{"id":633,"date":"2014-04-13T13:35:58","date_gmt":"2014-04-13T11:35:58","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=633"},"modified":"2015-02-28T20:13:08","modified_gmt":"2015-02-28T18:13:08","slug":"grenzenlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/grenzenlos\/","title":{"rendered":"Richthofens Erben"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fotolia_2171815_xs.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-451\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/fotolia_2171815_xs-150x150.jpg\" alt=\"pilot bei der arbeit\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Aaron w\u00fcrgt noch schnell das Fr\u00fchst\u00fcck runter, zwei Tassen Kaffe, eine Zigarette. Ideales Flugwetter. Er sprintet \u00fcber das Flugfeld zu seiner Maschine, zieht noch im Laufen den Rei\u00dfverschluss seiner roten Kombi hoch. Neben ihm f\u00fcnf seiner Kameraden, angespannt, konzentriert, aber mit leuchtenden Augen. Wie vor der Bescherung. Der leichte Septembernebel wird sich lichten, hat die Flugsicherung versprochen. Endlich wieder Tiefflugwetter.<!--more--><br \/>\nDie kurzen Fl\u00fcgel der Jagdbomber reflektieren die ersten Sonnenstrahlen. Der junge Pilot klettert ins Cockpit, f\u00fchrt die Gurte des Schleudersitzes durch die \u00d6sen, hakt sie fest, setzt den Helm auf, passt die Sauerstoffmaske an, checkt die Instrumente. Hintereinander rollen sie zum Start. Ein Jet nach dem andern hebt ab, Aaron sieht die silbernen Streifen der vor ihm gestarteten Flugzeuge. Die Piloten sind eins geworden mit ihren Maschinen. Bohren sich in den Himmel. G\u00f6tters\u00f6hne.<br \/>\nSie fliegen den Schie\u00df\u00fcbungsplatz an. Aaron wirft seine Bomben, zielgenau. Lob des Schwarmf\u00fchrers \u00fcbers Mikrofon. Aaron hebt seinen Arm, spreizt Zeigefinger und Mittelfinger zum V. Doch Krieg liegt jenseits seiner Vorstellungskraft. Bombenterror, verst\u00fcmmelte Leichen und Tod, das war Sache seines Gro\u00dfvaters, seines Vaters. Er will fliegen, den Rausch der Geschwindigkeit sp\u00fcren, wenn er den Gashebel nach vorn schiebt, den Steuerkn\u00fcppel an den Bauch zieht. Steilflug in den Himmel, dann Kurs nach Osten. Single seat, single engine. F\u00fcr eineinhalb Stunden Sprit im Tank.<\/p>\n<p>In Sechser-Formation donnert das Geschwader in 800 Fu\u00df H\u00f6he \u00fcber die norddeutsche Tiefebene. Die Schleuse von Brunsb\u00fcttel-Koog. Der Nordostsee-Kanal, eine sich windende fette Schlange. Die Kieler Bucht und das blaugraue Wasser der Ostsee. Wei\u00dfe Spielzeugschiffe glitzern im Sonnenlicht. Unter ihnen die gro\u00dfe Br\u00fccke \u00fcber dem Fehmarnsund. Rotbraune Bauernh\u00e4user, Dorfkirchen, dazwischen Wiesen und Feldern, Legolandschaft. Keine Turbulenzen heute. Die Jagdbomber liegen wie Bretter in der Luft, reagieren auf den kleinsten Druck. Zur\u00fcck zum Fliegerhorst. Schon.<br \/>\nAaron kennt seinen Platz in der Formation. Arrowhead. Jeder Pilot wei\u00df, wo er hingeh\u00f6rt. Jahrelanges Training. Dass sein Vogel beim Landeanflug instabil wird, damit hat Aaron nicht gerechnet. Er braucht eine Au\u00dfenposition. Funkt den Piloten rechts au\u00dfen an, um mit ihm die Pl\u00e4tze zu tauschen. Der Idiot reagiert nicht, hat wohl die Frequenz nicht eingestellt. Aaron macht wilde Handzeichen. Guck r\u00fcber, sofort. Der Fliegerkamerad schaut auf, nimmt den Kopf schnell runter. Gott sei Dank, er hat verstanden. Eine Rolle \u00fcber ihn weg, um nach au\u00dfen zu gelangen. Leichte \u00dcbung. Pl\u00f6tzlich ein ohrenbet\u00e4ubender Schlag. Wie ein Schwerthieb. Ist der Pilot unter ihm auch aus der der Formation ausgebrochen? Mit einem schnellen Blick in den R\u00fcckspiegel sieht Aaron einen seiner eigenen Tiptanks wegfliegen. Die Flugzeuge m\u00fcssen sich touchiert haben. Die Steuerung reagiert nicht mehr. Sind die Hydraulikleitungen besch\u00e4digt? Der Vogel nimmt die Nase nach unten. F\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde ein Anflug von Panik. Adrenalin schie\u00dft durch Aarons Adern. Entscheidung in Sekundenschnelle. Wer vorm Fliegen Angst hat, soll zu Hause bleiben, hatte man ihnen schon w\u00e4hrend der Ausbildung eingebl\u00e4ut &#8211; und immer wieder den Notfall simuliert. Gebr\u00fcll ins Mikro \u00abIch steige aus!\u00bb Er hebt den Arm, zieht am Griff \u00fcber ihm. Der Martin-Baker feuert ihn in den klaren Herbsthimmel. Als der Sitz unter ihm wegfliegt und der Fallschirm sich entfaltet, h\u00e4ngt er gut und sicher in den Seilen, ohne in Gefahr zu sein, vom eigenen Schleudersitz erschlagen zu werden. Wie es dem Kameraden in Phoenix ergangen war, dessen Fell sie versoffen hatten, wie es am Abend im Kasino hie\u00df, um weiterhin an die eigene Unsterblichkeit glauben zu k\u00f6nnen. An der Wand zersplitterten die leeren Gl\u00e4ser.<br \/>\nAaron segelt durch die Luft, f\u00fchlt den k\u00fchlen Wind im Gesicht. Sein Puls beruhigt sich, er geht in Gedanken die Einzelheiten der Landung durch. Mit den H\u00e4nden oben die Fallschirmgurte umklammern, Ellbogen anwinkeln, Knie gebeugt, sich zur Seite abrollen lassen.<br \/>\nUnd dann erst nimmt er den Geruch von Qualm und Feuer wahr. Sieht das brennende Geh\u00f6ft, h\u00f6rt die Schreie von Menschen, das Br\u00fcllen von K\u00fchen, das hysterische Quieken der Schweine. Das Heck des Bombers ragt aus dem brennenden Dach. \u00dcberall Tr\u00fcmmer.<br \/>\nEr schlie\u00dft die Augen. Schl\u00e4gt hart auf dem Boden auf. H\u00f6rt das Knirschen der Knochen, als die Beine brechen. Krieg, durchzuckt es ihn, ehe Schw\u00e4rze ihn verschlingt. Krieg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aaron w\u00fcrgt noch schnell das Fr\u00fchst\u00fcck runter, zwei Tassen Kaffe, eine Zigarette. Ideales Flugwetter. 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