{"id":629,"date":"2014-04-13T12:57:35","date_gmt":"2014-04-13T10:57:35","guid":{"rendered":"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/?p=629"},"modified":"2018-09-12T19:36:47","modified_gmt":"2018-09-12T17:36:47","slug":"lowentor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-achner.de\/blog\/lowentor\/","title":{"rendered":"Unter dem L\u00f6wentor von Mykene"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/fotolia_20861465_xs.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-409\" src=\"http:\/\/anne-achner.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/fotolia_20861465_xs-150x150.jpg\" alt=\"Tor auf Mykene\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Jonathan hatte sich in der unterirdischen Zisterne verborgen, als die W\u00e4rter den Eingangsbereich gegen 19 Uhr dichtmachten. Die flirrende Hitze \u00fcber der Argos-Ebene war einer angenehmen K\u00fchle gewichen. Leergefegt der Parkplatz mit den endlosen Schlangen von Touristenbussen. Auch die W\u00e4rter hatten sich verzogen. Feierabend. Stille. <!--more--><br \/>\nJonathan nahm die Kr\u00fccken und k\u00e4mpfte sich den steilen Weg hinunter von den Palastruinen zum steinernen Eingangstor. In dieser Nacht wollte er allein sein, allein mit den kopflosen L\u00f6wen unter dem gewaltigen Tor von Mykene. Der linke Beinstumpf pochte h\u00f6llisch. Vorsichtig lie\u00df er sich auf den kantigen Steinen nieder, lockerte die Riemen der Prothese unterhalb des Knies. Er lehnte den R\u00fccken an die m\u00e4chtigen Steine, streckte den Stumpf aus, zog\u00a0 eine zerfledderte Ausgabe der \u00bb<em>Sagen des klassischen Altertums<\/em>\u00ab aus dem Rucksack und r\u00fcckte die Brille mit den dicken Gl\u00e4sern zurecht. Ein zweiter Schliemann zu werden, davon hatte er getr\u00e4umt. Arch\u00e4ologie zu studieren und Fr\u00fchgeschichte.<br \/>\n\u00bbBrotlose Kunst\u00ab, hatte sein Vater gesagt, Majorsleutnant bei der Bundeswehr. \u00bbLiebhaberei f\u00fcr Weichlinge\u00ab.<br \/>\nAber er war ein Weichling. Er hatte dem h\u00e4uslichen Druck nicht standgehalten, sich f\u00fcr vier Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Sie nahmen ihn gerne, den blonden Surfer mit den muskelbepackten Schultern und der guten Kondition.<br \/>\nKrasse Fehlentscheidung, dachte er, als er das Buch beiseite legte, um in seinen ausgebeulten Leinenhosen nach Zigaretten zu fummeln. \u00dcber ihm die L\u00f6wen, deren bronzene K\u00f6pfe von Pl\u00fcnderern abgeschlagen worden waren. Verunstaltet wie er. Jonathan tastete vorsichtig \u00fcber sein Gesicht. Das rechte Auge hatte man retten k\u00f6nnen, aber \u00fcber die linke Gesichtsh\u00e4lfte zog sich eine wulstige Narbe vom Ohr bis zum Kinn. Die plastische Chirurgie k\u00f6nne Wunder bewirken, aber erst m\u00fcssten die Wunden gut verheilen. Er zog den Rauch tief in die Lunge. Hustete. Ein Kr\u00fcppel war er, ein Kr\u00fcppel mit einem Monstergesicht.<br \/>\nEin blasser Mond stieg langsam hinter den Zypressen auf. Zikaden ratschten l\u00e4rmend zwischen den Ruinen. K\u00fchl strich der Wind \u00fcber sein hei\u00dfes Gesicht. Mit der gesunden rechten Hand bl\u00e4tterte er vorsichtig die Seiten um. Las noch einmal die Geschichte vom Trojanischen Krieg. Von Ruhm und Ehre des Soldatenlebens, von Verrat, Machtgier, Gr\u00e4ueltaten und Tod. Er hatte sich freiwillig f\u00fcr den Afghanistan-Einsatz gemeldet. Zur Friedenssicherung, f\u00fcr den Aufbau einer stabilen Demokratie, hie\u00df es in offiziellen Verlautbarungen. Sein Vater war stolz auf ihn. Endlich.