsmann war hin und weg. Nun war er wirklich im Himmel. Schwebte auf Wolken. Er machte seinem Engel den Hof, lud ihn ein, machte ihm Geschenke und war so gl\u00fccklich wie noch nie in seinem Leben. Die erste Nacht in dem kleinen Hotelzimmer weckte in ihm den Wunsch, sich nie mehr von Natascha zu trennen. Er bat sie, mit ihm nach Deutschland zu kommen. Sie l\u00e4chelte ihn an, fuhr mit dem Zeigefinger \u00fcber seine Lippen, k\u00fcsste ihn. Dann weinte sie. Vor Gl\u00fcck, dachte er.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen war sie verschwunden. Er war fassungslos. Wartete und hoffte. Von der Verwaltung besorgte er sich ihre Heimatadresse, flog nach Riga. Der breitschultrige Mann, der in den Hausflur kam, als er an der Wohnungst\u00fcr klingelte und nach Natascha fragte, drohte ihm Pr\u00fcgel an, wenn er nicht sofort verschw\u00e4nde. Drinnen h\u00f6rte man Kindergeschrei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war gl\u00fcckselig, wenn am Heiligen Abend der Weihnachtsmann klingelte. Die Kinder in der Schule verlachten ihn und sagten, einen Weihnachtsmann gebe es gar nicht. Wahrscheinlich habe sich nur sein Papa verkleidet oder sein Onkel. 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