<br \/>\nJonathan dr\u00fcckte die Zigarette auf den Steinen aus. Eine unerkl\u00e4rliche Scheu hinderte ihn daran, den Stummel einfach auf dem Boden mit den glattpolierten Steinquadern liegen zu lassen. Sorgf\u00e4ltig steckte er ihn zur\u00fcck in die Packung. Er holte den Wodka aus dem Rucksack, klemmte die Flasche zwischen die Oberschenkel und drehte den Schraubverschluss auf, schluckte gierig. Genau hier unter dem Tor hatte Agamemnons Wagen anhalten m\u00fcssen, da die Rampe zur Burg zu steil gewesen war f\u00fcr die schweren Karren, vollgeladen mit geraubten Sch\u00e4tzen. Die Heimkehr des Siegers in seine m\u00e4chtige Burg. Und der Idiot wusste nicht, dass auch auf ihn der Tod wartete. Ein Sieger, der sich zu Tode gesiegt hatte.<br \/>\nEs hatte harmlos angefangen, mit Alkohol und Marihuana, wenn sie von einer Mission ins Lager zur\u00fcckgekommen waren und nicht schlafen konnten. Trotz des Verbotes kreisten Flaschen mit russischem Wodka. Ein Joint ging von Hand zu Hand. Aber bald reichte das nicht, um die Bilder des Tages zu verdr\u00e4ngen. Nachts rollten die Panzer durch seine Tr\u00e4ume, durch zerst\u00f6rte Siedlungen, vorbei an zerschossenen H\u00e4usern, vor denen schwarz verschleierte Frauen standen, die den Soldaten ihre verwundeten und verkr\u00fcppelten Kinder entgegenhielten und \u00bbM\u00f6rder, M\u00f6rder\u00ab schrien. Heroin tauchte auf. Eingeschmuggelt. Heimlich sogen sie das Pulver durch die Nase. Rausch und Erleichterung, wenn der Stoff die Blutbahn erreichte. Gn\u00e4diges Vergessen. Endlich wieder schlafen. Hatten auch damals die Krieger Drogen genommen, um das Schlachten besser ertragen zu k\u00f6nnen? Jonathan tastete in seinem Rucksack nach dem Fixerbesteck. Und der Kriegsgrund? Die sch\u00f6ne Helena? Die verschwand schon bei Kriegsbeginn von der B\u00fchne. Osama bin Laden? Al Kaida?\u00a0 \u00bbL\u00fcgen, alles L\u00fcgen\u00ab, hatte Jonathan geschrien, als der Oberstleutnant ihn im Krankenhaus besuchte und von Heldentum redete und vom Kampf f\u00fcr die Freiheit am Hindukusch.<br \/>\nFast ein Jahr lag der Einsatz zur\u00fcck. Sein Zug war in eine Sprengfalle geraten. Panzerwagen explodierten. Jonathan \u00fcberlebte den Anschlag schwer verwundet. Neben ihm, der Freund, der schreiend starb. Man flog ihn nach Hause, er wurde zusammengeflickt. Die Bilder lie\u00dfen ihn nicht schlafen. Kinder kamen aus dem Dunklen, krochen im Schlamm, ihre abgetrennten Arme und Beine vor sich herschiebend, vor Schmerzen wimmernd. Nur Tabletten halfen. Und Alkohol. Und der regelm\u00e4\u00dfige Schuss Heroin, den zu dr\u00fccken er gelernt hatte.<br \/>\nAgamemnon war als Sieger heimgekehrt. Nach zehn Jahren des Schlachtens und Mordens. Hatte er sich nach Klyt\u00e4mnestra gesehnt? Marieke hatte ihm nicht verziehen, dass er nicht mir ihr gemeinsam ins Studium gegangen war. Auf den Zivi h\u00e4tte sie gewartet, auf den Soldaten nicht. Sie besuchte ihn kurz im Krankenhaus. Doch was er in ihren Augen las, waren Schock und Mitleid. Nicht Liebe. Sie strich ihm fl\u00fcchtig \u00fcber die Wange. Weinte. Dann ging sie.<br \/>\nNun sa\u00df er allein unter dem gewaltigen L\u00f6wentor von Mykene. Hier wollten sie hin, gleich nach dem Abitur. Jonathan leerte den Inhalt des Rucksacks, riss hastig ein T\u00fctchen auf, und noch eins und noch eins, sch\u00fcttelte das wei\u00dfe Pulver auf den L\u00f6ffel, tr\u00f6pfelte Zitronensaft und Wasser hinzu. Er hielt das Feuerzeug unter den L\u00f6ffel und zog die Spritze auf, als sich das Pulver l\u00f6ste. Versager, dachte er, band den linken Arm ab. Zog mit den Z\u00e4hnen den Gurt stramm. Fand die Vene.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jonathan hatte sich in der unterirdischen Zisterne verborgen, als die W\u00e4rter den Eingangsbereich gegen 19 Uhr dichtmachten. Die flirrende Hitze \u00fcber der Argos-Ebene war einer angenehmen K\u00fchle gewichen. Leergefegt der Parkplatz mit den endlosen Schlangen von Touristenbussen. Auch die W\u00e4rter hatten sich verzogen. Feierabend. 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